Mike Svobodas Kammeroratorium „Die Bücher der Zeiten“ in der Zionskirche
Der Sound der Apokalypse

Bielefeld (WB). Auch nach dem erfolgreichen Festival Frakzionen bleibt die Zionskirche ein Ort, an dem die zeitgenössische Musik fest verankert ist und dort mittlerweile auf ein aufgeschlossenes Publikum stößt. Selbst renommierte Künstler wie der Komponist und Posaunist Mike Svoboda, der am Sonntag zusammen mit seinem gleichnamigen Ensemble sein Stelldichein gab, adeln die Neue-Musik-Konzerte inzwischen mit ihrer Anwesenheit und Profession.

Dienstag, 04.02.2020, 15:00 Uhr
Der Posaunist und Komponist Mike Svoboda stellte gemeinsam mit seinem Ensemble sein Kammeroratorium „Die Bücher der Zeiten“ in der Zionskirche vor. Foto: Bernhard Pierel

Svoboda dürfte einigen Bielefeldern ein Begriff sein, sorgte doch seine Familienoper „Erwin, das Naturtalent“ im Jahr 2008 am Stadttheater für Furore. Am Sonntag war es das 2014 uraufgeführte Kammeroratorium „Die Bücher der Zeiten“, mit dem er mehr als 100 Zuhörer in Erstaunen versetzte.

200 Jahre alter Text

Das gut einstündige Werk für drei Sopranistinnen, einen Perkussionisten und einen Posaunisten beruht auf einem Text des Dichters Friedrich Hölderin (1770 - 1843). Kaum 18-jährig, verfasste Hölderin in Anlehnung an die „Bücher der Offenbarung“ das monumentale Gedicht „Die Bücher der Zeiten“. Der über 200 Jahre alte Text beschreibt die Gräueltaten des Erdengeschlechts. Da ist von Länderverwüstung, Völkerverheerung und Kriegergemetzel die Rede, von Vater- und Brudermord, von därmzerfressendem Gift, Kannibalen, quälendem Lebenskampf und allerlei anderem Ungemach. Topaktuell also, möchte man angesichts der zahlreichen Krisen- und Kriegsschauplätze in der Welt sagen.

Schließlich wechselt der Text zur Erlösung durch Christus und zu den Errungenschaften der Menschheit.

Mike Soboda überträgt die Verkündigung dieser apokalyptischen Vision drei Frauenstimmen und knüpft damit an mythologische Figuren wie die Nornen an. Sie singen den Text in einer archaischen Melodik, meist deklamieren sie ihn allerdings oder hauchen die Worte heraus. Das ein oder andere Mal greifen sie zu Flüstertüten, um einzelne Worte oder Textpassagen besonders zu betonen. Häufig singen sie aber in Vokalisen auf den Laut „Ah“. Und zwar immer dann, wenn es gilt, Emotionen hörbar werden zu lassen.

 

Baumstämme kommen zum Einsatz

Neben der Bedeutungsebene nimmt Svoboda gekonnt eine klanglich-atmosphärische Ausdeutung des Textes vor. Dazu erweitert er das Gesangstrio um Posaune und Perkussion und lässt dieses Instrumentarium in archaischen Naturklängen sprechen.

Neben der großen Trommel kommen auch drei Baumstämme zum Einsatz, die durch das Einschlagen mit Holzhämmern dumpfe Klänge erzeugen. Mit einer Wurzelbürste wird das Trommelfell bearbeitet. Steine und Kieselsteine in Eiseneimern dienen ebenfalls der Klangerzeugung.

Und die mit vielfältigen Einsätzen gestopfte Posaune säuselt und gurgelt oder gibt atmende und vibrierende Geräusche von sich, die bass erstaunen lassen.

Dichtung und Klang verschmelzen zu einem apokalyptischen Soundgemälde, das seinen Schrecken besonders in den leisen und minimalistischen Passagen entfaltet. Den Sopranistinnen Sarah Maria Sun, Sandra Hartmann und Anne-May Krüger gelang im Verbund mit Michael Kiedaisch (Schlagzeug) und Mike Svoboda (Posaune) eine spannungsreiche Umsetzung, die für schauerliche Gänsehautmomente sorgte und vom Publikum mit lang anhaltendem Applaus bedacht wurde.

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