Uni-Serie, Folge 45: Psychologin Dr. Boukje Habets leitet das Uni-Labor »B hoch 3« »Wir suchen immer Kinder«

Bielefeld (WB). »B hoch 3« heißt das Kinderlabor der Universität Bielefeld etwas kryptisch. »Die drei B’s stehen für berühren, bewegen und begreifen«, erläutert die Leiterin Dr. Boukje Habets. Denn in dem Kinderlabor wird erforscht, wie die sensorische und motorische Entwicklung von Babys, Kindern und Jugendlichen verläuft.

Von Sabine Schulze
Ein Ambiente, in dem sich Kinder wohlfühlen: Dr. Boukje Habets im Kinderlabor der Universität.
Ein Ambiente, in dem sich Kinder wohlfühlen: Dr. Boukje Habets im Kinderlabor der Universität. Foto: Sabine Schulze

Weil dafür Probanden nötig sind, sucht das Labor fortlaufend Kinder – wobei der Begriff Kind weit gefasst ist: »Wir suchen in der Altersspanne von wenigen Wochen bis 20 Jahren«, erklärt Boukje Habets. Ziel der 41-Jährigen ist, die Spanne normaler Entwicklungsverläufe zu verstehen, zu beobachten, wie Sinneseindrücke verarbeitet werden, wie sich die Motorik entwickelt, die Welt begriffen wird und was geschieht, wenn ein Kind wächst und irgendwann hormonelle Einflüsse eine Rolle spielen. Und natürlich steht dahinter der Gedanke, Kindern, die sich nicht altersgemäß entwickeln, zu helfen.

Keine Therapeuten

Gleichwohl, stellt die Psychologin klar, seien sie und ihre Mitarbeiter keine Therapeuten: »Es gibt keine individuellen Aussagen über die Entwicklung eines Kindes.« Vielmehr sollen mit Hilfe der (selbstverständlich anonymisierten) Daten einer großen Gruppe Entwicklungsschritte verstanden werden. Auch wenn die jungen Probanden mithin Teil eines Experimentes sind, ist das »Setting«, wie die Wissenschaftler es nennen, alles andere als klinisch und nüchtern: Das Kinderlabor – Teil der Arbeitseinheit Biopsychologie und kognitive Neurowissenschaften der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft – ist mit rotem Sofa und bunten Würfeln ausgestattet, auf die Wand ist eine Karte der Welt mit ihren Tieren geklebt.

Die Experimente sind den Kindern angepasst: So werden Babys nur etwa zehn Minuten »studiert« oder wird bei Achtjährigen pausiert, wenn die Konzentration nachlässt. Und natürlich erfahren die Eltern zuvor, was warum mit ihren Kindern gemacht wird. »Ich bin selber Mutter, ich hätte diesen Anspruch auch«, sagt Boukje Habets. Grundsätzlich können die Eltern natürlich bei den spielerischen Experimenten dabei sein, »viele Mütter gehen aber, wenn die Kinder alt genug sind, gerne einen Kaffee trinken.«

Gehirn braucht viele erste Sinneseindrücke

Eine wichtige Rolle spielt in den Versuchen die Haut. »Ein Neugeborenes etwa spürt Berührungen, weiß aber noch nicht, ob Hand, Arm oder Fuß berührt werden. Das Gehirn braucht viele erste Sinneseindrücke, damit es lernt, diese Informationen einzuordnen und den Körper von der Umwelt abzugrenzen«, erläutert die Psychologin. Greift sich ein Säugling ins Gesicht, bekommt das Gehirn gleich zwei Informationen: von den Fingerkuppen und der Wange. »Das taktile System ist sehr wichtig für die Entwicklung, Sensorik und Motorik hängen eng zusammen.«

Das kann bei einer Störung auch fatal sein: Es gibt Kinder, die nicht gerne malen, weil ihnen der Druck des Stiftes auf die Finger unangenehm ist, erklärt die Psychologin. Also vermeiden sie das Malen, Zeichnen und Kritzeln – und trainieren so ihre Feinmotorik nicht.

Impulse und Input

Bewundernswert findet Boukje Habets, die aus dem niederländischen Geleen stammt und in Maastricht studierte, wie flexibel und lernfähig das menschliche Gehirn ist. »Es kann sich enorm anpassen.« Aber es benötigt eben auch Impulse und Input. Dafür aber, erklärt Habets, gibt es gewisse Zeitfenster, sensible Phasen, in denen das sensorische System quasi Fuß fasst. Weil sie das weiß, erzählt sie schmunzelnd, habe sie bei ihrem heute achtjährigen Sohn in seinen ersten Lebensmonaten viel getan, damit sein sensorisches System möglichst viele Informationen erhielt. »Bei meiner Tochter habe ich darauf dann schon verzichtet, da war ich entspannter...«

Boukje Habets lebt nach einigen Jahren in Hamburg seit drei Jahren mit Ehemann Tobias Heed – Professor an der Psychologiefakultät – und den Kindern in Bielefeld. »Ich finde es toll, wie schnell man hier überall im Grünen ist.« Schließlich wandert und radelt die Familie gerne. Dass sie und ihr Mann als Psychologen bei der Kindererziehung vieles besser machen als andere, glaubt sie nicht: »Ich denke, alle Eltern machen Fehler, und auch Psychologen sind nur Menschen.« Aber auch, wenn die eigenen Kinder nicht »analysiert« werden, kann Boukje Habets den Profi nicht ganz unterdrücken: »Es ist etwas Schönes zu beobachten, wie sich ein Kind entwickelt.«

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