Therapeuten aus Bad Oeynhausen verurteilt – Ehefrau freigesprochen
Urteil: Abtasten von Brüsten war Kindesmissbrauch

Bielefeld (WB). Zwei Jahre und neun Monate Gefängnis und ein lebenslanges Berufsverbot für die Behandlung von Mädchen unter 18: Mit diesem Urteil hat das Landgericht Bielefeld am Mittwoch den Physiotherapeuten Rainer M. (61) aus Bad Oeynhausen bestraft.

Donnerstag, 05.12.2019, 04:30 Uhr aktualisiert: 05.12.2019, 09:12 Uhr
Eine Justizwachtmeisterin nimmt Rainer M. im Saal die Handschellen ab. Der Physiotherapeut bestritt bis zuletzt, Mädchen aus sexuellen Gründen angefasst zu haben. Foto: Christian Althoff

Richter spricht von wahnsinniger Idee

Für die fünf Richter steht fest, dass der Mann vier seiner kleinen Patientinnen missbraucht hat. Außerdem wurde ihm der Besitz sogenannter Kinderpornografie zur Last gelegt, die er spätestens seit dem Jahr 2000 gesammelt haben soll. Der Vorsitzende Richter Carsten Nabel nannte es eine „wahnsinnige Idee“, dass sich der pädophile Angeklagte, der ursprünglich in technischen Berufen gearbeitet hatte, trotz seiner Neigung mit einer Praxis selbstständig gemacht und auf Kinder und Jugendliche spezialisiert habe.

Ehefrau kann kein Missbrauch nachgewiesen werden

Die Ehefrau (62), die einem mutmaßlich missbrauchten Mädchen erklärt haben soll, ihr Mann tue das Richtige, wurde freigesprochen, weil in diesem Fall kein Missbrauch nachgewiesen wurde.

Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrer Anklage ursprünglich acht Opfer aufgeführt. Doch in vier Fällen sah das Gericht den Beweis nicht geführt – weil die Griffe des Therapeuten bei diesen Patientinnen auch medizinisch begründbar waren, oder weil es Zweifel an den Aussagen der Zeuginnen gab.

Gericht: Opfer von Medien beeinflusst?

„Es war ein sehr komplexes Verfahren“, sagte Nabel.  „Wir mussten schauen, ob die Berührungen des Therapeuten der Behandlung der Kinder dienten oder sexuell motiviert waren. Das war sehr schwierig, denn es gibt keine festen Regeln in der Physiotherapie, welche Krankheit wie zu behandeln ist. Die Möglichkeiten sind vielfältig.“ Auch die umfangreiche Presseberichterstattung nach Auffliegen des Falls im April habe das Gericht im Hinterkopf haben müssen. „Wir mussten uns fragen: Waren die Erinnerungen von Opfern von diesen Berichten beeinflusst?“

Vier Fälle ohne Zweifel

Zum Schluss blieben vier Fälle, in denen das Gericht keinen Zweifel hatte. In einem Fall hatte der Therapeut nach Überzeugung der Richter ein sechsjähriges Mädchen bei zwei Behandlungen nackt in Pose gesetzt und das Mädchen mit Fokus auf den Intimbereich fotografiert. Außerdem soll er es an der Scheide angefasst haben. In einem anderen Fall konnte das Opfer bisher nicht identifiziert werden. Nabel: „Wir sehen auf dem Foto den Daumen des Angeklagten auf dem Po eines nackten Kindes, das sehr klein zu sein scheint.“ Auch im dritten Fall soll der Therapeut ein Kind dazu gebracht haben, sich auszuziehen. Dann setzte er es mit einer Puppe in Pose und machte Fotos.

Brüste abgetastet um „Aysmmetrie“ zu überprüfen

Der vierte Fall betrifft eine junge Patientin, die ihren BH ausziehen musste. Dann soll Rainer M. ihre Brüste mit beiden Händen abgetastet haben, um eine „Asymme­trie des Brustkorbs“ zu überprüfen. So eine Untersuchung hatte der Gutachter im Prozess als abwegig bezeichnet. In diesem Fall stellten die Richter neben dem Missbrauch auch noch Freiheitsberaubung und Körperverletzung fest: Das Mädchen hatte sich nach der Behandlung einem Ritual entziehen wollen, das der Richter „übergriffig, distanzlos und deplatziert“ nannte. 

Denn Rainer M. kitzelte seine Patientinnen zum Schluss der Sitzungen immer durch. Als das Mädchen das nicht wollte, drückte er es mit beiden Armen und seinem Gewicht auf die Liege zurück und soll gesagt haben, er bestimme, wann das Mädchen gehe.

Mädchen erzählte Freund von Übergriff

Was die Taten für die Opfer bedeuteten, beschrieb der Richter am Fall eines Mädchens. „ Die Polizei klingelte im März bei der Familie und wollte nur überprüfen, ob ein in der Praxis sichergestelltes Foto einer Sechsjährigen die heute jugendliche Tochter der Familie zeigt. Als das Mädchen hörte, dass Polizisten im Haus sind, brach es in Tränen aus, die wahrscheinlich aus Erleichterung flossen, und erzählte von dem Missbrauch.“ Das Mädchen habe sich vor gut einem Jahr zum ersten Mal an den Übergriff erinnert, als es einen Freund hatte und es zu einer intimen Situation gekommen sei. „Das Mädchen sagte damals dem Freund, der Therapeut habe sie unten angefasst. Der junge Mann hat uns gesagt, dass ihn das überfordert hat und er nicht gewusst hat, was er tun sollte.“

Haftbefehl bleibt bestehen

Weil Rainer M. nach Überzeugung des Gerichts weiter eine Gefahr für Mädchen ist, bleibt der Haftbefehl bestehen – auch wenn das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. Der Richter sagte, echte Reue sei nicht festzustellen. Dass der Angeklagte von dem Computertechniker, der 2017 die Kinderpornos auf dem PC des Therapeuten gefunden und den Fall ins Rollen gebracht hatte, 75.000 Euro Schadensersatz verlangt habe , zeige seine Einstellung zu seinen Taten. „Das passt auch zu der Einschätzung des Gutachters, der von einer narzisstischen Neigung sprach.“ Die Vernichtung seiner Existenz, für die Rainer M. den Computertechniker verantwortlich gemacht habe, habe er mit seinen Taten selbst herbeigeführt.

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