Strafe für pädophilen Physiotherapeuten „zu lasch“
Opferanwälte kritisieren Urteil

Bad Oeynhausen (WB). Zwei Jahre und neun Monate Haft für den Physiotherapeuten Rainer M. (61) , der in seiner Praxis in Bad Oeynhausen Kinder missbraucht hat – dieses Urteil des Landgerichts Bielefeld vom Mittwoch kritisieren die Anwälte der Nebenkläger als falsch und zu lasch. Und auch die Staatsanwaltschaft kündigte am Donnerstag an, sie wolle Revision einlegen, also den Urteilsspruch vom Bundesgerichtshof überprüfen lassen.

Freitag, 06.12.2019, 05:30 Uhr
Vier von acht mutmaßlichen Opfern wurden von Anwälten vertreten. Keiner der Anwälte, hier drei von ihnen, kann sich mit dem Urteil anfreunden. Foto: Althoff

Baris Devletli: Es spricht viel für Missbrauch und gegen Versehen

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld hatte ursprünglich den Missbrauch von acht Mädchen angeklagt, das Gericht sah ihn aber nur in vier Fällen für bewiesen. Rechtsanwalt Baris Devletli aus Bad Oeynhausen: „Man kann das Urteil des Landgerichts juristisch vertreten, aber man hätte auch zu einer höheren Strafe kommen können.“ Seiner Meinung nach habe das Gericht den Leitsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ überstrapaziert. „Im Fall des behinderten Mädchens, das ich vertrete, war es so, dass der Therapeut in den Innenseiten der Oberschenkel quer über bestimmte Adduktoren-Muskel strich, die vom Schambein bis zum Knie reichen. Der Gutachter hat uns gesagt, dass man diese Behandlung nicht unbedingt in Höhe des Intimbereichs vornimmt, weil man dann mit der Hand dort hinkommen kann. Unser Therapeut hat aber ausschließlich an dieser Stelle behandelt, und er ist nach Angaben meiner Mandantin fünf- bis sechsmal an ihre Scheide gekommen.“ Er habe den Intimbereich auch nicht mit einem Handtuch abgedeckt, wie es der Gutachter für angemessen gehalten habe. „Wenn man dann noch weiß, dass der Therapeut pädophil ist, spricht doch sehr viel für einen Missbrauch und gegen ein versehentliches Berühren.“ Doch die Kammer sah das anders und sprach den Mann im Bezug auf dieses Mädchen frei. Baris Devletli: „Ich werde jetzt mit den Eltern besprechen, ob wir in Revision gehen.“

Hülya Dalkilic: Offensichtliche Motivation hat die Kammer nicht gesehen

Auch Rechtsanwältin Hülya Dalkilic aus Herford hadert mit dem Freispruch im Fall ihrer Mandantin. „Man kann einen Beckenschiefstand mit Druck auf die Schambeinfuge korrigieren. Aber der Gutachter hat gesagt, dass das nicht die erste Wahl sei, sondern dass man die Muskeln stärken müsse.“ Trotzdem sei ihre Mandantin mehrfach an der Schambeinfuge angefasst worden. „Und er hat ihren Po massiert, obwohl der Gutachter gesagt hat, dass man das nur bei Sportlern tut, um Muskeln zu lockern. Wie soll man dieses Anfassen durch eine pädophilen Therapeuten, der Kinderpornos sammelt und anfertigt, verstehen, wenn nicht als sexuell motivierte Handlung?“ Diese „offensichtliche Motivation“ habe die Kammer „leider nicht gesehen“.

Zeliha Evlice: Urteil nur für den Angeklagten zufriedenstellend

Ein Mädchen, das von Rechtsanwältin Zeliha Evlice aus Vlotho vertreten wird, wurde vom Gericht als Opfer anerkannt. „Aber die Familie ist von der geringen Strafe sehr enttäuscht.“ Der Vater habe, um seine inzwischen jugendliche Tochter nicht noch mehr zu belasten, das Thema in den vergangenen Monaten zu Hause nicht angesprochen. „Was seiner Tochter genau passiert ist, hat er erst am Mittwoch während der Urteilsbegründung vom Richter erfahren. Er war total schockiert – auch von dem milden Urteil.“ Immerhin reiche die Strafandrohung im Gesetz bis zu zehn Jahre. „Der einzige, der mit diesem Urteil zufrieden sein kann, ist der Angeklagte.“

Roman von Alvensleben:

Rechtsanwalt Roman von Alvensleben aus Hameln hat am Donnerstag nach Absprache mit den Eltern seiner Mandantin Revision eingelegt. „Sie hat laut Polizei ausgesagt, dass der Therapeut sie im Intimbereich angefasst hat, wenn ihre Mutter nicht mit im Behandlungsraum war. Weil sie vor Gericht noch mehr geschildert hat, gilt sie jetzt als unglaubwürdig.“ Das halte er nicht für richtig. „Der Bundesgerichtshof sagt, dass bei der Frage, ob ein Kind missbraucht wurde, eine Gesamtbetrachtung anzustellen ist. Hier haben wir einen Pädophilen , der Kinderpornos von seinen kleinen Patientinnen hergestellt und einige im Intimbereich angefasst hat. Wie groß ist also die Chance, dass dieser Pädophile meiner Mandantin nur in die Hose gegriffen hat, um sie zu behandeln?“

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