Medienarchiv Bielefeld übernimmt und digitalisiert analogen Lehrfilmbestand mehrerer Bildstellen Einzigartig wie die Wochenschauen

Bielefeld (WB). Was auf der Welt passiert und wie die Dinge funktionieren, hat in Deutschland nicht erst „Die Sendung mit der Maus“ (seit 1971) erklärt oder die „Sesamstraße“ (seit 1973). Schon wesentlich länger gibt es das Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU). Seit 1950 beliefert es bundesweit die weiterführenden Schulen mit Lehrfilmen. Mehr als 2500 dieser Filme haben jetzt im Medienarchiv Bielefeld eine dauerhafte Bleibe gefunden. In Deutschlands größter privater Bild- und Tonträgersammlung mit Sitz in Brackwede werden sie zudem erfasst und digitalisiert, so dass sie für jedermann zugänglich sind.

Von Markus Poch
Nur echt in den orangefarbenen Dosen: Der Brackweder Medienarchivar Frank Becker (59) zeigt den neuen Bestand an Filmen des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU). Das Material lagert in einer Halle an der Sportstraße.
Nur echt in den orangefarbenen Dosen: Der Brackweder Medienarchivar Frank Becker (59) zeigt den neuen Bestand an Filmen des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU). Das Material lagert in einer Halle an der Sportstraße. Foto: Markus Poch

Was Medienarchivar Frank Becker für seine Stiftung ergattert hat, ist der komplette 16-Millimeter-Filmbestand der städtischen Bildstellen aus Bielefeld, Herford, Detmold, Bad Pyrmont und Höxter. 2011, als die Beschaffung analoger Ersatzteile beziehungsweise entsprechender Techniker, die sie in die Projektoren einbauen können, immer schwieriger wurde, wandten sich die Bildstellen der digitalen Technik zu. Für das analoge Material gab es fortan weder Bedarf noch Platz. Um es vor der Vernichtung zu retten, lagerte Becker es ein – 300 Umzugskartons samt Regalsystem.

Erinnerung an ratternde Projektoren

Seit geraumer Zeit arbeitet Student Felix Mazur im Auftrag der Stiftung daran, die alten Filme zu sichten, zu verschlagworten und damit leicht auffindbar zu machen. Becker spürt indes „Genugtuung, dass ich auch dieses Material erhalten kann. Denn einmal weg ist immer weg“, mahnt er an. „Dabei sind viele der Filme wichtige Zeitdokumente – so unwiederbringlich wie die alten Wochenschauen.“

Wer selbst zur Schule gegangen ist, wird sich erinnern: Sobald der Lehrer den Klassenraum verdunkelt hatte und der Filmprojektor zu rattern begann, gab es eine kurze Auszeit vom 08/15-Unterricht. Der Pauker trat plötzlich in den Hintergrund, und der FWU-Film übernahm die Veranschaulichung des Lehrstoffes. Dann ging es um „Bilder aus dem Leben einer Ameise“, den „Entwicklungszyklus der Ohrenqualle“, die seltsame Welt der „Hefe- und Schimmelpilze“, die Stadt „Berlin: Blockade und Luftbrücke“ einen „Besuch beim Zahnarzt“, um das Leben „Auf einer deutschen Hacienda in Mexiko“ oder gar um den berühmten Bernhard-Wicki-Spielfilm „Die Brücke“.

Frank Becker erinnert sich lebhaft an manche „Filmvorstellung“ Anfang der 70er Jahre im Erdkunderaum der Realschule Brackwede. Besonders eingeprägt hat sich ihm der Streifen „Der Tod gibt eine Party“: „Der Film sollte verdeutlichen, was die Schadstoffe einer Zigarette mit dem menschlichen Körper machen können“, erzählt der 59-Jährige. Zu diesem Zweck sei die Amputation eines Raucherbeines im Detail gezeigt worden. „Solche Bilder schweißen sich einem 13- oder 14-jährigen natürlich ein“ sagt Becker. „Deshalb rauche ich bis heute nicht.“

Bis heute erscheinen 65 Titel pro Jahr

Manche Lehrer hätten allerdings nur selten oder niemals FWU-Filme gezeigt. Laut Becker scheuten sie entweder den Aufwand, die Aufführungslizenzen zu erwerben, oder sie seien schlicht zu blöd gewesen, den Projektor namens „Bauer P5“ zu bedienen. „Und bevor sie sich beim Einlegen des Filmes die Finger brechen, haben sie lieber gar nichts gemacht“, sagt Frank Becker.

Er selbst dagegen hatte den Dreh schnell heraus, musste manchem Lehrer am Projektor assistieren. Es ist dies die Zeit gewesen, in der Becker den Grundstein legte für den inzwischen gewaltigen Bestand des Medienarchivs Bielefeld mit mehr als 100.000 Filmen und Dutzenden analoger Vorführgeräte samt Ton-, Licht- und Schnitttechnik. Der original Bauer P5 aus der Realschule gehört übrigens auch dazu.

Als gemeinnützige GmbH aller Bundesländer ist das FWU bis heute mit der Produktion audiovisueller Medien als Lehr- und Lernmittel beauftragt. In Grünwald/Bayern erscheinen 65 Titel pro Jahr. Das FWU hatte seit 1934 in der Reichsstelle für den Unterrichtsfilm (RfdU), seit 1940 in der Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (RWU) seine Vorgänger. Die Nazis wollten damit das Schul- und Ausbildungswesen gleichschalten.

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