Familien am Feuerbachweg sollen für die Verlängerung der Linie 1 in Bielefeld ihre Gärten aufgeben – mit Kommentar Leidtragende der Stadtbahn-Planung

Bielefeld (WB). Der Garten am Feuerbachweg in Senne ist für Almir und Emina Redzic wie ein Wohn- und Spielzimmer unter freiem Himmel. Mit einem kleinen Tor und einem Ball wird er für die Kinder Ajla (11) und Ajdin (7) zum Fußballplatz, sieht mit einem Kaninchenstall und einer Holzhütte aus wie viele andere Gärten von Familien, die sich den Traum vom Eigenheim erfüllt haben. Dieser Traum könnte platzen, wenn die Stadtbahnlinie 1 nach Sennestadt verlängert wird.

Von Peter Bollig
Auf ihrem Grundstück markieren (von rechts) Almir (42) und Emina Redzic (37) gemeinsam mit ihren Nachbarn Heinz (63) und Sabine Neumann (60), Rechtsanwalt Claus-Rudolf Grünhoff sowie Nachbarin Martina Wallat (55), wie viel Gartenfläche zwischen der Brackweder Straße (hinten) und der Schaufel für den Stadtbahnausbau verloren gehen würde.
Auf ihrem Grundstück markieren (von rechts) Almir (42) und Emina Redzic (37) gemeinsam mit ihren Nachbarn Heinz (63) und Sabine Neumann (60), Rechtsanwalt Claus-Rudolf Grünhoff sowie Nachbarin Martina Wallat (55), wie viel Gartenfläche zwischen der Brackweder Straße (hinten) und der Schaufel für den Stadtbahnausbau verloren gehen würde. Foto: Bernhard Pierel

Denn für die Trasse soll die Familie einen Großteil ihres Grundstücks opfern. Ebenso wie bei den Nachbarn Martina und Matthias Wallat sowie Sabine und Heinz Neumann grenzt der Garten an die Brackweder Straße, deren Breite für den geplanten Stadtbahnbau an dieser Stelle bislang nicht ausreicht. Um unmittelbar vor ihren Reihenhäusern eine Haltestelle bauen zu können, benötigen Stadt und Mobiel die privaten Flächen.

Zufahrt fehlt

Die benachbarte Shell-Tankstelle soll ganz abgerissen werden, die drei Familien in den Reihenhäusern sollen sich von Gartenflächen trennen – und das nicht nur für Gleise und Gehweg: Die Eingänge der Häuser sind vom Feuerbachweg aus nur über einen Fußweg erreichbar. Was per Laster angeliefert werden muss, kommt über die Brackweder Straße, muss durch die Gärten transportiert werden. „Wir haben eine Pelletheizung und bekommen auf diesem Weg unseren Brennstoff“, sagt Almir Redzic. Wenn eines Tages die Gleise verlegt sind, wird es diesen Zugang nicht mehr geben. „Wir brauchen daher eine neue Zufahrt“, sagt Sabine Neumann. Auch die könne nur auf der Gartenseite liegen und würde die Gärten weiter dezimieren. Almir Redzic hat den Eindruck, dass dieser Weg in der Planung vergessen wurde. Von den rund 300 Quadratmetern seines Gartens dürften dann, so schätzt er nach Einsicht in die Pläne, nur 100 übrig bleiben – ein schmaler Rasenstreifen vor der Terrasse des Hauses. Fahrgäste in der Bahn und die Wartenden an der Haltestelle hätten einen direkten Blick auf die Terrasse und ins Wohnzimmer – sofern nicht eine Wand gebaut wird, die Lärm und Blicke, aber auch Licht und Ausblick aussperren.

Noch keine Verhandlungen

Die Situation belastet die drei Familien sehr, wie die Nachbarn betonen. Die Redzics wohnen seit 2009 am Feuerbachweg, die Wallats sind 1994 und die Neumanns 1996 in die 1980 gebauten Reihenhäuser gezogen. Sie betonen das gute Miteinander, bei dem eben auch die Gärten eine wichtige Rolle spielten.

Im Herbst hatten sie erfahren, dass ihre Grundstücke durch den Bau der Stadtbahn beschnitten werden. Mobiel und Stadt hatten die rund 70 Grundstücksbetroffenen informiert – allerdings nicht alle, wie die Nachbarn vom Feuerbachweg aus eigener Erfahrung wissen. Briefe sollen nicht angekommen oder an falsche Adressen verschickt worden sein. Bevor die Öffentlichkeit im Dezember über die Details informiert wurde, konnten die Betroffenen Einblick in die Pläne nehmen und sehen, wie die Trasse über ihre Grundstücke verläuft. „Die Gespräche waren schwammig“, sagt Sabine Neumann. Konkret über eine Entschädigung oder eine andere Lösung verhandelt wurde demnach nicht.

Lieber umziehen

Seitdem sei nichts passiert, müssen die Betroffenen mit dieser Information zurechtkommen. „Wir denken ständig daran“, sagt Martina Wallat. Die Nachbarn haben eigentlich Pläne. Sie wollen Bäder renovieren oder mit Blick aufs zunehmende Alter barrierefrei umbauen. Ob sich das noch lohnt, wissen sie nicht. Denn in Häusern fast ohne Gärten wollen sie nicht länger wohnen.

Die drei Familien lassen sich inzwischen von Rechtsanwalt Claus-Rudolf Grünhoff vertreten. Sein Ziel ist klar: Es gehe nicht allein um die Höhe der Entschädigung für den Verlust der Gärten. Vielmehr werde die Wohnqualität auf der Restfläche durch den Verlust der Gärten zu sehr eingeschränkt. Die Stadt solle daher nicht nur für den Verlust der Gärten entschädigen, sondern die gesamten Grundstücke samt Gebäude kaufen, damit seine Mandanten an anderer Stelle neu bauen könnten. „Meine Mandanten brauchen eine Perspektive“, sagt Grünhoff. Zweimal habe er der Stadt das Angebot unterbreitet und um Verhandlungsgespräche gebeten. Man wolle das überlegen, habe die Antwort gelautet. Es sei aber nicht zumutbar, „die ganze Planungsphase über nicht zu wissen, was kommt“, sagt der Rechtsanwalt.

Darauf könnte es aber hinauslaufen. Konkrete Verhandlungen über Grundstückskäufe werde es möglicherweise erst im Zuge des Planfeststellungsverfahrens geben, weil noch lange nicht klar sei, wie viel Platz die Stadtbahn und die umgestaltete Straße tatsächlich bräuchten, sagt Mobiel-Sprecherin Lisa Teichler. Diese Planung werde noch Jahre andauern. Obwohl sie regelmäßig selbst den ÖPNV nutzen, gehören die Nachbarn am Feuerbachweg zu den Bürgern, die jetzt darauf hoffen, dass die Stadtbahn gar nicht erst kommt. Eine Klage gegen das Projekt hält Claus-Rudolf Grünhoff daher für denkbar.

Kommentar

Viele Menschen vor allem in Sennestadt wünschen sich die Stadtbahnanbindung seit Jahrzehnten. Und sie dürfte ein wichtiger Beitrag zur Verkehrswende und zum Klimaschutz in Bielefeld werden. Dabei darf man nicht aus dem Blick verlieren, dass ein solches Infrastrukturprojekt einzelnen Betroffenen einiges abverlangt. Leidtragende sind Unternehmer, wenn etwa ein Lokal oder eine Tankstelle abgerissen wird. Es sind insbesondere auch Anlieger wie die Nachbarn am Feuerbachweg, bei denen nicht nur ein Wertverlust ihres Eigentums droht, der entschädigt werden muss. Es ist vor allem eine emotionale Belastung, die ihnen zugemutet wird.

Wenn in der Diskussion ab­strakt von Grundstücksbetroffenen gesprochen wird, muss klar sein, dass es ganz konkret um persönliche Schicksale, um weitreichende Einschränkungen der Lebensqualität geht. Das sollte den Planern bewusst sein, die die Betroffenen nicht jahrelang in einer unklaren Lebenssituation lassen sollten. Es muss auch denjenigen klar sein, die mit Blick auf die vorgelegte Planung empört auf zu schmale Radwege oder fehlende Abbiegespuren verweisen. Wer da mehr fordert, fordert zwangsläufig von den Anliegern weitere Zugeständnisseein. Peter Bollig

Kommentare

Gleichwertiger Ersatz = Problem fast gelöst

Wieso wird den Betroffenen nicht von Anfang an ein mindestens gleichwertiger Ersatz angeboten.

Natürlich zieht keiner gerne um. Vermutlich wären die Ängste der Betroffenen wesentlich kleiner, wenn sie z.B. aus drei mindestens gleichwertigen Angeboten ein neues Zuhause aussuchen könnten oder auf Wunsch eine marktübliche Entschädigungszahlung bekämen.

Wie viel teurer kann das sein, wenn ansonsten ein langjähriger Klageweg droht?

Aber ist diese Variante, um die 70 Eigentümer zu beschneiden, nicht schon wieder vom Tisch?

2 Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7314437?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F