Vatikanexperte Andreas Englisch über die Beurlaubung Gänsweins
„Das ist der größte Knall in Franziskus’ Pontifikat“

Bielefeld (WB). An­dreas Englisch (56) gilt als bekanntester deutscher Vatikanexperte überhaupt. Der Autor und Korrespondent hat 2005 nicht nur vorausgesagt, dass Joseph Ratzinger Papst werden würde. Er hat auch früh einen möglichen Rücktritt Benedikt XVI. in Aussicht gestellt. Am Rande einer Lesung in Bielefeld hat Andreas Schnadwinkel mit Andreas Englisch über aktuelle Entwicklungen im Vatikan gesprochen.

Freitag, 07.02.2020, 04:00 Uhr aktualisiert: 07.02.2020, 13:26 Uhr
Entmachtet: Papst Franziskus hat Georg Gänswein als Präfekten des Päpstlichen Hauses beurlaubt.
Vatikanexperte Andreas Englisch war Gast bei der Kolpingsfamilie St. Meinolf Bielefeld.

Vatikanexperte Andreas Englisch war Gast bei der Kolpingsfamilie St. Meinolf Bielefeld. Foto: Andreas Schnadwinkel

Papst Franziskus hat Georg Gänswein, den Vertrauten seines Vorgängers Benedikt XVI., als Präfekten des Päpstlichen Hauses beurlaubt. Wie schätzen Sie diese Personalie ein?

Andreas Englisch: Das ist mit Sicherheit der bisher größte Knall in Franziskus’ ganzem Pontifikat. Kurz bevor er zurückgetreten ist, hat Benedikt den Präfekten des Päpstlichen Hauses gefeuert und den Posten mit seinem Vertrauten Gänswein besetzt. Und danach hat Gänswein in den folgenden Jahren gegen Papst Franziskus opponiert. Das weiß auch jeder im Vatikan, ein Beispiel ist der Zirkus gegen die päpstliche Schrift „Amoris Laetitia“. All das hat Franziskus bis jetzt über sich ergehen lassen.

Warum bis jetzt? Was war der Auslöser für die Entscheidung, Gänswein zu entmachten

Englisch: Den alten Papst Benedikt dazu zu bringen, seinen Namen unter einen Aufsatz über den Zölibat zu setzen, war zu viel. Damit hat sich Gänswein verzockt. Die Aktion ist wieder hintenrum und über Bande mit den Medien gelaufen. Franziskus hat immer gesagt, dass jeder mit Kritik zu ihm kommen könne.

 

Geht es um die Person Georg Gänswein?

Englisch: Es geht um die Phalanx der konservativen Gegner von Franziskus. Die haben mit Gänswein ihren wichtigsten Mann verloren.

Der Witz „Treffen sich zwei Päpste“ ist kein Witz mehr. Sollte diese Situation die Ausnahme bleiben, oder könnte sie zur Regel werden?

Englisch: Solch eine Situation wie jetzt wird bestimmt noch einmal vorkommen. Wenn die Mauer einmal eingerissen ist, wird sie nicht wiederaufgebaut. Wenn ein Papst sich gesundheitlich nicht mehr in der Lage sieht, das Amt zu bekleiden, kann er zurücktreten.

 

Trifft das auch auf Franziskus zu?

Englisch: Zumindest hat er das sich für sich nicht ausgeschlossen. Ich glaube das allerdings nicht. Franziskus arbeitet seit 2013 jeden Tag und ist 83 Jahre alt. Das überlebt kein Mensch lange

Es wird schon viel darüber spekuliert, wer nächster Papst werden könnte. Ist Luis Antonio Tagle von den Philippinen als Kardinalpräfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Favorit?

Englisch: Das ist ein klasse Kardinal, und er ist in der Tat der Favorit.

Wie gehen die Italiener und die Römer damit um, dass nach Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder kein Italiener Papst wird?

Englisch: Es wird mit Sicherheit kein Italiener Papst, weil Franziskus die Italiener entmachtet hat. Mailand hat keinen Kardinal, Venedig hat keinen Kardinal, Turin hat keinen Kardinal, Palermo hat keinen Kardinal – Franziskus hat die total rasiert. Als Römer kann ich sagen, dass die Römer kein Problem damit haben, wenn der Papst kein Italiener ist.

Haben Sie den Netflix-Film „Die zwei Päpste“ gesehen?

Englisch: Ja, ich finde den gut. Aber er bildet nicht die Wirklichkeit ab. Es ist natürlich absoluter Quatsch, dass Franziskus und Benedikt gemeinsam Fußball geguckt haben. In den vergangenen Jahren war das Verhältnis alles andere als harmonisch.

Wird Benedikt XVI. einmal als „Der Unverstandene“ in die Geschichte eingehen?

Englisch: Nein. Benedikt war der falsche Mann am falschen Platz. Ich glaube, das wissen mittlerweile alle.

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