Richard Oetker spricht vor Jöllenbeckern freimütig über seine Entführung 1976 »Ich habe nie resigniert«

Bielefeld (WB). »Herr Oetker ist doch da«, freute sich Gastgeber Hans-Jürgen Kleimann. Der Vorsitzende des Vereins Heimathaus hatte Mittwochabend zum Kaufmannsessen ins Heimathaus eingeladen. Denn Richard Oetker (68) , zweitältester Sohn des Unternehmers Rudolf-August Oetker , will über seine Entführung 1976 sprechen.

Von Volker Zeiger
Richard Oetker (Mitte) spricht beim Kaufmannsessen im Heimathaus über seine Entführung von 1976, an deren Folgen er immer noch physisch leidet. Links Gastgeber Hans-Jürgen Kleimann, rechts Friedrich-Wilhelm Brünger, Eigentümer des Heimathauses.
Richard Oetker (Mitte) spricht beim Kaufmannsessen im Heimathaus über seine Entführung von 1976, an deren Folgen er immer noch physisch leidet. Links Gastgeber Hans-Jürgen Kleimann, rechts Friedrich-Wilhelm Brünger, Eigentümer des Heimathauses. Foto: Volker Zeiger

Er holte nach, was schon für Februar dieses Jahres versprochen war, aber ausfiel, weil der Referent erkrankt war. Nun saß ein gut gelaunter, redseliger Richard Oetker im Heimathaus und sagte angesichts der großen Interesses der 90 Zuhörer vorwiegend höheren Alters: »Ich bin erstaunt, dass so viele Menschen davon wissen.« Bevor er berichte, wolle er einen Film zu seinem Entführungsfall zeigen – besonders für die Jüngeren unter den Zuhörern.

In dem Beitrag des Landeskriminalamtes Bayern wird die Oetker-Entführung vom Zeitpunkt der Tat bis zum späteren Prozess gegen den zu 15 Jahren Haft verurteilten Täter anhand von Aufnahmen an Originalschauplätzen aus polizeilicher Sicht dargestellt. Selbst Oetker, seitlich vor den Zuschauern platziert, blickt oft auf die Leinwand, obwohl er alles doch bis ins Detail kennt.

Minutiöse Erzählung

Dann erzählt er selbst minutiös, was er vom Abend des 14. Dezember 1876 an in langen 47 Stunden erlebt. Der 1,94 Meter große Oetker wird von einem Unbekannten mit einer Schusswaffe bedroht, muss in eine 1,44 Meter lange und einen Meter hohe Kiste steigen, sich Handschellen umlegen, wird auch an den Füßen gefesselt und mit einem Stromkabel verbunden. Per Babyphone kann er mit dem Entführer sprechen. Der droht, dass er tun müsse, was er sage, wenn er sein Leben nicht gefährden wolle. Als Lösegeld werden 21 Millionen D-Mark gefordert.

Er habe bewusst mit dem Täter kommuniziert und seinen Bewacher in lange Gespräche verwickeln wollen, sagt Oetker. Das gelang weitgehend.

Nach der ersten Nacht des Martyriums fährt ihm ein Stromschlag durch den Körper. »Alle Muskeln zogen sich zusammen«, sagt Oetker und erklärt weiter: Beide Hüften und zwei Rippen brechen, seine Lunge wird eingequetscht. Er weist den Entführer darauf hin, möchte aus der Kiste raus.

Der Unbekannte bedauert nur den Stromschlag und kündigt nach weiteren Stunden der Ungewissheit die baldige Freilassung an - wenn die Geldübergabe gewesen sei. Oetker wird in ein Waldstück gefahren, in den Kofferraum eines Wagens gesteckt. Der Täter verschwindet. Oetker kann sich befreien, den Wagen aber nicht wegfahren, denn »meine Beine machten das nicht mit«, sagt er. In der Nacht wird der Entführte von der Polizei entdeckt und befreit.

»Gespräche, Gespräche, Gespräche«

Er kommt sofort ins Krankenhaus, muss Operationen ertragen, wird über Monate hinweg immer wieder von der Polizei befragt. Ein Psychologe berät ihn, aber nur zwei Sitzungen lang. Warum? Weil er sich mit dem Geschehen durch »Gespräche, Gespräche, Gespräche« sehr auseinandergesetzt habe, sagt Oetker. Er sei Optimist, habe nie Angst gehabt. Er habe auch nie resigniert, weder als Gefangener in der Holzkiste noch beim Prozess gegen den Täter Zlof, wo dieser sich als Unschuldiger darstellte und Oetker in eine Übeltäterrolle gedrängt wurde.

Richard Oetker war Nebenkläger und ist davon überzeugt, dass der 1980 verurteilte Zlof einen Mittäter hatte. Doch dafür ließen sich keine Indizien finden, sagte er. Ob das Urteil gegen den Entführer gerecht sei, wurde Oetker damals gefragt. Seine Antwort: »Gerechtigkeit gibt es leider nicht auf der Welt«.

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