Die Spielzeit 2020/21 in Bielefeld setzt auf experimentelle Formate, bedient aber auch die Klassiker Theater nimmt Kurs auf die Zukunft

Bielefeld (WB). „Alles könnte anders sein“, und zwar in einem unguten Sinn. Obgleich der Lebensstandard in Deutschland höher als der des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. ist, die Lebenserwartung und das Bildungsniveau besser denn je sind, der Rechtsstaat Freiheit und Sicherheit und die Demokratie Mitbestimmung garantieren, so wird doch überall auf hohem Niveau gejammert.

Von Uta Jostwerner
Programmgestalter und Verantwortliche am Theater Bielefeld präsentieren den neuen Spielplan: Verwaltungsdirektorin Ilona Hannemann (von links), Generalmusikdirektor Alexander Kalajdzic, Schauspielerin Doreen Nixdorf, Musikdramaturg Jón Philipp von Linden, Schauspielerin Brit Dehler, Schauspieldirektor Christian Schlüter, Intendant Michael Heicks, Chefchoreograf Simone Sandroni und Vermittlungsmanager Gianni Cuccaro.
Programmgestalter und Verantwortliche am Theater Bielefeld präsentieren den neuen Spielplan: Verwaltungsdirektorin Ilona Hannemann (von links), Generalmusikdirektor Alexander Kalajdzic, Schauspielerin Doreen Nixdorf, Musikdramaturg Jón Philipp von Linden, Schauspielerin Brit Dehler, Schauspieldirektor Christian Schlüter, Intendant Michael Heicks, Chefchoreograf Simone Sandroni und Vermittlungsmanager Gianni Cuccaro. Foto: Thomas F. Starke

„Dabei“, so Michael Heicks, „umgibt uns ein riesiger Horizont voller Möglichkeit.“ Man müsse nur den Kurs ändern. Auch die Theaterschaffenden hätten in einer privilegierten Zeit hohen Publikumszuspruchs damit begonnen, Strukturen zu befragen und weiterzuentwickeln, sagte Bielefelds Intendant, als er am Mittwoch gemeinsam mit den Spartenleitern die Produktionen der kommenden Spielzeit am Theater Bielefeld vorstellte. Neben den bewährten Klassikern befindet sich darunter allerhand Raum für neue, experimentelle Formate und so viele Uraufführungen wie noch nie.

Das Musiktheater

Das Musiktheater eröffnet die Spielzeit traditionell mit einem Musical: „Stephen Sondheims ‘Die spinnen, die Römer!’ parodiert die seinerzeit so beliebten Monumentalfilme wie Quo vadis“, sagt Musikdramaturg Jón Philipp von Linden in Vertretung für die in Graz unabkömmliche Operndirektorin Nadja Loschky. Neben Mozarts „Entführung“ und Puccinis „La Bohème“ – „Wir wollen das Puccini-Bild weiterentwickeln und die transparenten Strukturen herausarbeiten“, sagt Bielefelds GMD Alexander Kalajdzic – wartet das Musiktheater unter anderem mit Benjamin Brittens „Ein Sommernachtstraum“, Leonard Bernsteins komischer Oper „Candide“ und Leoš Janáčeks Oper „Die Ausflüge des Herrn Bouček“ auf.

Als Hommage ans Beethoven-Jahr ist die Oper „Egmont“ von Christian Jost in deutscher Erstaufführung zu erleben, und als spartenübergreifende Produktion dient die musikalische Revue „Linie 1“ von Birger Heymann.

Die Sparte Tanz

Die Sparte Tanz beschäftigt sich zu Beginn der Saison mit Herman Melvilles Abenteuerroman „Moby Dick“, wobei Chefchoreograf Simone Sandroni und sein Ensemble das Spannungsfeld zwischen Zivilisation und Naturgewalt beleuchten. Nach dem erfolgreichen Auftakt „Noostopia“ wird es erneut einen Tanzabend zum Thema Digitalisierung geben. Für die dritte Produktion kehrt der gefeierte Choreograf Sharon Fridman nach Bielefeld zurück, wo er gemeinsam mit Simone Sandroni unter dem Titel „Chronos“ einen zweiteiligen Tanzabend zum Thema Zeit inszenieren wird. Des Weiteren gibt es ein Wiedersehen mit Gregor Zöllig. Der ehemalige Chefchoreograf präsentiert eine bilderreiche „Winterreise“ als Gastspiel.

Das Schauspiel

Das Schauspiel stellt mit gleich sieben Uraufführungen einen neuen Rekord auf. „Wir haben in den vergangenen Jahren bei Verlagen und Autoren an Vertrauen gewonnen“, freut sich Heicks. Den Auftakt macht eine Bühnenadaption von Matthias Brandts Romanbestseller „Blackbird“, gefolgt von Dominik Busch’ „Dein Platz in der Welt“.

Es folgen Mary Shelleys zeitloses Meisterwerk „Frankenstein“ und die amüsante und lebensbejahende Komödie „Hase Hase“ von Coline Serreau. Und natürlich steht in der Weihnachtszeit wieder ein großes Familienstück auf dem Programm, in diesem Jahr der beliebte Klassiker „Der Räuber Hotzenplotz“ von Otfried Preußler.

Mit einem Abend über die Freundschaft zwischen Philosophin Hannah Arendt und Autorin Mary McCarthy, „Two women waiting for“ geht es weiter. Auf der Stadttheater-Bühne zeichnet des Weiteren Klaus Manns „Mephisto“ ein bestechendes Bild der 1930er Jahre in Deutschland und Kleists „Marquise von O ...“ muss sich als junge Frau in einer doppelmoralischen Gesellschaft behaupten.

Mit „Achilleus“ ist nach 2013 und 2015 erneut ein Werk von Mario Salazar zu sehen, und der künstlerische Betriebsdirektor Christof Wahlefeld, der – wie berichtet – sein Studium mit dem Schreiben von Groschenromanen finanzierte, schrieb fürs Theater „Cry Baby“, ein Stück über die Musiklegende Janis Joplin.

Gegen Ende der Spielzeit feiert „Der Sturm“ Premiere auf der großen Bühne. In seinem letzten Stück vereinte Shakespeare Politthriller, Komödie, Fantasy und Romanze. Als letzte Produktion entsteht erneut ein Projekt in der Neue-Wege-Reihe „Laboratorium“, diesmal mit dem feministischen Theaterkollektiv Henrike Iglesias. Zudem wagt sich das Schauspielensemble mit „Familie Phlox explodiert“ bereits zum dritten Mal an ein eigenes Projekt.

Die Vermittlungsabteilung richtet in sämtlichen Sparten ein reiches Mitmachangebot für Interessierte jeden Alters aus.

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