Neujahrskonzert der Bielefelder Philharmoniker Europa, eine kapriziöse Dame

Bielefeld (WB). Die Neujahrskonzerte der Bielefelder Philharmoniker sind ein Selbstläufer. Gleichwohl spiegeln sie keine heile Welt im Dreivierteltakt wider, auch wenn der Walzer nicht völlig außen vor bleibt. Vielmehr vereinen sie Intelligentes und Unterhaltsames unter einer aktuellen thematischen Klammer. Was liegt da näher, als den Blick auf Europa zu richten, jener Staatengemeinschaft, die zwar nicht von allen Mitgliedern gleichermaßen geliebt wird, die in ihrer kulturellen Vielfalt indes einen unbeschreiblichen Reichtum hervorbringt.

Von Uta Jostwerner
Die Bielefelder Philharmoniker begrüßen das neue Jahr mit einem prickelnden Melodienreigen.
Die Bielefelder Philharmoniker begrüßen das neue Jahr mit einem prickelnden Melodienreigen. Foto: Hans-Heinrich Sellmann

Und so durfte sich das Publikum am Neujahrstag in der ausverkauften Oetkerhalle an den unterschiedlichsten musikalischen Stilen und Genres berauschen, als die Bielefelder Philharmoniker unter der Leitung von Alexander Kalajdzic unter dem Motto „Europa, mon amour“ eine knapp dreistündige musikalische Liebeserklärung an den Kontinent abgaben.

Sinn für Komik und Folklore

Mit der Ouvertüre zur komischen Oper „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing eröffnet das Orchester sogleich eine Gemengelage europäischer Begegnungen. Peter I., seines Zeichens russischer Zar, reist inkognito nach Holland, um sich im Schiffsbau ausbilden zu lassen. Mit Lortzings ausgeprägtem Sinn für Komik und Folklore servierte das Orchester diesen Melodienreigen der großen und kleinen Weltenbühne.

Weiter geht die Reise gen Norden. Klangmächtig zieht der „Marsch der Trolle“ vorbei, sekundiert von herrlichen Pizzicato-Geigen und spöttelndem Blech. In England geht derweil mit Elgars „Chanson de Matin“ die Sonne auf. Brexit hin, Brexit her – „musikalisch gehören sie nach wie vor dazu“, betont Melanie Kreuter, die mit charmanter Eloquenz durch das Programm führt und dabei Anekdoten und Wissenswertes preis gibt.

Orchester lässt die Funken sprühen

Etwa die Tatsache, dass Josef Strauß’ Polka „Feuerfest“ eine Auftragsarbeit der Firma Wertheim war, die sich anlässlich ihres 20.000sten verkauften Tresors hochleben ließ. Als Hommage an das schmiedeeiserne Handwerk hat Strauß rhythmische Amboss-Schläge in die Partitur eingearbeitet. Schlagzeuger Klaus Armitter greift beherzt zu einem ungewöhnlichen Instrumentarium, derweil das Orchester zünftig die Funken sprühen lässt.

So reist man von Land zu Land. Von Österreich geht’s in den Süden zur sizilianischen Vesper und schließlich wieder hoch in den Norden, wo Jean Sibelius seinem Heimatland in pathetischen Orchesterfarben und mit irren Paukenwirbeln – Hut ab, Stefan Kostenbader, vor dieser kraftvoll-sportlichen und präzisen Großtat! – ein klingendes Denkmal setzt.

So lässt man sich Europa gefallen. Melanie Kreuter bemüht ein Helmut-Kohl-Zitat: „Mit Europa ist es wie mit den Damen: Wenn sie elegant und kapriziös sind, ist es schwieriger, mit ihnen umzugehen, als wenn sie von einfacher Struktur sind. Aber es macht auch mehr Spaß, wenn ich das richtig sehe.“

Schokolade zum Geburtstag

Eine ganz besonders kapriziöse Dame ist Olympia, die lebensgroße, bezaubernd aussehende mechanische Puppe aus Hoffmanns Erzählungen. Die Sopranistin Veronika Lee verleiht dieser künstlichen Intelligenz mit stimmlicher Bravour und körperlicher Präsenz eine ungemeine Grandezza. Für die reibungslose Mensch-Maschine-Kommunikation sorgt derweil Alexander Kalajdzic.

Und dann kommt der Wendepunkt. Das Stammpublikum weiß es längst: Wenn Bielefelds Generalmusikdirektor den schwarzen Gehrock gegen ein weißes Bandleader-Jacket getauscht hat, ist die Zeit für populäre Melodien aus Film und Musical angebrochen. Die Stimmung steigt noch mal gewaltig an, doch vor den Zugaben muss noch der obligatorische Geburtstagsgruß entrichtet werden. In diesem Jahr gab’s kein Ständchen, sondern Schokolade für den GMD, der am 1. Januar 59 Jahre alt wurde.

Am Ende hält die Zuhörer nichts mehr auf ihren Sitzen. Mit rhythmischem Klatschen forderte man die Zugaben ein, die auch in diesem Jahr reichlich und zünftig flossen, mit Rücksicht auf die noch folgenden Neujahrskonzerte in Senne und Sennestadt an dieser Stelle aber verschwiegen werden.

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