Der Musikverein der Stadt Bielefeld feiert 2020 sein 200-jähriges Jubiläum Zeichen bürgerlichen Selbstbewusstseins

Bielefeld (WB). „Vereinsgründungen waren in der Restaurationszeit ab 1815 Ausdruck eines zunehmenden bürgerlichen Selbstbewusstseins in den Städten“, schreibt Dr. Jochen Rath in seinem kürzlich erschienen Buch „Bielefeld. Eine Stadtgeschichte“.

Von Uta Jostwerner
Der Musikverein gilt als traditionsbewusst und zukunftsorientiert zugleich.
Der Musikverein gilt als traditionsbewusst und zukunftsorientiert zugleich.

Zugleich brach mit Beginn des 19. Jahrhunderts das Zeitalter der Laienmusik an. In dieser Zeit erhielt die Musik durch die Beteiligung breiter bürgerlicher Schichten als Mitwirkende und Konzertbesucher eine neue Dimension.

Eine Vorreiterrolle sowohl bezüglich eines erstarkenden bürgerlichen Selbstbewusstseins als auch Kulturverständnisses nimmt der Bielefelder Musikverein ein. Gegründet im Jahr 1820 in der damals 5000 Einwohner zählenden Stadt Bielefeld, ist er nicht nur vermutlich der älteste Verein Bielefelds, sondern auch der siebt ältestes Chor im Verband der Deutschen Konzertchöre.

Chorsymphonische Großtaten

Das 200-jährige Jubiläum wird im Jahr 2020 unter anderem mit zwei chorsymphonischen Großtaten in der Oetkerhalle sowie einer Ausstellung im Stadtarchiv gebührend gefeiert.

Mit der Gründung des Musikvereins fand in Bielefeld eine kulturelle Erneuerung statt, die zuvor nur in wenigen anderen und größeren Städten vollzogen wurde. Es folgten „1831 der Männergesangverein ‚Liedertafel‘ und die Schützengesellschaft, 1848 die Bielefelder Turngemeinde, 1859 der Männergesangverein Arion, 1874 der Bielefelder Verschönerungs-Verein und 1881 der Kunst-Verein für Bielefeld und Umgebung“, schreibt Jochen Rath im Bielefeld-Buch.

Der Musikverein hatte nun maßgebenden Anteil an dem musikalischen Leben Bielefelds: Die Gründung des Philharmonischen Orchesters der Stadt Bielefeld im Jahre 1901 und der Bau der im Jahre 1930 eingeweihten Rudolf-Oetker-Halle gingen unter anderem auf die Initiative des Musikvereins und seiner Mitglieder zurück.

Liebe zum Gesang

Heute ist der Musikverein nicht nur traditionsbewusst, sondern auch zukunftsorientiert. Die Liebe zum Gesang und die Freude am Musizieren stehen selbstverständlich weiter im Vordergrund. Daneben ist aber die Erarbeitung und Aufführung klassischer Chorliteratur vom 17. Jahrhundert bis heute auf möglichst hohem Niveau wesentliches Ziel seiner Arbeit.

Begleitet von den Bielefelder Philharmonikern und profilierten Solisten veranstaltet der Musikvereinschor mit derzeit etwa 90 aktiven Mitgliedern zwei bis drei Konzerte pro Saison in der Rudolf-Oetker-Halle. Zusätzlich gibt der Musikverein in unregelmäßigen Abständen Sonderkonzerte. Zu den Höhepunkten der vergangenen Jahre zählen Auftritte im St. Petri Dom zu Bremen sowie in der Hauptkirche St. Michaelis in Hamburg. Außerdem tritt der Musikverein in Sinfoniekonzerten der Bielefelder Philharmoniker auf und wirkt bei sonstigen regionalen und überregionalen Projekten mit. So zum Beispiel bei der Aufführung der „Sinfonie der Tausend“ von Gustav Mahler unter der Leitung von Lorin Maazel anlässlich des Kulturhauptstadtjahres 2010 und zuletzt bei den Murnau-Festspielen 2013 anlässlich der viel beachteten und begeistert aufgenommenen Uraufführung der Filmmusik Bernd Wildens zum Stummfilm „Faust“ aus dem Jahr 1926.

Namhafte Dirigenten

Ein besonderes Anliegen des Musikvereins ist es, allen Kindern und Jugendlichen den Besuch der Konzerte zu ermöglichen und sie an die chorsinfonischen Werke heranzuführen. Daher erhalten sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr freien Eintritt.

Namhafte Dirigenten wie Wilhelm Lamping, Heinrich Kaminski, Hans Hoffmann, Michael Schneider, Martin Stephani, Bernhard Buttmann und Wolfgang Helbich haben den Musikverein musikalisch geprägt. Seit dem Jahr 2013 lenkt der Musiker und Komponist Bernd Wilden die Geschicke des Musikvereins, der in seinem Jubiläumsjahr das War Requiem von Benjamin Britten aufführen wird – passend zum 75. Jahrestag der Kapitulation des Deutschen Reiches und Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai. Das Werk erklingt unter Mitwirkung des Knabenchors Gütersloh und des Evangelischen Stadtkantorats.

Hohe Messe in h-Moll

Ein weiterer Höhepunkt ist die Aufführung der „Hohen Messe in h-Moll“ von Johann Sebastian Bach am 29. November.

Den festlichen Auftakt des Jubiläums bildete bereits die traditionelle Aufführung des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach am 20. Dezember in der Oetkerhalle (das WESTFALEN-BLATT berichtete ausführlich).

Die Veranstaltungen des Jubiläumsjahres finden unter der Schirmherrschaft von August Oetker statt.

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