Das Wortprotokoll einer Bombendrohung: Nachtmanager des Légère Hotels verwickelt anonymen Droh-Anrufer in Gespräche – mit Fotostrecke „20.000 Euro überweisen oder Bombe explodiert in 10 Minuten“

Bielefeld (WB). Als Hotelmanager Ertan Sen am frühen Freitagmorgen in Bielefeld den ersten von zwei Drohanrufen erhält, ist ihm schnell klar: Das ist kein Spaß! „20.000 Euro überweisen auf meine Bitcoin-Konto oder Bombe explodiert in 10 Minuten“, sagt eine männliche Stimme mit Nachdruck.

Von Christian Bröder und Christian Müller (Video)
Das Légère Hotel am Neumarkt in Bielefeld ist am Freitagmorgen evakuiert worden, nachdem es eine Bombendrohung gegeben hatte. Der Manager des Hotels hat den anonymen Anrufer in zwei mehrminütigen Telefonaten ins Gespräch verwickelt.
Das Légère Hotel am Neumarkt in Bielefeld ist am Freitagmorgen evakuiert worden, nachdem es eine Bombendrohung gegeben hatte. Der Manager des Hotels hat den anonymen Anrufer in zwei mehrminütigen Telefonaten ins Gespräch verwickelt. Foto: Christian Müller

Es ist der Beginn der Bombendrohung auf das Bielefelder Légère Hotel , die in der Nacht zu Freitag für eine Evakuierung von 106 Gästen und einen bis 4.15 Uhr andauernden Polizeieinsatz mit Spürhund-Suche gesorgt hat.

Das Wortprotokoll einer Bombendrohung: Der 42-jährige Hotelmanager Sen reagiert schnell und besonnen, verwickelt den Anrufer in zwei Gespräche, die dem WESTFALEN-BLATT vorliegen. „Weißt Du, in welchem Hotel Du gerade bist?“, fragt der Bad Salzufler. Der anonyme Drohanrufer reagiert verdutzt und antwortet mit jugendlich wirkender Stimme: „Was wollen Sie? Überweisen Sie oder nicht? Ich will hier keinen Smalltalk machen...“

„Hier ist Hamburg, junger Mann“

Nein, ein lockeres Alltagsgespräch ist das wahrlich nicht, was da mitten in der Nacht in dem Hotel mitten in der Bielefelder City geführt wird. Während Sen den Anrufer am Apparat hinhält und ihm erklärt er habe ein Hotel im hohen Norden statt in Ostwestfalen erreicht („Hier ist Hamburg, junger Mann“), gibt er einer Kollegin Bescheid.

Der Anrufer wiederholt seine Ankündigung einer Sprengstoffexplosion: „In 10 Minuten Bombe – das werden Sie sehen“! Sen fordert den unbekannten Anrufer auf, ihm doch seine Bitcoin-Adresse mitzuteilen, um die geforderte Summe zu überweisen. Der Mann, der teils mit Akzent spricht und von einer gefakten Handynummer aus anruft, steigt erstaunlicherweise darauf ein. Er gibt durch: „TA7 3B90 56MF90PQ W34 ... 168“. Sekunden vergehen. Dann bittet Ertan Sen um eine Wiederholung der Durchsage, der Anrufer wird langsam wütend: „Da hast sie doch wohl oder hast Du sie nicht aufgeschrieben?“ Sen kontert: „Nein, Du warst zu schnell. Ich habe einen Fehler gemacht.“ Kurz danach endet der erste Drohanruf mit lauten Schreien und Gelächter.

Um 0.53 Uhr folgt der zweite Anruf

Es ist gegen 0.45 Uhr. Die Kollegin des Hotelmanagers alarmiert die Polizei, die binnen weniger Minuten am Einsatzort eintrifft. Um 0.53 Uhr erfolgt der zweite anonyme Drohanruf. Diesmal sind bereits Polizisten in der Hotel-Lobby eingetroffen. Zunächst spricht die Kollegin von Ertan Sen mit dem Anrufer, der erneut die Zahlung einer Geldsumme in Form der Digitalwährung Bitcoin fordert. Die Hotelangestellte sagt: „Ihre Bitcoin-Adresse müsste ich aber wissen, um ihnen Bitcoin-Daten schicken zu können. Sonst kann ich nichts tun.“

Anrufer wirkt verwirrt, will plötzlich nur noch 2000 Euro

Nun wirkt der Anrufer verwirrt, diktiert sekundenlang einen Mix aus Zahlen und Buchstaben. Schließlich verlangt er eine deutlich niedrigere Summe als zuvor: „Jetzt 2000 Euro überweisen, oder eine Bombe wird detonieren. Letzte Warnung. Allahu Akbar.“ Danach übernimmt erneut Hotelmanager Ertan Sen, unterstützt von den Polizisten, die Gesprächsführung: „Was wollen Sie?“ Der anonyme Anrufer stockt: „Letzte Warnung. Eine Bombe, in wenigen Minuten. Machen Sie sich auf etwas gefasst.“ Sekunden später endet das zweite 1:33 Minuten dauernde Telefonat. Der anonyme Anrufer legt auf.

Polizisten durchkämmen jede Etage

Für Ertan Sen bleibt nur wenig Zeit dazu, um den Schock zu verdauen. Der Mann, der ein Partnerunternehmen für Nachtdienst im Hotelgewerbe in Bad Salzuflen betreibt und eigentlich gar keine Schicht gehabt hätte, sucht die Sicherheitskarte und die Gästeliste. In Abstimmung mit den Polizeikräften müssen alle 106 Hotelbesucher evakuiert und in bereitgestellten Bussen untergebracht werden. Es kommt zum Spürhund-Einsatz. „Da waren etwa 50 Polizisten, die haben alle Etagen durchkämmt“, sagt Sen. Dann die Nachricht: Es gibt keine verdächtigen Gegenstände! Das Hotel ist wieder freigegeben. Gegen 4 Uhr gehen die Gäste wieder schlafen. Da laufen für Ertan Sen noch drei Stunden einer Arbeitsschicht, die er so schnell nicht vergessen wird. Ob er Angst hat oder geschockt sei? „Da habe ich bis jetzt echt noch gar nicht drüber nachgedacht. Fakt ist: So etwas habe ich noch nie erlebt“, erklärt Hotelmanager Sen.

Möglicherweise ein Trittbrettfahrer

Während er am Freitagmorgen in Bad Salzuflen völlig übermüdet ins Bett fällt, dauern die Ermittlungen zur Identität des anonymen Anrufers und zu den Hintergründen der Bedrohung weiter an. Bereits am Mittwoch war in Bielefeld eine Moschee wegen einer Bombendrohung evakuiert worden – dazu drei weitere in NRW. Sprengstoff wurde in Bielefeld, genau wie in Essen, Unna und Hagen, nicht gefunden. Die Polizei soll bereits angedeutet haben, dass es sich bei dem Mann, der das Légère Hotel in Bielefeld zweimal angerufen hat, um einen Trittbrettfahrer handeln könnte.

Im Video: So äußern sich der Hotelmanager und die Polizei

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