Ausverkauftes Konzert in Bielefeld: 2600 Zuhörer feiern Hamburger Sänger
Schweißtreibender Seelenstriptease

Bielefeld (WB). Nein, seine schwarze Jacke will Bosse partout nicht ausziehen. Dabei ist sie – genau wie das weiße Shirt – klitschnass geschwitzt. Stattdessen entblößt sich der Hamburger Sänger vor den 2600 Zuhörern im ausverkauften Lokschuppen lieber mithilfe seiner Texte.

Montag, 03.02.2020, 13:46 Uhr aktualisiert: 03.02.2020, 14:50 Uhr
Axel Bosse hat im ausverkauften Lokschuppen Vollgas gegeben. Foto: Sören Voss

Hätte Axel Bosse in Bielefeld eine dieser Apps für Sportler mitlaufen lassen, dann wären sicherlich einige Kilometer zusammengekommen. Passend zum Auftakt-Song „Wanderer“ hüpft „Aki“, wie ihn seine Freunde nennen, vom ersten Takt an wie ein Flummi pausenlos kreuz und quer über die Bühne. Das folgende „Du federst“ ergänzt das Thema: Dieser Mann hat Energie und die offene Jacke, die er in den kompletten zwei Konzertstunden nicht ablegt, passt zu einem, der nie zur Ruhe kommt, der immer auf dem Sprung ist.

Zappelphilipp mit Durchhaltevermögen

Dass beim Sänger schnell die dicken Schweißperlen fließen, verwundert genauso wenig wie die Tatsache, dass er mit 16 die Schule abgebrochen hat. Heutzutage versucht man bei ähnlich hyperaktiven Jugendlichen die Konzentrationsfähigkeit mit Medikamenten zu erhöhen. Der Zappelphilipp hat anstatt auf das Abitur auf die Musik gesetzt, bewies Durchhaltevermögen und startet jetzt durch. Das aktuelle Album „Alles ist jetzt“ landete genau wie sein Vorgänger „Engtanz“ auf Platz eins der Charts.

Konzert mit Tiefe und Ehrlichkeit statt Einheitsbrei

In Bielefeld sorgen sieben Mitmusiker für den Bosse-Sound. Eingängiger Pop, irgendwie noch ein bisschen Indie, aber auch so, dass er im Radio zwischen Max Giesinger und Mark Forster nicht auffällt. Es sind die Tiefe und Ehrlichkeit seines Auftritts, mit der sich der Künstler vom Einheitsbrei abhebt. Auf der Bühne steht jemand, der fast alle Songs selbst geschrieben und etwas aus seinem Leben zu erzählen hat.

„Aki“ Bosse und sein Leben vor der Musik

Von der Kindheit in der Nähe von Braunschweig, der Suche nach der großen Liebe und der „schönsten Zeit“. Bosse zieht blank. Der Sänger setzt zum Seelenstriptease an, wenn er seine biografischen Beschreibungen und feinsten Milieu-Studien preisgibt. Er arbeitete im Callcenter oder im Straßenbau. Ist einst regelmäßig mit „zu viel Promille“ durch Berlin gelaufen und hat sich nur „von Döner ernährt“, weil er kaum Geld hatte. „Aki“ erinnert im Lokschuppen an den Thekengast einer Eckkneipe, dem man stundenlang bei seinen Geschichten zuhören könnte.

„Rassistisches Denken ist der größte Mist“

Dass diese meistens positiv ausgehen, kann man kitschig finden, man kann diese Haltung aber auch als Medikament gegen den Hass der Gegenwart verstehen. „Unsere Elterngeneration muss da noch mal die Vorschule oder die erste Klasse besuchen“, fordert Bosse mit Blick auf die Diskriminierung in der Gesellschaft: „Meine Tochter ist da ganz anders. Ihr ist egal, wie man Weihnachten feiert oder wer sich lieb hat.“ So unübersehbar, wie seine Klamotten inzwischen komplett vom Schweiß durchtränkt sind, so unmissverständlich zeigt Bosse im Lied „Robert de Niro“ politisch klare Kante. „Rassistisches Denken ist der größte Mist, den sich die Menschheit in den Kopf gesetzt hat“, ruft er dem Publikum zu.

Starker Auftritt drei Wochen vor dem 40. Geburtstag

Beim ganzen kindlichen Rumgespringe auf der Bühne kommt den Fans nicht in den Sinn, dass Axel Bosse in drei Wochen seinen 40. Geburtstag feiert. Beruhigend ist es aber zu wissen, dass auch das Energiebündel seine Pausen braucht. „Es wird irgendwann ein Jahr geben, in dem ich etwas ganz anderes mache“, hat Bosse neulich in einem Interview verraten. Bis dahin dürfte aber noch die eine oder andere Schweißperle fließen.

2600 Zuhörer waren begeistert vom typischen Bosse-Sound.

2600 Zuhörer waren begeistert vom typischen Bosse-Sound. Foto: Sören Voss

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