Gutachten: Verkehrswende wird extrem teuer und funktioniert nur mit Repression
Das Milliarden-Ding

Bielefeld (WB). Selbst wenn die Stadt zwei Milliarden Euro für Stadtbahnlinien und eine neue Verkehrsinfrastruktur in die Hand nehmen würde, könnte der Anteil der ÖPNV-Nutzer nur von 14 auf magere 18 Prozent gesteigert werden.

Freitag, 15.11.2019, 06:00 Uhr aktualisiert: 15.11.2019, 06:38 Uhr
900 Busse steuern aktuell täglich den Jahnplatz an. Künftig sollen es bis zu 1200 sein. Foto: Bernhard Pierel

Das steht in einem Gutachten des Karlsruher Beratungsunternehmens PTV Group, das die Stadt in Auftrag gegeben hat und eigentlich noch unter Verschluss halten wollte. Jetzt wurde es öffentlich und dürfte die Diskussion über die Verkehrswende auf den Kopf stellen. Das selbst gesteckte Ziel, den Anteil des motorisierten Individualverkehrs in Bielefeld bis 2030 von 51 auf 25 Prozent mehr als zu halbieren, scheint schier unerreichbar. Genau dies hatte das Paprika-Bündnis aus SPD, Grünen, Bürgernähe/Piraten und Lokaldemokraten gerade erst mit seiner Ein-Stimmen-Mehrheit im Rat beschlossen.

Die Karlsruher Gutachter nahmen sich die Vorschläge aus dem neuen, ebenfalls noch nichtöffentlichen Nahverkehrsplan vor und untersuchten sie auf ihre Umsetzbarkeit. Die Milliarden-Investitionen wären erforderlich, wenn ein Wunsch-Szenario umgesetzt würde, also etwa Stadtbahnverbindungen über Bielefelds Stadtgrenzen hinaus neu geschaffen würden.

Minimaler Effekt

Auch bei dem Real-Szenario, das unter anderem die geplante Stadtbahn-Verlängerung der Linie 1 nach Sennestadt enthält, wäre der gewünschte Umsteigeeffekt gering. Die Experten kommen zu dem Schluss, dass sich der Anteil von Bus und Bahn am Gesamtverkehrsaufkommen nur um gut 1,5 Prozent erhöhen würde. Er könnte wegen eines Kanibalisierungseffektes innerhalb des Umweltverbundes (Fußgänger, Radler, ÖPNV) am Ende sogar noch geringer ausfallen.

Deutliche Zuwächse, die aber immer noch unter den erwarteten blieben, seien nur mit Repressionen für den Autoverkehr zu erzielen, heißt es aus dem Rathaus. Das würde bedeuten: Straßen würden zurückgebaut, Zufahrtbeschränkungen eingerichtet, Zufahrtberechtigungen auf bestimmten Straßen nur für einzelne Gruppen, etwa Pflegedienste oder Handwerker, erteilt. Vor allem: Das Parken in der Innenstadt müsste deutlich verteuert werden. Dann sei eine Steigerung des ÖPNV-Anteils auf bis zu 21 Prozent denkbar. Vor diesem Hintergrund rückt eine Entscheidung vom September wieder in den Blick: Danach sollen künftig die Verkehrsbetriebe Mobiel für den Unterhalt der öffentlichen Parkplätze und städtischen Parkhäuser zuständig sein. Es wurde allerdings beteuert, dass die Verkehrsbetriebe keinen Einfluss auf die Höhe der Parkentgelte im öffentlichen Straßenraum haben sollten.

Schon jetzt Riesen-Verluste

Aktuell erwirtschaftet Mobiel im Jahr ein Minus von rund 23 Millionen Euro. Würden die Verbindungen nach dem Wunsch-Szenario ausgebaut, würden sich diese Kosten auf einen deutlich dreistelligen Millionenbetrag erhöhen. Die Mobiel-Mutter, die Stadtwerke, hat bereits angekündigt, schon die aktuellen Verluste künftig nicht mehr allein auffangen zu können.

 

 

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