1300 Teilnehmer bei der dritten Bielefelder Start-up-Konferenz „Hinterland of things“ – mit Video Unternehmer für Klimaschutz

Bielefeld (WB). Auch wenn die Bielefelder Demonstranten das Angebot der „Founders Foundation“, ihr Anliegen direkt auf der 3. Start-up-Konferenz „Hinterland of things“ vorzutragen, nicht angenommen hatten: Das Thema Klimaschutz spielte am Donnerstag im „Lokschuppen“ trotzdem eine große Rolle. Albert Christmann, Chef der Dr.-Oetker-Gruppe, formulierte es im Podiumsgespräch mit Philip Dames, Mitgründer von Zalando, so: „Klimaschutz ist nicht allein eine Sache der jungen Leute. Es ist vor allem eine Aufgabe der Generation, die heute in Politik und Wirtschaft Verantwortung trägt.“ Familienunternehmen, in denen Nachhaltigkeit seit jeher eine große Rolle spielt, könnten eine führende Rolle übernehmen.

Von Bernhard Hertlein
Sebastian Borek, Geschäftsführer der Founders Foundation, eröffnet die 3. „Hinterland of things“.
Sebastian Borek, Geschäftsführer der Founders Foundation, eröffnet die 3. „Hinterland of things“. Foto: Bernhard Pierel

Tatsächlich liest sich die Teilnehmerliste bei der „Hinterland of things“ fast zur Hälfte wie das „Who is who“ erfolgreicher Familienunternehmen in OWL. Die andere Hälfte der 1300 Teilnehmer stellen Start-ups auf der Suche nach Partnern und Investoren.

„Raus aus der Komfortzone“

Veranstalter ist die „Founders Foundation“, die zu einem großen Teil von der Bertelsmann-Stiftung finanziert wird. Ihr Geschäftsführer Sebastian Borek sagte gleich zu Beginn, die Herausforderung durch die Klimaerwärmung sei so groß, dass auch Unternehmer aus ihrer Komfortzone herauskommen müssten. Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, ergänzte später: „Nachhaltigkeit ist eine Unternehmeraufgabe.“ Die Wirtschaft müsse nachhaltiger werden: „Fast Food, Fast Fashion und Fast Driving sind nicht das, was wir brauchen.“ Ferry Heilemann, dessen Initiative „Leaders for climate action“ inzwischen 300 Mitglieder zählt, appellierte an die Unternehmer, keinen Gegensatz zwischen ihnen und den demonstrierenden Klimaschützern zu pflegen.

„E-Scooter spart Straßen und Parkraum“

Im ersten Teil der „Hinterland“-Konferenz ging es vor allem um Mobilität. Draußen vor dem Konferenzort parkten der SUV von Porsche neben einem Smart, das Elektroauto neben Fahrrad und Tretroller. Lawrence Leuschner, Gründer von Tier Mobility, präsentierte seinen E-Scooter als ein Modell, wie sich Menschen mindestens in der City umweltfreundlicher und leiser vorwärts bewegen können. Auch spare er Straßen- und Parkraum. Leuschner kündigte an, dass Tier künftig mit dem E-Scooter auch den Privatmarkt erobern wolle.

Leuschner ist insofern ein typischer Gründer, als er schon mit neun Jahren Second-Hand-Ware aus dem väterlichen Lager auf Flohmärkten verkauft hat. Später gründete er mit „Rebuy“ eine Plattform, die den Austausch von Spielen und Elektronikartikeln organisiert und mittlerweile 700 Menschen beschäftigt. Vor der Gründung von Tier nahm er erst einmal eine 18-monatige Auszeit, die er für eine Weltreise im VW-Bulli nutzte.

Elektroauto aus China

Keine Mobilitätdiskussion ohne das Thema Elektroantrieb: Bei der „Hinterland of things“ berichtete Andreas Schaaf an Stelle von Mitgründer Daniel Kirchert, der wegen des Coronavirus nicht aus China ausreisen konnte, wie Byton der US-Marke Tesla Konkurrenz machen will. Zwei Autostunden von Schanghai entfernt baute der Konzern in nur 18 Monaten eine Fabrik mit einer Kapazität von zunächst 300.000 E-Autos. 2020 sollen die ersten Modelle in China und 2021 auch in USA und Europa verkauft werden.

Gleich mit zwei Vertretern der vierten Generation, Alexander und Konstantin Sixt, reiste der führende europäische Autovermieter Sixt nach Bielefeld. „Entscheidend ist der Mut zur Veränderung“, sagte Alexander Sixt. Zusätzlich zur Autovermietung engagiert sich das Unternehmen heute auch in Car Sharing und Fahrervermittlung. Angesichts angestrebter 35 Millionen Elektroautos und einem Bestand von nur einer Million mahnte Sixt: „Dafür geschieht zu wenig. Wir müssen deutlich mehr machen.“

„Groß denken“ – bis ins Weltall

Zu den interessantesten Start-ups der Konferenz gehörte Isar Aerospace. Das Unternehmen will bald Satelliten kommerziell ins All befördern. Firmenchef Daniel Metzler ermunterte die Start-ups, eher „groß“ zu denken.

In einer der Podiumsdiskussionen wiesen Miele-Gesellschafter Reinhard Zinkann und der Bielefelder Bauunternehmer Jan Hen­drik Goldbeck Studien zurück, nach denen große Familienunternehmen bei der Digitalisierung hinterherhinken. Allerdings gebe es ein Problem, meinte Goldbeck: „In den USA haben Start-ups scheinbar unbegrenzt Geld zur Verfügung. Das gibt es hier nicht.“

Abseits der Hauptbühne boten im „Lokschuppen“ zwei weitere Bühnen Platz für Vorträge und Diskussionen. Auf kleinen Ausstellungen stellten sich nicht nur von Start-ups vor. Darunter war auch eine Hausbrauerei, deren Steuerung von Mitarbeitern des lippischen Elektronikkonzerns Phoenix Contact gebaut worden ist. Auf einer Bühne fand zudem ein Pitch zwischen zehn Start-ups statt, also ein Wettstreit um die beste Geschäftsidee. Den ersten Preis erhielt Peregrine Technologies. Das Berliner Start-up hat ein Kamerasystem entwickelt, das die Umgebung eines Pkw in der Stadt ständig beobachtet und analysiert. Bei Gefahrsituationen soll es den Fahrer rechtzeitig warnen. Erster Preis bei dem Pitch war eine Reise nach Israel, das bei der Digitalisierung längst eine Vorreiterrolle eingenommen hat.

Von der ersten „Hinterland of things“ 2018 bis heute lässt sich eine Entwicklung feststellen. Die Organisation wurde professioneller – so professionell, dass manche sogar den Anfangscharme vermissen. Die Präsenz der führenden ostwestfälischen Familienunternehmer hat sogar noch zugenommen. Zugleich ist der Anteil der Frauen unter den Referenten und Diskussionsteilnehmern auf 40 Prozent gestiegen. Politikstars waren 2020 nicht dabei. Viele Zuhörer hatte die Schauspielerin Sophia Thomalla, die über ihr Engagement beim Gütersloher Start-up Schüttfix berichtete.

„Franchisemodell“ Founders Foundation?

Unterdessen ist die Bekanntheit der Start-up-Konferenz noch gestiegen. Peter Ulrich, früher Chef der Mercedes-Niederlassung in Bielefeld und heute Vorstandschef der bayerischen Finanz-AG O & R, berichtete, dass man auch in München sehr interessiert an der „Hinterland of things“ sei. Mehr noch: Investoren würden gerne ein ähnliches Projekt wie die „Founders Foundation“ in Süddeutschland aufziehen.

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