Erstaufführung: „Text“ als großartiger Mix von Schauspiel und Live-Video in Bielefeld
Techno-Thriller vom Leben im Handy

Bielefeld (WB). Der Beifall wirkt wie ein Explosion der Begeisterung nach zwei Stunden und 20 Minuten Theater am Stück: Es gibt stehende Ovationen und ewig langen Applaus für die deutschsprachige Erstaufführung von „Text“ im Bielefelder Theater am Alten Markt (TAM).

Montag, 27.01.2020, 13:23 Uhr aktualisiert: 27.01.2020, 15:00 Uhr
Überblendung: Omar El-Saeidi als Mafiaboss mit Susanne Schieffer, die in „Text“ die Nina spielt. Foto: Philipp Ottendörfer/Theater Bielefeld

Der russische Autor Dmitry Glukhovsky, von dessen Kult-Science Fiction-Trilogie „Metro“ in einem Bielefelder Verlag soeben eine Graphic Novel erschienen ist, beschreibt in seinem politisch brisanten Techno-Thriller eine Welt (Moskau), in der Recht und Gerechtigkeit nichts mehr zählen, in der jeder zum Opfer, jeder zum Täter werden kann. Dramaturgin Katrin Enders hat den Roman für die Bühne bearbeitet, Regisseur Dariusch Yazdkhasti erweitert mit Hilfe von Live-Videoaufnahmen der Schauspieler die Bühne hinein in das gesamte Gebäude bis nach draußen. Durch das Wechselspiel von Szenen, die zwar in Echtzeit gespielt sind, und solchen, die unmittelbar auf der Bühne „passieren“, entstehen Überblendungen, jedes Mienenspiel wird sichtbar.

Um Überblendung, Verschmelzen geht es auch in der Handlung, in der Ilja nicht nur zum Mörder wird, sondern auch das Leben seines Opfers übernimmt. Das Opfer, Petja, ein korrupter Drogenfahnder, hat Iljas Leben zerstört, dafür gesorgt, dass der für sieben Jahre ins Lager eingesperrt wird. Als Ilja entlassen wird, ist seine Jugend dahin, seine Freundin steht kurz vor der Heirat mit einem anderen, der Studienplatz ist weg. Kurz vor seiner Ankunft stirbt seine Mutter auch noch an einem Herzinfarkt. Ilja besäuft sich, nimmt ein Küchenmesser und sucht nach Petja, seien Peiniger. Als er ihn findet, ersticht er ihn, entsorgt die Leiche und nimmt Petjas Handy mit. Im Handy nämlich ist das ganze Leben, „und für Musik ist auch noch Platz“. Nach und nach beginnt Ilja, aus Petjas Chats Informationen zu sammeln, antwortet in seinem Namen – auch Petjas Mutter und dessen Freundin Nina, die gerade abtreiben lassen will. Ilja verlängert Petjas Leben virtuell.

Weitere Vorstellungen

Doğa Gürer ist Ilja – verstört, verzweifelt, ein Mann, der sich aufgegeben hat. Dabei gelingt es Gürer, in jeder Szene große Präsenz zu zeigen, ebenso wie sein (toter) Widersacher Petja (Simon Heinle). Susanne Schieffer ist Nina, die Petja liebt, von dessen Vater, dem General, aber als Flittchen abgetan wird und voller Angst merkt, dass Petja ähnlich zu denken scheint. Der Karriere zuliebe. Petjas Mutter (Nicole Lippold) spielt die Ausgleichende, will Harmonie, alles wird unter den Teppich gekehrt, damit der General (Georg Böhm) nicht ausflippt. Böhm ist zudem der geldgierige Pathologe, der aus Ilja nach dem Tod von dessen Mutter noch die letzte Kopeke heraus pressen will – großartig. Alexander Stürmer ist Iljas Freund, der sich aber vor allem um seinen nächsten Thailand-Trip sorgt und keine Ahnung von gar nichts hat: „Wie ist es denn so im Lager?“

An dieser Inszenierung ist nichts Überflüssiges – sieht man einmal vom Erscheinen der toten Mutter in Iljas Fantasie ab.

Weitere Vorstellungen: 29. und 30. Januar, dann Termine bis April.

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