Chirurg Dr. Theodor Windhorst räumt den Platz an der Spitze der Ärztekammer Westfalen-Lippe Der Präsident tritt ab

Bielefeld (WB). Seit Tagen schon sind die Sessel und der Couchtisch in seinem Wohnzimmer unter Bergen von Schriftstücken und alten Zeitungsartikeln verschwunden. »Ich miste aus!«, sagt Ärztekammerpräsident Dr. Theodor Windhorst (69), der morgen in Münster sein Amt abgibt.

Von Christian Althoff
Dr. Theodor Windhorst (69) will jetzt mehr Bücher lesen, darunter dieses des Onkologen und Palliativmediziners Prof. Andreas Lübbe aus Bad Lippspringe.
Dr. Theodor Windhorst (69) will jetzt mehr Bücher lesen, darunter dieses des Onkologen und Palliativmediziners Prof. Andreas Lübbe aus Bad Lippspringe. Foto: Althoff

Drei Jahrzehnte hat sich der Chirurg aus Bielefeld in unterschiedlichen Gremien für die Belange seiner Kollegen eingesetzt. Die letzten 14 Jahre stand er als Präsident an der Spitze der Ärztekammer Westfalen-Lippe, die 45.258 Mediziner vertritt.

Dreimal wurde Windhorst seit 2005 wiedergewählt, ein viertes Mal wollte er nicht. »Ein befreundeter Maurer hat mir einen Zollstock zum Geburtstag geschenkt und gesagt: ›Auch Deine Zeit ist bemessen‹. Er hat Recht.« Jetzt sei die Familie dran, sagt Windhorst, auch wenn die erwachsenen Kinder längst aus dem Haus sind. Eine Tochter und der Sohn sind Ärzte geworden, die andere Tochter Pädagogin.

Wer den stämmigen, weißhaarigen Chirurgen sieht, kann ihn sich leicht am OP-Tisch vorstellen. »Einmal haben wir mit drei Ärzten einem jungen Vater den Arm gerettet. Er wollte im Kinderzimmer eine Lampe aufhängen und ist von der Leiter in eine verglaste Tür gestürzt. Sie hat ihm den Arm an der Achsel abgetrennt, und wir haben ihn wieder angenäht. So etwas vergisst man nicht«, sagt Windhorst, der bis zu seinem Ruhestand 2016 als Arzt im Klinikum Bielefeld operiert hat.

Wer Windhorst zuhört, weiß schnell, dass er alles ist, aber kein Halbgott in Weiß. »Wir Ärzte müssen die Kümmerer sein, die Helfer, die Heiler«, sagt er. Medizin sei eine Erfahrungswissenschaft. »Nur wenn wir uns mit den Patienten ausreichend auseinandersetzen, können wir ihnen helfen.« Es gehe um Zuwendungsmedizin, sagt Windhorst. »Zuwendung macht ein Drittel der Heilkunst aus. Bevormundung hilft dem Patienten nicht.«

In seinen fast 15 Jahren an der Spitze der Ärztekammer Westfalen-Lippe hat Windhorst viele Felder beackert. Die Weiterbildung der Ärzte war ihm immer ein großes Anliegen, ebenso der Kampf gegen Versuche der Politik, ärztliche Kompetenzen in andere Gesundheitsberufe zu verschieben. Manches hat Windhorst erreicht, anderes nicht. »Bei der Digitalisierung hängen wir zehn Jahre hinter anderen Ländern zurück. Der Hausarzt muss direkten Zugriff auf die Patientenakte im Krankenhaus haben, aber soweit sind wir noch lange nicht.« Es gebe nur Insellösungen einzelner Krankenkassen. »Da macht jeder, was er will. Es gibt kein einheitliches Konzept.« Ärzte und Politiker hätten das Thema verschlafen.

Als Ärztekammerpräsident hat Windhorst seinen Finger in die ein oder andere Wunde gelegt, und nicht immer hat er dafür Beifall bekommen. So eckte er im Sommer an, als er die Ruhr-Universität Bochum kritisierte: »Eine Universitätsklinik muss Forschung, Lehre und Patientenversorgung verbinden. In Bochum gab es aber nur die Versorgung. Geforscht wurde vor allem am angegliederten NRW-Herzzentrum in Bad Oeynhausen.« Für diese Aussage bezog Windhorst Schelte, doch inzwischen hat sich auch der Wissenschaftsrat gemeldet und ähnliche Worte zum Bochumer Modell gefunden.

Windhorsts vielleicht größter Erfolg ist die Einrichtung einer Medizinfakultät an der Universität Bielefeld, für die er zusammen mit anderen zehn Jahre lang gegen viele Widerstände gekämpft hat. Erst als er Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann als Verbündeten fand, nahm das Projekt Formen an. 2021 sollen die ersten Studenten kommen. Windhorst: »Wir hoffen, dass etliche in Bielefeld ausgebildete Ärzte in Ostwestfalen-Lippe bleiben und der Ärztemangel in unserer ländlichen Region abnimmt.«

Laumann und Windhorst verstehen sich gut, sie duzen sich. Die beiden haben auch die gleichen Vorstellungen vom Umbau der Krankenhauslandschaft in NRW, der ab 2021 kommen soll. »Personal, Geld und Räume sind knapp«, sagt Windhorst. »Wir müssen diese Ressourcen effektiver nutzen.« Vor allem im Rheinland, aber auch in Bielefeld und Münster gebe es ein Überangebot. »Entscheidend muss künftig sein, was der Patient braucht. Nicht, was die Krankenhäuser wollen.« Und noch etwas treibt den scheidenden Präsidenten in Sachen Krankenhäuser um. »Ich sehe mit Schrecken, dass wir noch immer keine flachen Hierarchien haben und junge Kollegen wie auf einem Schachbrett hin- und hergeschoben werden.« Obwohl die Ärztekammer Curricula zur Ärztlichen Führung anbiete, hätten es viele etablierte Ärzte noch immer nicht verinnerlicht, dass es im Krankenhaus um Teamarbeit gehe. »Und dazu gehört auch, dass der junge Arzt dem erfahrenen sagen darf, wenn er etwas anders sieht.«

Auf die Frage, was er ab morgen in seiner neugewonnenen Freizeit machen werde, sagt der 69-Jährige: »Das weiß ich noch nicht.« Er habe sich ein paar Bücher zurückgelegt, und vielleicht könne er ja auch beratend beim Umbau des Krankenhauswesens helfen. »Mal sehen.«

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