Pro familia-Beratungsstelle feiert 50-jähriges Bestehen
Der erste Klient war ein Mann

Bielefeld (WB). 1969 bildete sich in Bielefeld ein Arbeitskreis mit dem Ziel, eine pro familia-Beratungsstelle zu gründen. Federführend waren drei Männer. Am 11. Februar 1970 war es so weit, in der Stapenhorststraße 5 wurden zwei Beratungsräume und ein Wartezimmer eingerichtet. Und tatsächlich war der erste Klient der allerersten Beratungsstunde ein Mann. „Es ging um das Thema Sterilisation“, verrät „Profa“-Geschäftsführerin Maike Husemann.

Donnerstag, 06.02.2020, 17:00 Uhr
Maike Husemann vor dem pro familia-Haus. Der Verein wird von Land und Kommune finanziert. Foto: Thomas F. Starke

50 Jahre ist das her, der runde Geburtstag von pro familia in Bielefeld wird am Donnerstag, 13. Februar, in der Ravensberger Spinnerei gefeiert. Die meisten Themen der Anfangsjahre sind geblieben, manches Neue ist hinzugekommen. Die Grundhaltung von pro familia aber, betont Maike Husemann, ist unverändert: „Es geht uns um vorurteilsfreien, praktischen Rat. Wir bewerten nicht – in keiner Weise – und beantworten Fragen gewissenhaft.“

Schwangerschaftsabbrüche waren noch verboten

Als Jugendamtsleiter Paul Hirschauer, sein Mitarbeiter Dieter Kleist und Walter Droß als Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sich für eine pro familia-Beratungsstelle stark machten, waren Schwangerschaftsabbrüche noch verboten und Empfängnisverhütung etwas, worüber man eher hinter vorgehaltener Hand sprach oder sich in der „Bravo“ orientierte.

Zu den Grundsätzen, die der junge Verein sich gab, gehörte daher sexuelle Aufklärung als Öffentlichkeitsarbeit; ausdrücklich sollte zudem nicht nur über Empfängnisregelung, sondern auch zu Fragen der Sterilität beraten werden. Und natürlich: Einer Beratung müsse eine Untersuchung vorausgehen; angestrebt war die enge Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft.

Heftig geführte Debatten

Eindeutig, sagt Diplom-Pädagogin Maike Husemann, war stets die Positionierung zum Schwangerschaftsabbruch, der in Deutschland bis 1976 geächtet war, zu Reisen in die Niederlande führte oder in Hinterzimmer: „Unsere ureigenste Haltung ist, dass Frauen nicht per se das Recht auf eine unabhängige Entscheidung abzusprechen ist.“ Das Thema sorgte (und sorgt) für heftig geführte Debatten.

Nach der Reform des Paragraphen 218 im Jahr 1976, der eine Indikationsregelung mit Pflichtberatung vorsah, folgte im Jahr darauf die Anerkennung als §218-Beratungsstelle. Seit 1995 gilt die Fristenlösung mit Pflichtberatung, pro familia ist eine der Schwangerschaftskonfliktberatungstellen.

Tatsächlich, so Husemann, mache die Beratung Schwangerer ein Drittel der Arbeit aus. Dabei geht es längst nicht immer um geplante Abbrüche: „Es tauchen auch Fragen auf nach dem Entbindungsort, nach Elterngeld und -zeit oder nach den Rechten als Arbeitnehmer.“

Beratung junger Familien

Seit Jahren gehört, orientiert am Bedarf, auch die Beratung junger Familien („Erste Zeit zu dritt“) zum Angebot, gibt es Rat bei Kinderwunsch oder nach einer vorgeburtlichen Diagnostik, Sprechstunden für junge Menschen oder Projekte an Schulen zu Körper, Liebe, Freundschaft und Sexualität – „abhängig vom Alter der Schüler“. Dabei, erklärt Husemann, gehe es darum, was im Körper passiert oder wie man verantwortlich Sexualität auslebt. Pro familia bietet Fortbildungen für Lehrer und Pflegekräfte an, berät Menschen mit Behinderungen und betreibt ein Projekt in städtischen Kitas, in denen Erzieher und Erzieherinnen über kindliche Sexualität und die Frage, was normal und was auffällig ist, unterrichtet werden.

Ebenfalls seit einigen Jahren ein Thema ist die Beratung vor allem unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die zuweilen regelrecht einen Kulturschock erlebten, wie Husemann sagt, und die weibliche Genitalverstümmelung. „Seit zwei Jahren gibt es einen runden Tisch mit verschiedenen Akteuren,die für die betroffenen Frauen ein Netz schaffen wollen.“

18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Mithin: Die großen Themen blieben, Neues kam hinzu. Überflüssig, ist Maike Husemann sicher, werde pro familia nie: „Es gibt immer Sexualität, Schwangerschaft, Verhütung und Kinderwunsch.“ Und es gebe eben immer (und gefühlt vermehrt) den Bedarf nach fachlich-sachlicher Beratung mit dem Ziel der Parteilichkeit für Familie und Frauen.

Angefangen hat die Bielefelder Beratungsstelle mit einer fest angestellten Krankenschwester, einer (halben) Geschäftsführerstelle und Ärzten auf Honorarbasis. Heute zählt sie 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, von denen 13 in Bielefeld und fünf in Bünde arbeiten: Diplom-Pädagogen, Sozialarbeiter und -pädagogen, Psychologen, eine Ärztin und Verwaltungsangestellte.

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