WESTFALEN-BLATT gibt Prognose ab
Auf diese Bielefelder kommt es 2020 an

Bielefeld (WB). Wenn Kommunalwahlen anstehen, kommen auf eine Stadt naturgemäß spannende Monate zu. Doch selten ist auf ein Jahr mit größerer Spannung geblickt worden als auf 2020. Muss die wankende Volkspartei SPD selbst in Bielefeld um ihre Vormachtstellung bangen? Wer fordert Oberbürgermeister Pit Clausen überhaupt heraus? Und auf welche Menschen kommt es neben den Politikern in Zeiten von Verkehrswende, Klimaschutz und diversen Führungswechseln in der Stadt noch an? Die WESTFALEN-BLATT-Lokalredaktion gibt zehn Prognosen ab.

Sonntag, 05.01.2020, 10:29 Uhr
Sparrenburg, das Wahrzeichen der Stadt Foto: Thomas F. Starke

Pit Clausen

Eine solche Auflistung ohne den amtierenden Oberbürgermeister wäre unvollständig. Der hat es im Vorfeld von Wahlen regelmäßig leichter als alle Herausforderer: Und wer dann schon seit elf Jahren im Amt ist, braucht sich erst recht nicht mehr groß vorzustellen. Ein Pfund, das der 57-Jährige wird zu nutzen wissen. Aber: Kann er damit allein dem Bundestrend standhalten, wonach kein Sozialdemokrat irgendwo in Deutschland noch ein Freifahrtschein zu haben scheint?

Und wie sieht es inhaltlich aus? Gerade beim Thema Verkehrswende und Stadtgestaltung scheint die Bürgerschaft tief gespalten, gehen Flops wie das Fahrradparkhaus zwar nicht auf Clausens Konto, aber welcher Wähler mag da schon unterscheiden. Pit Clausen steht vor der Herausforderung, die immens wichtigen Zukunftsthemen im Sinne der gesamten Stadtgesellschaft zu managen und dabei nicht in der Verdacht zu geraten, nur Wahlkampf zu machen. (HHS)

 

Herausforderer

Der Herausforderer oder die Heraus-forderin hat in diesem Jahr nur einen Auftrag: Clausen aus dem Amt zu verdrängen. Die Chancen scheinen angesichts der wackeligen Ratsmehrheit und allgemeinen Stimmung im Land nicht schlecht. Dennoch gibt es hier sogar ein großes Aber: Bis heute ist diese Person, die voraussichtlich aus dem gemeinsamen Lager von CDU und FDP kommt, nicht bekannt. Und sollte sie über keinen großen Namen verfügen, muss sie zunächst einen ordentlichen Publicity-Rückstand aufholen. Zumal es nicht unrealistisch erscheint, dass aus dem einen ernst zu nehmenden Herausforderer zwei werden. Nämlich dann, wenn die Grünen einen Kandidaten oder (wohl wahrscheinlicher) eine Kandidatin aus dem Hut zaubern, die Amtsinhaber und Gegenkandidat nicht etwa links überholt, sondern mit Charme und Ellenbogen zwischen beiden als Erste ins Ziel läuft. (HHS)

 

Jan Tangerding

Jan wer? So könnte jetzt noch die Frage lauten. Aber das sollte sich hoffentlich bald ändern. Schließlich übernimmt der Bocholter im Januar die Leitung des Shoppingcenters Loom. Für die Stadt ist das Einkaufszentrum weiter ein Prestigeprojekt. Dass es immer mal wieder ein paar Leerstände gibt, ist bei 110 Läden normal. Doch Tangerding muss dafür sorgen, dass diese nicht lange währen und die Zahl gering bleibt. Ihm spielt natürlich in die Karten, dass der A-33-Ausbau noch mehr Kunden aus dem Osnabrücker Raum nach Bielefeld bringt. Es ist wichtig, dass der Loom-Chef auch gesellschaftliche Verantwortung übernimmt und sich aktiv in der Kaufmannschaft einbringt – auch gerne mit neuen Ideen, von denen die Innenstadt profitiert. (sb)

 

Ingo Nürnberger

Der Sozialdezernent braucht sich über zu wenig Arbeit nicht zu beklagen – und scheut sie offenbar auch nicht. Sonst hätte er sich diese Aufgabe wohl kaum selbst aufgehalst. Den Grünen Würfel zu revitalisieren, mag für seinen Verwaltungsapparat auf den ersten Blick keine besonders große Herausforderung sein. Doch schnell wurde Ende des Jahres klar, dass mindestens die Nachbarschaft von der Übernahme des Problem-Gebäudes durch die Stadt nichts anderes erwartet als die Beruhigung und gleichzeitig die Belebung des weiterhin hoch umstrittenen Kesselbrinks. Nürnberger muss mit zahlreichen Vorgaben, Vorschlägen, aber auch Vorurteilen jonglieren und gleichzeitig die Kosten im Blick behalten. (HHS)

Norbert Nacke

Auch auf den neuen katholischen Dechanten Norbert Nacke wartet jede Menge Arbeit. Durch den Missbrauchsskandal ist viel Vertrauen in die Kirche verloren gegangen. Hinzu kommt die scharfe Kritik von Reforminitiativen wie „Maria 2.0“. Sie fordern zu Recht mehr Einfluss von Frauen und mehr Rechte für Laien. Nacke muss auf die Kritiker zugehen – und Missstände offen ansprechen. Und die Geistlichen müssen noch mehr außerhalb der Kirchenmauern Akzente setzen. Entsprechende Projekte wie das City-Kloster oder „Gast & Haus“ müssen gestärkt werden. Hinzu kommt die große Strukturreform: Aus den drei Pastoralverbünden soll bis 2025 in Bielefeld ein pastoraler Raum werden. Auch dieses Mammutprojekt muss Nacke moderieren und steuern.(sb)

 

Uwe Neuhaus

Es hat schon Arminia-Trainer gegeben, die häufiger in der Stadt anzutreffen waren, sich hier und da sogar gesellschaftlich eingebracht haben. Es hat aber kaum einen Übungsleiter gegeben, der in seiner recht kurzen Amtszeit eine derartige Erfolgsquote vorzuweisen hat – dort, wo es drauf ankommt: auf’m Platz. Uwe Neuhaus scheint die einfachste Aufgabe in dieser Liste zu haben: Er braucht einfach nur so weiterzumachen. Und selbst wenn HSV und VfB dann doch noch vorbeiziehen, war trotzdem alles gut. Wirklich? Nicht in Bielefeld. Mit jedem Sieg sind die Erwartungen gestiegen – und sie werden weiter steigen. Die Fans träumen von der Bundesliga. Für Neuhaus gilt es, diesen Traum weiterhin mit Leben zu füllen, aber gleichzeitig die Erwartungen realistisch einzuordnen: unaufgeregt, akribisch in der Vorbereitung, sachlich in der Analyse. Wie gehabt. (HHS)

 

Alexander Kalajdzic

Ein ehrgeiziges Großprojekt haben sich die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung von Generalmusikdirektor Alexander Kalajdzic für das Beethoven-Jahr (250. Geburtstag) vorgenommen. Gleich zu Beginn wird das städtische Orchester sämtliche Beethoven-Symphonien – also neun an der Zahl – innerhalb von nur 20 Tagen in der Oetkerhalle aufführen. Der Beethoven-Zyklus beginnt am 24. Januar und endet am 9. Februar. Chefdirigent Alexander Kalajdzic geht aber noch einen Schritt weiter, indem er Beethovens Meisterwerke im Kontext neuerer Musik erklingen lässt. (uj)

 

Christina Végh

Christina Végh (48) wird im ersten Quartal 2020 die Leitung der Kunsthalle Bielefeld übernehmen und somit die Nachfolge von Dr. Friedrich Meschede antreten, der das Haus ab Juli 2011 leitete. Die in Zürich geborene Kunsthistorikerin war zuletzt Direktorin der Kestner Gesellschaft in Hannover. Dort hat sie die Programmatik des Hauses weiter entwickelt und bedeutende internationale Positionen zeitgenössischer Kunst präsentiert. Die Herausforderung für Christina Végh liegt indes darin, die ab 2023 anstehende mehrjährige Renovierung der Kunsthalle mitzugestalten, respektive über neue Ausstellungsformate und Kommunikationsformen nachzudenken, um auch während der schwierigen Umbaujahre das Interesse der Besucher aufrecht zu erhalten. (uj)

 

Gregor Moss

Planungsdezernent Gregor Moss muss in diesem Jahr den hoch umstrittenen Jahnplatz-Umbau einleiten. Gut, dass er mit Dirk Vahrson, dem stellvertretenden Leiter des Amtes für Verkehr, einen ruhigen und besonnenen „Baustellen-Manager“ an seiner Seite hat. Denn der Jahnplatz ist so etwas wie eine Operation am offenen Herzen der Stadt. Und die findet auch noch unter erheblichem Zeitdruck statt, denn spätestens 2022 muss alles fertig sein, sonst fallen Zuschüsse weg. Das „Auftragsbuch 2020“ des städtischen Planungschefs ist aber auch darüber hinaus gut gefüllt. Die neue Baulandstrategie, nach der die Stadt als eine Art Grundstückszwischenhändler auftreten will, geht an den Start, und ein Dauerthema bleibt: Wo gibt’s neue Gewerbeflächen?

(MiS)

Martin Uekmann/Rainer Müller

Die beiden Geschäftsführer der Stadtwerke Bielefeld haben einen schwierigen Job. Sie sollen das Versorgungsunternehmen zu einem Infrastruktur-Dienstleister umbauen, müssen gleichzeitig sinkende Erlöse wegstecken. Denn die Vorteile aus dem Verkauf von Strom aus der Atomkraftwerk-Beteiligung Grohnde sind so gut wie Geschichte. Die Stadtwerke setzen auf Digitalisierung, wollen die Stadt flächendeckend mit Glasfaserkabel versorgen. Ein Projekt, das langen Atem verlangt. Das Kabel lassen sich die Leute gern ins Haus legen, nur mit dem Anschluss bei der Stadtwerke-Telekommunikationstochter Bitel zögern viele. Mächtig gefordert ist Martin Uekmann zusätzlich als Geschäftsführer der Stadtwerke-Tochter Mobiel. Die Verkehrsbetriebe sind unerlässlich für die Verkehrswende. Aber auch hier gilt: Neue Bus- und Stadtbahnlinien kosten mehr Geld. Wurden die Mobiel-Verluste bisher von der Konzernmutter, den Stadtwerken ausgeglichen, muss über kurz oder lang wohl das Rathaus einspringen. (MiS)

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