Umstritten: Neues Konzept enthält 257 Einzelprojekte – Kosten von 66 Millionen
Autos sollen Radlern Platz machen

Bielefeld (WB). 257 Einzelprojekte und Kosten in Höhe von 66 Millionen Euro – das steckt im Entwurf des neuen Bielefelder Radverkehrskonzeptes. Das 115 Seiten starke Papier, das seit Mitte Dezember vorliegt, wird bisher nur nichtöffentlich in der Strategiegruppe Radverkehr diskutiert. Soll te es beschlossen werden, müssen Autofahrer den Radlern künftig auch auf wichtigen Hauptverkehrsstraßen Platz machen.

Dienstag, 14.01.2020, 07:00 Uhr
Bisher teilen sich Radler und Fußgänger den Bürgersteig an der Artur-Ladebeck-Straße. Foto: Bernhard Pierel

Artur-Ladebeck-Straße zweispurig

Beispiel Artur-Ladebeck-Straße: Hier rollt der Autoverkehr aktuell auf vier Fahrstreifen, künftig sollen es nur noch zwei sein. Sie ist die wichtigste Verbindungsstraße zwischen Brackwede und der Innenstadt. Für geschätzte 3,75 Millionen Euro soll auf der Straße der „mangelhafte bauliche Zustand der Radverkehrsanlagen“ beseitigt werden. Aktuell teilen sich dort Radler und Fußgänger auf beiden Fahrbahnseiten einen 2,80 Meter breiten Bürgersteig. Der Radfahrstreifen ist ein Meter breit. Im Entwurf des Radverkehrskonzeptes ist nun ein jeweils 2,25 breiter Radweg vorgesehen, der durch einen ein Meter breiten Schutzstreifen von der verbleibenden Richtungsfahrbahn abgetrennt sein soll.

Ähnliche Planungen liegen auch für die Kreuzstraße oder Teile der Jöllenbecker Straße vor. Zugunsten der Radfahrer neu gestaltet werden soll auch wichtige Kreuzungsbereiche wie Herforder Straße/Rabenhof oder die Café-Sport-Kreuzung in Quelle.

Auf viel Kritik war bereits der Rückbau des Brackweder Stadtrings von vier auf zwei Autofahrspuren gestoßen. Der Konzeptentwurf sieht hier nun eine Teststrecke vor, auf der eine „grüne Welle“ für Radler getestet werden soll. Die soll über Induktionsschleifen, Wärmebildkameras oder eine Smartphone-App gewährleistet werden. Zu den 257 Projekten gehören auch viele kleinere Vorhaben wie „Pinsellösungen“ auf einzelnen Straßen. Größtes Projekt ist der Jahnplatz-Umbau.

Die Strategiegruppe Radverkehr war bereits 2016 eingesetzt worden. Parteien- und Verwaltungsvertreter gehören ihr an, Vertreter von Verkehrsverbänden wie dem VCD oder dem ADFC, der Verkehrsbetriebe Mobiel, von IHK, Handelsverband und Handwerkskammer. Im vergangenen Jahr hatte die Paprika-Mehrheit im Rat aus SPD, Grünen, Bürgernähe/Piraten und Lokaldemokraten zudem eine Verkehrswende beschlossen. Das Ziel: Der Anteil des motorisierten Individualverkehrs soll bis 2030 um mehr als die Hälfte auf 25 Prozent reduziert, ÖPNV, Rad- und Fußverkehrsanteile sollen entsprechend gesteigert werden.

CDU und FDP machen nicht mehr mit

CDU und FDP waren im Juni vergangenen Jahres aus der Strategiegruppe Radverkehr ausgestiegen. Man wolle sich nicht vereinnahmen lassen für Konzepte, hinter denen man nicht stehe, erklärten damals CDU-Ratsfraktionschef Ralf Nettelstroth und FDP-Chef Jan-Maik Schlifter.

Inzwischen gibt es auch intern Zweifel an der Arbeitsfähigkeit der Gruppe. Das belegt ein Auszug aus dem jüngsten Protokoll, der der Redaktion vorliegt: „Herr Johner (Grüne) zeigt sich überrascht darüber, dass erneut viele Stühle leer geblieben sind und stellt die Frage in den Raum, ob die Strategiegruppe auf diese Weise noch empfehlungsbefugt ist. Herr Küffner (VCD, Anm. d. Red.) vermutet, es würde ein größeres Interesse bestehen, wenn inhaltliche Entscheidungen zu fällen wären. Auch Herr Schmelz (Bürgernähe, Anm. d. Red.) stellt fest, dass bisher von der Strategiegruppe keine Empfehlungen an den Stadtentwicklungsausschuss ausgegangen sind.“ Das soll sich jetzt ändern. Die Strategiegruppe muss nun bis zum Februar eine Stellungnahme zu dem Konzept abgeben, das von dem Aachener Stadt- und Verkehrsplanungsbüro Kaulen erstellt worden ist. Anschließend werden sich die Ratsgremien damit beschäftigen.

Politik steht unter Druck

Die Politik steht besonders unter Druck. Während die Wirtschaftsvertreter bemängeln, dass die Erreichbarkeit der Stadt durch die Maßnahmen weiter eingeschränkt werde, hat die Initiative Radentscheid ein Bürgerbegehren für einen verbesserten Radverkehr auf den Weg gebracht. Mehr als 20.000 Unterschriften sollen bereits vorliegen. Noch vor der Kommunalwahl im September muss der Rat über die Zulässigkeit entscheiden.

Kommentare

Daniel Klaschinski  wrote: 15.01.2020 21:03
Viele Argumente, fürwahr
Viele Dank für Ihre objektiven Ausführungen, die wirklich sehr umfangreich waren und wenig ausgelassen haben.

Weiterhin bin ich der Meinung, dass gerade an der Arthur-Ladebeck-Straße wenig zu befürchten ist. Zwar kann ich nicht vollkommen ausschließen, dass es zu "Buckelbildung" kommt, dem einen oder anderen Kabel, Ausfahrten und Vertiefungen, aber all das scheint mir doch der allgemeinen Verkehrs- und Lebenswirklichkeit zu entsprechen? Eine Fahrradfahrt durch die belebte Altstadt erscheint mir da fast gefährlicher zu sein.

Auch ich fühle mich als Fußgänger oft gestört durch Absperrungen, anderen (langsameren) Fußgängern, umgefallen Mülltonnen, einem eventuell hochstehenden Pflasterstein, Bauarbeiten (Eggeweg! Gerade sehr nervig!) und vielen anderen Dingen. Und ja: auch von Radfahrern, allerdings nur von den Rücksichtslosen, die Ampelphasen missachten. Was leider zu oft vorkommt, ebenso wie ausgeschalteten Beleuchtungen um 6 Uhr morgens. Aber das soll jetzt nicht Thema sein...

Trotzdem benötige ich keine Umbaumaßnahmen in Höhe von 4 Mio. Euro. Oder wie viele auch immer es sein könnten.

Ein ausgewogenes Verkehrskonzept kann es in meinen Augen nicht sein, für eine kleinere Gruppe an Verkehrsteilnehmern 2-3 Meter Straße "freizuschaufeln", um die geschätzte 50-fache Menge an Verkehrsteilnehmern auszubremsen. Und nein: Ich werde nicht auf das Rad umsteigen. Das hat viele verschiedene Gründe... Da meine jährliche Fahrleistung sich jedoch auf ca. 7000 Kilometer beschränkt, hält sich mein schlechtes Umweltgewissen in Grenzen.

Mit freundlichen Grüßen

Daniel Klaschinski
Peter Meier  wrote: 14.01.2020 20:37
Mach mit, fahr mit dem Rad!
Lieber Herr Klarschinski,
Ihr Unverständnis macht deutlich, dass Sie jedenfalls nicht regelmäßig solche von Ihnen als ausreichend breit beschriebenen Radwege nutzen. Gemischte Fuß- und Radwege können Sie für ein zügiges Vorankommen schon mal völlig vergessen, da kommen Radfahrer und Fußgänger sich regelmäßig in die Quere und Fußgänger hören - nicht zuletzt wegen des Lärms durch Kfz - nicht rechtzeitig die Klingeln der Radfahrenden oder springen unberechenbar nach links oder rechts.
Macht man geteilte Fuß- und Radwege, dann sind es jeweils nur noch 1,40m pro Spur und das ist für Radfahrer und insbesondere zum Überholen zu schmal.
Weiteres Problem ist, dass solche Fuß- und Radwege auf Bordsteinniveau aufgrund ihrer Beschaffenheit häufig eine Tortur sind (Absenkungen an allen Einfahrten, Bordsteine an allen Kreuzungen, buckelige Oberfläche aufgrund des schlechten Unterbaus und der häufigen Tiefbauarbeiten durch div. Kabel unter dem Weg). Obendrein sind solche Radwege berüchtigt für ihre vielen Unfälle durch Autos, die aus Einfahrten heraus kommen und bis zum Bordstein vorfahren.
Wenn man möchte, dass mehr Menschen umweltfreundlich auf das Rad umsteigen, dann muss man diesen auch attraktive Angebote machen und bessere Radwege schaffen. In anderen Städten kann man sich anschauen, wie und dass das funktioniert. Zugleich muss man die über Jahrzehnte immer weiter ausgebauten Schneisen für den motorisierten Individualverkehr zurückbaut, denn es ging wirklich jahrzehntelang immer nur in diese eine Richtung.
Sie können auf jeden Fall zu denen dazu gehören, die ab morgen mit dem Rad oder dem ÖPNV (auch in Teilstrecke) fahren und dadurch die Umwelt nicht nur bezüglich Feinstaub entlasten!
Daniel Klaschinski  wrote: 14.01.2020 15:54
Eine äußerst seltsame Planung
Ich bin doch einigermaßen verwundert über diese Planung.

Ich sehe kein Problem darin, wenn einige Radfahrer und einige Fußgänger (alle paar Dutzend Meter sieht man mal einen) einen "nur" 2,80 Meter breiten Weg nutzen, der für Räder und Fußgänger gleichermaßen gut geeignet ist.

Ist ein Rad denn breiter als 1,40 Meter? Sind Fußgänger deutlich breiter als 1,40 Meter?

Stattdessen verschiebt man die Radfahrer (die auch nicht in der Gruppe, sondern wirklich einzeln und hintereinander weg auftauchen) auf einen viel(!) zu breiten Fahrstreifen und zwingt die doch sehr befahrene Straße in Staus und Verlangsamungen. (Und nein, die werden morgen nicht alle plötzlich mit dem Fahrrad fahren!)

Soll das dann etwa den Feinstaub bekämpfen?
Total 3 comments
Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7191529?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
Vier Menschen in Trier bei Vorfall mit Auto getötet
Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr nahe der Fußgängerzone in Trier.
Nachrichten-Ticker