Überwiegend milde Verläufe – Ärzte raten: Ruhe bewahren – Stadt hat Pandemieplan
„Coronavirus wird Bielefeld erreichen“

Bielefeld (WB). Für Dr. Peter Schmid ist es keine Frage: Das Coronavirus wird Bielefeld erreichen. „Es ist nur eine Frage des Wann. Die Dynamik der Erkrankungsfälle legt das nahe.“ Ein Grund zur Panik ist das für den Leiter des Bielefelder Gesundheitsamtes aber keineswegs.

Donnerstag, 27.02.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 27.02.2020, 15:14 Uhr
Dr. Peter Schmid erwartet, dass die Welle der Infektionen mit dem Coronavirus auf Bielefeld zurollt. Foto: Thomas F. Starke

Diese Einschätzung teilt er mit befragten Klinikärzten. Denn zu 80 Prozent verläuft die Infektion mit dem neuen Coronavirus milde, zuweilen fast unbemerkt. „Die Sterblichkeit liegt niedriger als bei der Grippe“, betont Schmid. Für beide Erkrankungen gilt, dass vor allem alte und immungeschwächte Menschen gefährdet sind.

Es gibt einen Pandemieplan

Unvorbereitet träfe eine Erkrankungswelle die Stadt nicht: Es gibt einen Pandemieplan, ursprünglich formuliert für die Influenza. Er würde auch bei einer Häufung von Coronafällen greifen: „Beides sind Atemwegserkrankungen mit ähnliche Übertragungswegen und Symptomen.“ Von Schulschließungen und ähnlich drastischen Maßnahmen hält Schmid nicht viel: „Der Effekt ist wissenschaftlich nicht belegt.“ Maßnahmen dieser Art, mahnt er, würden das öffentliche Leben zudem erheblich stören. Und auch wenn die Isolation einzelner Erkrankter von Amts wegen erzwungen werden kann: Womöglich die ganze Stadt abzuriegeln, findet der Leiter des Gesundheitsamtes unverhältnismäßig. „Das wäre auch ein enormer Eingriff in die Freiheit.“

Gespräch in großer Runde

Am kommenden Mittwoch findet im Gesundheitsamt ein Gespräch in großer Runde statt, Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte, Rettungsdienst und Feuerwehr inklusive. „Dann wird über mögliche Abläufe und Falldefinitionen gesprochen.“

Wer Sorge hat, sich mit dem Coronavirus infiziert zu haben, mahnt Schmid, sollte weder seinen Hausarzt noch ein Krankenhaus aufsuchen, da das einer weiteren Verbreitung Vorschub leisten würde: Er sollte sich vielmehr zuerst telefonisch bei seinem Arzt oder beim Gesundheitsamt Rat holen. Im Telefonat werden Risiken abgefragt, etwa ob Kontakt zu einem bestätigten Corona-Fall bestand oder der Betroffene sich in bestimmten Regionen Chinas, des Iran, Südkoreas oder Italiens aufgehalten hat. Daraus resultiert dann unter Umständen die Empfehlung, über einen Abstrich und einen Test Klarheit zu erhalten. Einige Tests, so Schmid, wurden in Bielefeld bereits vorgenommen, weil die Betroffenen sehr besorgt waren. Da eine fachliche Begründung dafür allerdings nicht vorlag, mussten sie die Testung selbst bezahlen. In allen Fällen konnte Entwarnung gegeben werden.

Keine spezielle Therapie

„Aktuell gilt: Wer Gliederschmerzen, Schnupfen und Husten hat, hat wahrscheinlich einen grippalen Infekt. Vielleicht auch eine Grippe. Und erst ganz am Ende vielleicht eine Infektion mit dem Coronavirus“, sagt Dr. Wolfgang Schmidt-Barzynski, Ärztlicher Direktor des Klinikums. Ein Arztbesuch oder Krankenhausaufenthalt, betont er, sei auch bei einer Infektion mit dem Coronavirus nur bei schweren Verläufen nötig. „Wer noch trinken und zur Toilette gehen kann, sollte die Erkrankung wie bei einer Influenza Zuhause auskurieren.“

Zumal es, wie Dr. Christiane Scherer, Mikrobiologin am Evangelischen Klinikum Bethel, sagt, ohnehin keine spezielle Therapie gegen „Corona“ gibt. „Dafür ist das Virus noch zu neu.“ Diese Neuheit bedeutet aber eben auch, dass das menschliche Immunsystem noch nicht darauf eingestellt ist.

„Nur fünf Prozent der Coronainfektionen verlaufen schwer“

Ansonsten, sagt Peter Schmid, seien die großen Bielefelder Krankenhäuser auf den Fall der Fälle vorbereitet. „Es gibt bei uns einen Krankenhauseinsatz- und Alarmplan“, bestätigt Dr. Hans-Hermann Kottkamp, Chefarzt der Zentralen Notaufnahme am EvKB. Wie bei einem Massenanfall von Verletzten würden dann ganze Stationen für betroffene Patienten frei gemacht und geplante Eingriffe verschoben. Die Ablaufroutinen entsprächen den Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes. Grundsätzlich, ergänzt Scherer, sollten ins Krankenhaus nur die schweren Verläufe kommen, damit die Versorgungsstrukturen aufrecht erhalten werden könnten. „Nur fünf Prozent der Coronainfektionen verlaufen schwer.“

Einhellig raten alle Mediziner dazu, Ruhe zu bewahren und betonen, dass die „normale“ Grippe derzeit noch das größere Risiko darstellt: „Deutschlandweit hatten wir in dieser Saison bereits 80.000 Fälle und Dutzende Tote“, sagt Scherer. Und Schmidt-Barzynski konstatiert mit Blick auf Influenza und Coronainfektion eine „Verzerrung der Risikowahrnehmung“. Gleichwohl scheint die Angst vor dem Coronavirus größer: „Alles, was neu ist und unbekannt, macht Angst“, sagt Schmid.

Atemschutzmasken ausverkauft

Die Furcht hat zu einer enormen Nachfrage nach Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln geführt: Beides ist in den Bielefelder Apotheken ausverkauft – im Gegensatz zum Grippe-Impfstoff. „Und wir haben auch keine Chance auf Nachschub“, sagt Sandra Krüger von den Busch-Apotheken. Sie selbst hat sich nicht eingedeckt: „Ich habe immer ein Handreinigungsgel dabei, das ist der beste Schutz.“

Vorbeugend, raten die Mediziner, sollte man Menschenansammlungen möglichst vermeiden, auf das Händeschütteln zur Begrüßung verzichten und sich mehrmals am Tag gründlich die Hände waschen. Zudem sollte eine strikte Husten- und Nieshygiene (in die Armbeuge!) eingehalten werden.

Kommentare

Raphael Lipka  wrote: 28.02.2020 03:12
Heilung in Thailand - Coronavirus
Heilung in Thailand - Coronavirus

Die Ärzte gaben der Frau eine Kombination aus dem Grippe-Medikament Oseltamivir und den zur Behandlung von HIV eingesetzten antiviralen Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir. Nun solle der Medikamentencocktail im Labor weiter getestet werden, erklärte das Ministerium.

Freundliche Grüße
Raphael Lipka
nocebo  wrote: 27.02.2020 09:24
Womoeglich ...
hat das Virus aber noch nichts davon gehoert, dass es Bielefeld dann doch gibt. Was soll es dann in Bielefeld wenn es soviele andere Staedte besuchen kann, deren Existenz schon viel laenger gesichert ist.
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