Hamed Alhamed (29) berichtet in Bielefeld-Brackwede von seiner Flucht aus Syrien
Vom Euphrat bis nach Münster

Bielefeld (WB). Das kleine Mädchen am Straßenrand singt ein fröhliches Kinderlied. Stolz schaut sie in die Kamera, mit der ihr Vater sie filmt. Plötzlich hört man einen lauten Knall, das Bild wird einen Moment lang schwarz. Dann fängt das Mädchen laut an zu schreien, lässt sich auch nicht von ihrem Vater beruhigen. Die Bombe hat alles um sie herum in Trümmer gerissen und in weißen Staub gehüllt.

Sonntag, 01.03.2020, 12:00 Uhr

Die Schüler der Brackweder Realschule, denen Hamed Alhamed dieses Video zeigt, schauen betroffen zu. Rund 400 Schüler der 8. bis 10. Klasse haben sich an diesem Morgen in der Aula eingefunden, um Alhameds Vortrag zu hören. Der 29-Jährige stammt aus Deir ez-Zor am Euphrat in Syrien. Seit Oktober 2015 wohnt er in Deutschland. Zusammen mit seinem Bruder schickte ihn seine Familie nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs auf die Flucht. Von seiner Flucht sowie vom Leben in Syrien und Deutschland berichtet er nun in seinen Vorträgen.

Die Brackweder Realschule ist seit 2012 Teilnehmer der Initiative „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Im Rahmen dieses Netzwerks haben Schüler und Lehrer des „SoR“-Teams Hamed Alhamed kennengelernt und ihn nach Brackwede eingeladen.

90 Minuten volle Aufmerksamkeit

Seine Arbeit als Mediengestalter merkt man der Präsentation Alhameds an. Mit Grafiken und persönlichen Bildern und Videos gelingt es ihm, für etwas mehr als 90 Minuten die volle Aufmerksamkeit der Zuhörer zu gewinnen. Immer wieder bezieht er die gespannt zuhörenden Schüler durch Fragen – etwa zur landestypischen Küche – mit ein: „Wisst ihr, was Taboulé ist?“ Schlagwortartig beschreibt er sein Leben in Syrien vor dem Krieg, zeichnet das Bild eines friedlichen Miteinanders. „Es war normal, dass Muslime und Christen zusammen feiern.“

Nur eines fehlte – die Meinungsfreiheit. Alhamed versucht, seinen Zuhörern die Gründe für den Bürgerkrieg zu erklären. Wie die Demonstranten gegen das Assad-Regime vom Militär beschossen wurden und manche zurückschossen. Und wie das Regime und die verschiedenen Rebellengruppen irgendwann nicht mehr zwischen Kämpfern und Zivilisten unterschieden, sondern im ganzen Land Bomben fielen. Alhamed verlor seine besten Freunde durch den IS. „Und dann fragen uns Leute, warum wir in Deutschland sind!“

7000 Euro kostete die Flucht

Nach einem Bombeneinschlag in ihrem Haus flohen sein Bruder und er dann, zuerst von Syrien in die Türkei. 7000 Euro kostete die Flucht für beide. Die übrigen vier Geschwister und ihre Eltern blieben in Syrien zurück. Nach einem Jahr hatten die beiden genügend Geld und setzten ihre Flucht nach Deutschland fort. Einen Teil davon haben sie gefilmt und bei Youtube hochgeladen.

Angekommen in Münster, holte Hamed Alhamed eine offizielle Ausbildung zum Mediengestalter nach. Mit viel Humor berichtet er nun von seinen Erfahrungen mit der deutschen Sprache und Kultur. Von den Vorträgen erhofft Alhamed sich finanzielle Unterstützung für seine Familie in Syrien – wenn er sie schon nicht nachholen kann. Außerdem möchte er den Schülern zeigen: “Ich bin wie Ihr und will nur ein normales Leben haben.“

Schulleiterin Annette Bondzio-Abbit ruft zu einem Miteinander ohne rassistische Vorurteile auf. Sie lobt Alhamed: „Sie haben jeden im Raum erreicht und ein besseres Bild der Situation gezeigt.”

In diesem Jahr muss Alhameds Asylantrag für Deutschland verlängert werden. Bisher wartet er aber noch auf die Antwort der Behörden. „Ich fühle mich hier sicher und habe Freunde gefunden. Das möchte ich nicht verlieren.“

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