Vom Schulleiter bis zum Gastronom
Sechs Beispiele – so sind Bielefelder vom Virus betroffen

Bielefeld (WB). Das Leben in Bielefeld wird von Sonntag an ein anderes sein: Schulen geschlossen, keine Veranstaltungen mehr, die Kinoleinwände bleiben dunkel, die Musikboxen in den Clubs und Diskotheken stumm, die Kirchen leer...

Samstag, 14.03.2020, 08:17 Uhr aktualisiert: 14.03.2020, 12:40 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa

Manche Bereiche leiden unter der Ausbreitung des Coronavirus mehr als andere, manche Menschen sind besonders von den getroffenen Entscheidung betroffen. Sechs Beispiele:

Der Eventmanager

Henner Zimmat, Kaufmannschaft Altstadt: „Es ist eine sehr schwierige Situation für alle Beteiligten. Seit Monaten stecken wir in den Planungen für das Straßenkunstfestival ‚Hut ab‘, das am 5. April erstmals in der gesamten Innenstadt mit verkaufsoffenem Sonntag stattfinden sollte. Jetzt müssen wir sehen, dass wir gute Lösungen mit den 200 Künstlerinnen und Künstlern finden.“

Mehr als 200.000 Besucher hatten sich die beteiligten Werbegemeinschaften City und Kaufmannschaft Altstadt erhofft. Es sollte ein buntes Fest werden mit Straßenkunst, Livemusik, Akrobatik, Comedy und Zauberei, das weit über die Grenzen Bielefelds für Schlagzeilen sorgen sollte. Eine große Werbekampagne war geplant, Genehmigungen mussten eingeholt werden. „Jetzt zerplatzt alles wie eine Seifenblase“, sagt Zimmat.

Das Problem ist: Die Veranstaltung kann nicht einfach so verschoben werden. Die Mitwirkenden sind über Wochen und Monate verbucht. „Somit versuchen wir jetzt, das ganze Programm auf das Jahr 2021 umzuorganisieren.“ Ziel sei es, die Künstler fair zu behandeln und zu guten Lösungen zu kommen. „Wir wollen sie ja nicht um ihre Gagen bringen. Da hängen zum Teil Existenzen dran.“

Alle Händler und auch die Sponsoren würden an einem Strang ziehen. Teamgeist sei gefragt. Rechtsstreitigkeiten mit Künstlern wolle niemand, betont Zimmat. Die Händler hätten Verständnis für die Entscheidung. „Die Gesundheit hat Vorrang. Der Kommerz ist da weniger wichtig.“

Der Sportler

Dirk Rabeneick, Jugend- und Spielwart des TuS 97 Bielefeld-Jöllenbeck : Wie im Amateur-Fußball kommt auch im Handball der komplette Spielbetrieb zum Erliegen. Der Handballverband Westfalen und der Kreis Bielefeld/Herford haben den Jugendspielbetrieb für diese Saison für beendet erklärt, der Seniorenspielbetrieb wird zunächst bis zum 19. April ausgesetzt.

Beim TuS 97 Bielefeld-Jöllenbeck, Bielefelds größtem Handballverein, sind davon insgesamt 41 (!) Mannschaften betroffen. „Wir haben den Trainingsbetrieb für alle Mannschaften mit sofortiger Wirkung bis einschließlich Ostern eingestellt und auch alle sonstigen Veranstaltungen abgesagt“, erklärt Dirk Rabeneick, Jugend- und Spielwart in Jöllenbeck.

Darunter fallen die Teilnahme am internationalen Hallenhandballturnier in Frederikshavn (Dänemark) über Ostern, an dem der Verein mit elf Jugendteams teilgenommen hätte, eine für den 20. März geplante Typisierungsaktion im Rahmen des Oberliga-Derbys gegen die TSG A-H Bielefeld oder ein Feriencamp in den letzten beiden Wochen der Sommerferien. „Ein geregeltes Vereinsleben ist nicht mehr möglich“, sagt Dirk Rabeneick, „aber wir unterstützen alle Empfehlungen der Gesundheitsbehörden.“ Die Maßnahmen hätten natürlich auch (erhebliche) finanzielle Einbußen zur Folge.

Als Alternative zu den bis Ostern abgesagten Trainingseinheiten würden sich Outdoor-Veranstaltungen anbieten. „Die Mannschaften können sich zum Beispiel zum Laufen verabreden.“

Der Künstler

Jürgen Rittershaus alias Heinz Flottman:„Das ist eine Situation, die es so noch nicht gegeben hat. Es ist beängstigend.“ Rittershaus ist als Comedian Heinz Flottmann und Mitglied des Trotz-Alledem-Theaters (Theaterhaus Feilenstraße) gleich doppelt von dem von der Stadt verordneten Veranstaltungsverbot betroffen. Seine Comedy-Stadtrundfahrten, seine Show ShOWL, Auftritte auf Stadtfesten – alles abgesagt. „Ich hoffe, das dauert nicht so lange. Das geht an die Existenz.“ Schließlich liefen die Kosten weiter, dreieinhalb Stellen hängen an dem Theaterhaus, Existenzen. Hinzu kommen Kosten für Gäste, Krankenkassenbeiträge, Miete. „Wir haben keine Rücklagen, eine längere Durststrecke ohne Einnahmen durchzustehen.“ Rittershaus hofft auf Hilfe von außen. „Es wird in dieser Zeit immer wieder die Solidargemeinschaft zitiert. Die haben gerade die freien Kulturträger jetzt bitter nötig.“

Der Kinobetreiber

„Dass wir uns Sorgen um unsere Existenz machen, wäre zu weit gegriffen. Dennoch fällt uns der Eingriff nicht leicht. Wir werden auf jeden Fall die gesetzlichen Möglichkeiten der Kurzarbeit ausschöpfen, um die Zeit der Schließung wirtschaftlich bewältigen zu können“, sagt Jürgen Hillmer, Geschäftsführer der Lichtwerk Filmtheater Betriebs GmbH mit Lichtwerk-Kino im Ravensberger Park und Kamera in der Feilenstraße. Probleme bereitet ihm auch, dass Filmverleihe jetzt schon Filme auf unbestimmte Zeit verschieben oder ganz absagen.

Gleichwohl begrüßt Hillmer die schnelle Reaktion der Stadt: „So schlimm das für uns auch ist, so gibt es doch deutliche Hinweise darauf, dass die Maßnahme nicht unvernünftig ist und dazu beiträgt, die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Die Schließung macht Sinn und ich bin überzeugt, dass nach Bielefeld und Kassel weitere Städte folgen.“

Der Gastronom

Irreparablen Schaden für die Branche befürchtet Andreas Büscher, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Ostwestfalen und Betreiber des Hotels und Restaurants Büscher in Quelle. „Wir haben Buchungseinbrüche und Stornierungen ohne Ende“, sagt Büscher.

Weil viele Firmen ihre Dienstreisen absagten, würden auch die Zimmer abbestellt. Auch viele private Feiern würden storniert, gefeiert werde aus Sicherheitsgründen offenbar lieber zu Hause. Und auch bei Gästen, die mit wenigen Personen einfach nur zum Essen ins Restaurant kommen wollten, gebe es deutliche Rückgänge.

Andreas Büscher befürchtet, dass die Maßnahmen noch weitergehen und die komplette Schließung der Betriebe angeordnet werden könnte. Schon jetzt geht der Dehoga von rund 80 Prozent Einbußen aus. „Und 90 Prozent der Betriebe haben nicht die nötigen Rücklagen, um das zu überleben“, sagt der Verbandspräsident. „Das ist eine Katastrophe. Wir brauchen Unterstützung, sonst werden das viele Betriebe nicht überleben.“

Der Schulleiter

Hans-Joachim Nolting, Schulleiter des Ratsgymnasiums: „Ich möchte und kann nicht seriös beurteilen, ob Schließungen von Schulen richtig sind oder nicht. Das sollen Virologen entscheiden. Wir sind gut beraten, uns auf die Aussagen der Fachleute zu verlassen und ihnen zu vertrauen.“

Im Hinblick auf die nächsten Tage und Wochen seien die Folgen der Schließung für das Ratsgymnasium noch gar nicht abzusehen. „Wer hätte denn vor ein paar Tagen gedacht, dass beispielsweise die Fußball-Bundesliga ihren Spielbetrieb aufgibt und nahezu alle Veranstaltungen abgesagt werden. In dieser Thematik steckt so viel Tempo. Da hat niemand einen Masterplan.“ Hans-Joachim Nolting hält es für richtig, von Tag zu Tag neu zu entscheiden. Bislang seien alle Studienfahrten und sonstige Termine der Lehrer abgesagt. Ein Großteil der 800 Schülerinnen und Schüler müssten jetzt mit Unterrichtsmaterial ausgestattet werden. „Wir müssen Zeit gewinnen. Das Gesundheitssystem muss so lange wie möglich aufrecht erhalten werden“, sagt der Schulleiter.

 

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