Ein ganz persönlicher Rückblick auf die Zeit der britischen Streitkräfte in Bielefeld
Tschüss, liebe Nachbarn!

Bielefeld (WB). 75 Jahre lang waren sie Teil des Stadtbildes in Bielefeld. Nun endet diese Ära. Die britischen Streitkräfte verlassen Deutschland und räumen am Donnerstag, 27. Februar, ihr Hauptquartier in der Catterick-Kaserne an der Detmolder Straße.

Dienstag, 18.02.2020, 16:00 Uhr aktualisiert: 18.02.2020, 20:16 Uhr
WESTFALEN-BLATT-Redakteur Hendrik Uffmann vor den Häusern der Briten-Siedlung in Sieker, in deren Nähe er aufgewachsen ist. Foto: Thomas F. Starke

Die Briten in Sieker

1/3
  • Trauerfeier für Oberst Mark Coe, der 1980 in Bielefeld erschossen worden war.

    Trauerfeier für Oberst Mark Coe, der 1980 in Bielefeld erschossen worden war.

    Foto: Ed Heidmann
  • Ein Transporthubschrauber „Chinook“, wie er häufig bei Manövern zu sehen war.

    Foto: Stefan Hörttrich
  • Britische Soldaten sind sichtlich amüsiert auf Fahrrädern unterwegs.

    Foto: Ed Heidmann

Viel ist diskutiert und gestritten worden um die Zukunft der Wohnhäuser und Kasernen, die nun leer stehen – und die Debatten sind noch lange nicht beendet. Für mich werden angesichts des Abzugs der britischen Soldaten und ihrer Familien aber auch jede Menge Erinnerungen wach. Daran, wie ich sie ganz persönlich wahrgenommen habe, die „Tommys“, wie wir sie als Kinder genannt haben, ohne uns des abfälligen Untertons dieses Begriffs bewusst zu sein.

Denn aufgewachsen bin ich dicht dran am Leben der britischen Soldaten und ihrer Familien. In Sieker, wo die ehemalige Ripon-Kaserne zwischen Detmolder Straße und Lipper Hellweg nur wenige Fußminuten entfernt war und die Reihenhäuser, in denen die Familien lebten, fast direkt an den Garten meines Elternhauses grenzten.

Schul-Englisch aufpoliert

So gehörte beides zum Alltag – war eine Selbstverständlichkeit, über die wir Kinder aus der Nachbarschaft uns keine Gedanken machten. Wenn wir in den Wiesen und Wäldchen hinter unserer Siedlung unterwegs waren, um Buden zu bauen oder waghalsige Fahrradpisten anzulegen, dann waren die Kinder der „Engländer“ meist nicht weit.

Und so übten wir schon früh, uns irgendwie verständlich zu machen – erst mit „Händen und Füßen“, später mit dem ersten Schul-Englisch, das wir dabei gleich ein wenig aufpolieren konnten. Manchmal spielten wir gemeinsam, manchmal regten wir uns darüber auf, wie sorglos die britischen Kinder mit der Natur umgingen, wenn sie Müll liegen ließen oder junge Bäumchen abhackten, um einen Unterstand zu bauen. Und hin und wieder flogen zwischen uns auch die Steine, ohne dass es dafür wirklich einen Grund gab. Und – zum Glück – ohne, dass dabei jemand ernsthaft verletzt wurde.

Transporthubschrauber beobachtet

Nur in einem Fall kam es zu einem heftigeren Zusammenstoß, als wir unsere neue Seifenkiste an der steilsten Straße im Viertel testeten und in der Kurve so ins Schleudern gerieten, dass wir mit voller Wucht seitlich ein Auto rammten, das einem der Soldaten gehörte. So lernte ich gleich eine neue Vokabel – „Insurance“.

Die Arbeit der Väter unserer englischen Spielkameraden fanden wir als Kinder spannend. Als die Ripon-Kaserne noch in Betrieb war, knatterten fast täglich die Hubschrauber des Typs Aérospatiale „Gazelle“ der britischen Heeresflieger über unser Hausdach. Wenn im Herbst die Manöver anstanden, postierten wir uns am Jagdweg neben dem Landeplatz an der Catterick-Kaserne, auf dem dann die schweren Chinook-Transporthubschrauber starteten – aus den offenen Seitentüren winkten uns die Lademeister ganz lässig zu. Und wenn eine Funk-Einheit auf dem Hermannsweg neben dem Aussichtsturm am „Eisernen Anton“ ihr Lager aufschlug, dann machten wir uns dorthin auf den Weg.

Grelle Weihnachtsdeko

Aber auch sonst gehörten „die Engländer“ einfach immer dazu. Auf dem Weg zur Schule kamen wir an den Gruppen der Kinder vorbei, die in Schuluniform darauf warteten, vom Bus abgeholt zu werden. Im Winter wunderten wir uns, wenn die Frauen mit Bademantel und Schlappen im Schneematsch vor der Haustür standen, um sich unterhalten, dabei ihre nur mit Windeln bekleideten Babys auf dem Arm haltend – bis heute überlege ich, ob dies der Grund ist, warum Briten anscheinend nicht in der Lage sind, zu frieren. Und im Dezember begutachteten wir die leuchtend-bunte und je nach Betrachtungsweise kitschige oder fröhliche Weihnachtsdekoration in den Fenstern der Reihenhäuser mit einer Mischung aus Faszination und Ratlosigkeit.

Tödlicher IRA-Anschlag

Dass die britischen Soldaten auch in Friedenszeiten in Gefahr sein konnten, machten wir uns nicht klar. Als im Februar 1980 Oberst Mark Coe vor seiner Haustür in der Joseph-Haydn-Straße in einer nicht weit entfernten anderen britischen Siedlung mit drei Schüssen ermordet wurde, bekamen wir Kinder davon nicht viel mit. Doch später, während des ersten Golfkriegs 1990, patrouillierten britische Streifen durch die Engländersiedlung an der Amundsen- und Sven-Hedin-Straße. Wohl um den deutschen Nachbarn keinen zu großen Schrecken einzujagen und einen etwas „zivileren“ Eindruck zu machen, trugen sie Pullover und keine Gewehre, hatten neben dem Funkgerät wohl aber einen Dienstrevolver umgeschnallt. Irgendwann waren an die Autos der britischen Familien keine Kennzeichen mehr mit weißen Ziffern und Buchstaben auf schwarzem Grund geschraubt, die sie sofort als Militärangehörige auswiesen, sondern zivile Nummernschilder. Und auf dem Heimweg vom Dienst trugen die Soldaten bunte Sportjacken über der Uniform.

EM-Elfmeter-Krimi 1996

Als bedrohlich oder fremd habe ich „die Engländer“ nie wahrgenommen. Wie sehr diese Perspektive aber auch durch mein Alter geprägt ist, habe ich als junger Erwachsener im Gespräch mit einem Bekannten meiner Eltern realisiert. Für ihn, der den Zweiten Weltkrieg noch als Jugendlicher erlebt hatte, waren es Besatzungstruppen – während ich sie immer als Soldaten aus einem befreundeten Land gesehen habe.

Wenn es für mich gegen „die Engländer“ ging, dann nur beim Fußball. Bei der Fußball-Europameisterschaft 1996 erlebten wir den Halbfinal-Elfmeter-Krimi auf der Terrasse vor dem Fernsehen und tauschten mit den britischen Nachbarn einige Gärten weiter im Wechsel Schreie der Freude und Verzweiflung aus.

Ein wenig Wehmut

Wenn die Briten nun abgezogen sind, wird es manches geben, das ich nicht vermisse. So sehr mich die Fliegerei auch fasziniert hat und immer noch begeistert: Dem Hubschrauberlärm, der als Kind noch nach Abenteuer klang, trauere ich nicht hinterher. Auch die junge Familie, die während des ganzen Sommers bei jeder geeigneten Witterung – und für Briten gehört dazu anscheinend auch durchdringender Nieselregen – ebenso fröhliche wie lautstarke Grillpartys gefeiert hat, bräuchte ich nicht unbedingt noch einmal in der Nachbarschaft.

Ein wenig Wehmut kann ich allerdings nicht verleugnen, wenn ich an die Jahrzehnte denke, die ich beinah Tür an Tür mit „den Engländern“ gewohnt habe. Und, wer weiß, vielleicht rührt daher auch mein Faible für das Britische, das ich bis heute spüre – für die Fähigkeit, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen, für Skurrilitäten, für Understatement und den Sinn für Fairness – und für Wachsjacken. Und bis heute hat der Radiosender BFBS seinen festen Speicherplatz in meinem Autoradio.

In jedem Fall bin ich gespannt, was folgt, was mit den Kasernen und Häusern geschieht und ob es gelingt, deren Wechsel ins Zivile erfolgreich und zum Wohle möglichst vieler Menschen in der Stadt zu gestalten. Und den letzten Familien und Soldaten, die Bielefeld nun verlassen, sage ich: Tschüss, liebe Nachbarn!

 

Vermietung der ersten Briten-Häuser in Bielefeld-Sieker ist angelaufen

In Bielefeld geben die britischen Streitkräfte bis zum 31. März 2020 insgesamt 452 Wohneinheiten an die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) als Eigentümerin zurück. Diese sind in Sieker im Bereich Sperberstraße (48 Häuser), im „Forscherviertel“ (99 Häuser zum Beispiel an der Amundsenstraße) und im „Musikerviertel“ (38 Häuser, zu Beispiel in der Joseph-Haydn-Straße); in Stieghorst im Bereich Gumbinner Straße (54 Häuser) und Am Niederfeld (52 Häuser); in Heepen im Bereich Am Dreierfeld (141 Häuser) sowie in Brackwede in der Kölner Straße (20 Wohneinheiten, davon zwölf in zwei Mehrfamilienhäusern).

 Die Reihenhäuser haben eine Wohnfläche von etwa 70 bis 85 Quadratmeter, die Doppelhäuser von etwa 90 und 125 Quadratmeter, die Einfamilienhäuser zwischen 120 und 185 Quadratmeter. Die Wohnungen sind jeweils rund 70 Quadratmeter groß.

Im „Forscherviertel“ sind die ersten Wohngebäude bereits an die Mieter übergeben worden. Die beiden Mehrfamilienhäuser in Brackwede hat die BImA seit Anfang Januar 2020 der Stadt Bielefeld zur Nutzung überlassen. Die Wohngebäude werden auch am freien Wohnungsmarkt zu Vermietung zur ortsüblichen Miete angeboten, so die BImA.

Bei den Mietobjekten laufen derzeit noch technischen Prüfungen zur Gebäudetechnik, also Elektroinstallationen, Heizungsanlagen und Trinkwasserleitungen. Zudem wird jeweils der für Wohnungsvermietungen übliche Energieausweis erstellt. Alle Häuser, die nicht von den britischen Streitkräften modernisiert worden sind, will die BImA – sofern notwendig – sanieren.

Wer sich für die Immobilien interessiert, erhält weitere Informationen per Mail an: FM-Vermietung.OWL@bundesimmobilien.de.

 

 

Kommentare

Leo-Armine  wrote: 19.02.2020 19:48
Sehr schöner Artikel, Danke!
Und ans Lions Heart erinnere ich mich noch. Und an die alljährliche Christmas Panto von Theatre 39 in Catterick Hall, einmal spielte auch ein Kollege von BFBS mit. Those were the days.
Marcus  wrote: 19.02.2020 12:24
Left, right...
Als Kind der 70er erinnere ich mich besonders an "Left, right, Left, right, Left, right..." das ich vom offenen Fenster des Kinderzimmers hörte wenn die Engländer an unserem Haus vorbei liefen. Das habe ich auch nach 40 Jahren immer noch irgendwie im Ohr.
Schön geschrieber Artikel. Danke dafür.
Total 2 comments
Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7270700?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
Bauen für die Nach-Corona-Zeit
Höffner wird am 30. Juli das neue Möbelhaus in Paderborn eröffnen. Foto: Oliver Schwabe
Nachrichten-Ticker