Ein Jahr „Fridays for Future“ – erste Demo am 18. Januar 2019
Sie haben Biele„FFF“eld verändert

Bielefeld (WB). Am 18. Januar 2019 hat es die erste „Fridays for Future“-Demonstration in Bielefeld gegeben. „FFF“ hat seitdem die Stadt verändert. Simon Erichsen (18), Demo-Organisator der ersten Stunde, geht inzwischen dennoch ein wenig auf Distanz zu der weltweiten Klimabewegung. Der 15-jährige David Nalimov, Schüler am Ceciliengymnasium, ist dagegen so etwas wie das Gesicht von „Fridays for Future“ in Bielefeld geworden.

Montag, 06.01.2020, 06:00 Uhr
David Nalimov bei der großen Klima-Demonstration am 20. September. Foto: Bernhard Pierel/Archiv

Es ist ein kühler Januar-Tag, damals vor einem Jahr. Simon Erichsen und seine Mitstreiterin Lea Büllesbach wissen noch nicht, was aus ihrem Streik-Aufruf werden würde. Schließlich findet die Demo zur besten Unterrichtszeit statt. Ohne die Schule zu schwänzen, können die meisten nicht mitmachen. Aber dann kommen auf einmal mehr als 600 Schüler und Studenten auf dem Rathaus-Platz zusammen. Und da ist es dann zum ersten Mal zu hören: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“

13.000 demonstrieren im September

„Wir waren selbst überrascht, wie viele damals gekommen sind“, erinnert sich Simon Erichsen. Jetzt ist klar: Da geht was. Tatsächlich ist es nur der Anfang. Am weltweiten Klimastreiktag am 20. September sind es 13.000, die in Bielefeld auf die Straße gehen. Längst sind es nicht mehr nur Jugendliche. Inzwischen sind es die „Parents for Future“, die Eltern der jungen Demonstranten, die ebenfalls mitlaufen. Ärzte schließen vorübergehend ihre Praxen, Firmen ihre Büros, damit alle mitmachen können. Selbst der städtische Seniorenrat erklärt sich solidarisch. David Nalimov steht an dem sonnigen Freitag auf einem Pritschenwagen am Hauptbahnhof und kann kaum fassen, was er dort sieht. Der große Bahnhofsvorplatz ist übersät mit Menschen. Als die ersten Demonstranten den Jahnplatz erreichen, sind die letzten am Hauptbahnhof noch nicht einmal gestartet.

„FFF“ ist längst bundesweit zu einer Massenbewegung geworden. Der Rat der Stadt Bielefeld hat inzwischen symbolkräftig den Klimanotstand erklärt. Was immer die Stadt künftig macht, soll unter dem Gesichtspunkt der Klimaauswirkungen betrachtet werden.

„Mir ist es am Ende ein bisschen zu viel geworden“, sagt Simon Erichsen heute. Der Kollegiat des Oberstufenkollegs zieht sich im Mai aus der aktiven Mitarbeit bei „FFF“ zurück. Nicht, weil er sich mit den Zielen nicht mehr identifizieren würde, sondern weil er sich an den Organisationsstrukturen reibt. Zu groß sei alles geworden. Zu viele hätten mitgeredet. Die Whats-App-Gruppen, die anfangs noch geniale Organisationshilfen gewesen sind, werden aus Simons Sicht zu unübersichtlichen Diskussionsforen. „Im kleinen Team hat mir die Arbeit mehr Spaß gemacht“, sagt er. Dennoch: Wenn „Fridays for Future“ zum Protest aufruft, ist er weiterhin dabei.

David macht die umgekehrte Erfahrung. Auch er ist von Anfang dabei. „Es geht hier nicht nur um meine Zukunft, sondern um die Zukunft meiner Generation, von uns allen“, sagt er. Sein Engagement bringt ihm eine Einladung zu einem Treffen von „FFF“-Aktivisten im Sommer in Lausanne ein, zu dem auch Greta Thunberg anreist, die Begründerin der Bewegung. Für ihn ein unvergessliches Erlebnis. „Da haben uns Wissenschaftler erklärt, wie es wirklich um das Klima steht“, sagt David. „Viel Zeit bleibt uns nicht mehr.“

„Politik tut zu wenig“

Deshalb finden sowohl Simon wie auch David, dass das, was die Politik inzwischen beschlossen hat, viel zu wenig ist. Das Klima-Paket sei eher ein Klima-Päckchen. Vor Ort passiere auch zu wenig, meint Simon Erichsen, wenngleich er Maßnahmen, wie die, ein preisgünstiges Schülerticket einzuführen, als ersten kleinen Schritt begrüßt. „Ich muss jetzt noch jeden Monat 57 Euro bezahlen“, sagt er. Für viele seien solche Tarife eben kein Anreiz, den ÖPNV zu nutzen.

Die Politik-Studentin Lina Strotmann (20) ist inzwischen für die Öffentlichkeitsarbeit bei „Fridays for Future“ in Bielefeld zuständig. Sie ist seit März 2019 dabei, als 1,5 Millionen weltweit protestieren und „FFF“ auch in Bielefeld demonstriert. „Ich habe mein Leben komplett umgestellt“, sagt sie. Doch das erwarte sie nicht von allen anderen. Deshalb hält sie auch wenig davon, dass inzwischen SUV-Fahrer pauschal verunglimpft werden oder die Oma im umgedichteten Kinderlied zur Klimasau wird. „Mit diesen Dingen habe ich mich nur wenig auseinandergesetzt. Wir können nur etwas verändern, wenn wir möglichst viele Menschen überzeugen“, sagt sie. Das funktioniert nicht mit Häme. Aber weiterhin mit Protest und überparteilich. Da sind sich alle drei einig. „FFF“ hat auch die Kommunalwahl im September im Blick. Die wollen die jungen Aktivisten in Bielefeld zur Klimawahl machen.

Für Simon steht in diesem Jahr das Abitur am Oberstufenkolleg an. Er nimmt aus seiner aktiven „FFF“-Zeit mit, dass es sich lohnt, sich für etwas einzusetzen. David will später keineswegs den Klimaschutz zum Beruf machen. „Ich hoffe, dass wir das mit den Klima rechtzeitig hinbekommen“, sagt er. Er hat ganz andere Pläne. Sein Studienwunsch ist Architektur.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7172145?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
Corona-Beschränkungen in Cloppenburg - München reißt Grenze
Eine Ärztin der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen hält in der Corona-Teststation für Urlaubsrückkehrer am Flughafen Dresden International einen Coronavirus-Test in den Händen.
Nachrichten-Ticker