„Die Jagd“ im Stadttheater Bielefeld: Zuschauer gehen den Leidensweg des zu Unrecht Beschuldigten mit
Dorf ohne Gnade

Bielefeld (WB). Das Ende bleibt offen. Wenn der Vorhang fällt, geht der „Film“ in den Köpfen der Zuschauer von „Die Jagd“ weiter. Die deutschsprachige Erstaufführung erlebte ihre Premiere im Bielefelder Stadttheater.

Montag, 03.02.2020, 02:35 Uhr aktualisiert: 03.02.2020, 06:56 Uhr
Lucas (Thomas Wehling, hier mit Knud Strehlke als Peter) zieht sich gemeinsam mit seinem geliebten Hund Lotti in die Einsamkeit des Waldes zurück. Die Dorfgemeinschaft hat ihn, den vermeintlichen Kinderschänder, ausgestoßen. Foto: Joseph Ruben/Theater Bielefeld

„Film“ ist ein Stichwort: Regisseur Michael Heicks übersetzte die Bilder aus dem Spielfilm von Thomas Vinterberg für die Bühne: mit großen Bildern, die in ihrer Kälte genau die Gefühle von Einsamkeit, Alleingelassensein, Ablehnung widerspiegeln, die nicht nur Lucas durchleiden muss.

Die Unschuldsvermutung nichts zählt

Lucas, von Thomas Wehling als stillen, in sich gekehrten, zurückhaltenden Mann gespielt, muss erleben, wie sich die Gemeinschaft, sein Dorf, seine Freunde, die Logenbrüder, gegen ihn wenden. Dass die Unschuldsvermutung nichts zählt, dass jeder Verantwortung abschiebt an die vermeintlich höhere Instanz – die auch das Gewehr sein kann.

Lucas ist Erzieher, frisch getrennt, aber nicht allein. Sein Sohn Marcus (Jan Hille überzeugend als Jugendlicher, der als einziger fest zu seinem Vater hält) will zu ihm ziehen. Die Männer gehen zusammen auf die Jagd und trinken zusammen. Meistens viel zu viel.

Die Kinder in der Vorschule mögen Lucas. Eines Tages aber erzählt Clara (Greta Aichinger) die Tochter von Lucas’ allerbestem Kumpel Theo (Oliver Baierl als einer, der meint, seine Familie mit archaischen Mitteln verteidigen zu müssen), Lucas habe sich vor ihr entblößt. Dabei hatte der nur Claras Geschenk, einen herzförmigen Lutscher, zurückgewiesen. Clara hat zuvor allerdings von dem kleinen Peter (Knud Strehlke) einen Porno auf dem Handy gezeigt bekommen. Der ist per Zufall dort gelandet, gehört eigentlich Peters Vater (Cornelius Gebert als leicht primitiver, schießwütiger Autonarr).

Alles wäre alles normal

Das Mädchen Clara tritt eine Lawine los, die nicht mehr aufzuhalten ist. Die Leiterin der Vorschule, Hilde (Doreen Nixdorf, die ihrer Verantwortung glaubt, in jeder Sekunde gerecht werden zu müssen, ohne zu hinterfragen) alarmiert die Elternschaft und Jugendschutzbeauftragten Per (Stefan Imholz). Erstes Opfer ist Lotti, Lucas’ geliebter Irish Terrier. Er wird mit einem Schuss erledigt. Die Polizei rehabilitiert Lucas zwar, aber nichts scheint mehr rückgängig zu machen sein.

Theo hält Lucas das Gewehr an die Schläfe, Lucas darf nicht mehr im Supermarkt einkaufen, wird vom Job beurlaubt. Erst, als es Clara gelingt, endlich Gehör zu finden für ihre Beteuerung, dass sie gelogen hat, dass nie etwas passiert ist, dass Lucas kein Kinderschänder ist, scheint die Wutwelle abzuebben.

Christina Huckle spielt Mikala, Claras Mutter, die wohl früher eine Affäre mit Lucas hatte und die zwischen Hysterie, Verachtung und dem Wunsch, so zu tun, als wäre alles normal, hin- und her schwankt. Der Zuschauer, der ja von Lucas’ Unschuld weiß, geht den Leidensweg mit, an dem Lucas selbst jedoch auch seinen Anteil hat: Er verteidigt sich nicht, bleibt stumm, stellt nichts richtig.

Publikum applaudiert begeistert

Er glaubt an die Dorfgemeinschaft, die der Chor „One Voice“ darstellt. Mit Erntedanklied (auf Dänisch), Weihnachtschoral und Frühlingsmelodie werden die Jahreszeiten beschrieben, der Wald (Bühne: Annette Breuer) dient als Zuflucht, als Rückzugsort, aber auch als Angstraum. Die Jagd ist noch nicht zu Ende...

Das Publikum applaudierte begeistert dem Ensemble, dem „Gesamtkunstwerk“ der Inszenierung. Extraapplaus gab es auch. für Lotti (7), die spielfreudige Terrier-Dame.

Vorstellungen bis Ende April.

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