Heimische Waldbauern fürchten Gerichtsurteil zur Zukunft der Bielefelder Wildschafe
Angst um die kleine Mufflonherde

Bielefeld (WB). Fällt das Oberverwaltungsgericht Münster an diesem Freitag das Todesurteil für die Bielefelder Mufflonherde? Davor fürchtet sich der Muffelwildring, in dem sich heimische Waldbauern, Jäger und die Stadt Bielefeld zum Erhalt der 1967 im Teutoburger Wald angesiedelten Tiere zusammengeschlossen haben.

Mittwoch, 06.11.2019, 11:00 Uhr
»Der Wald verjüngt sich – auch mit Mufflons.« Das sagen Henrich König (50, links) und Mark Meyer zu Bentrup (46), hier mit kleinen Fichten auf einer Lichtung, die in Folge der Stürme Kyrill und Friederike sowie der Dürre 2018/2019 entstanden war. Foto: Markus Poch

Über Verbleib beziehungsweise Abschuss der Herde streitet die Stadt Bielefeld, wie berichtet, seit Jahren mit der Klasingschen Familienstiftung , die im Teutoburger Wald 133 Hektar Wirtschaftswald betreibt. Waren es in den 70er Jahren manchmal bis zu 40 Tiere, die im Bielefelder Stadtwald zwischen Ostwestfalendamm, Osnabrücker Straße, Bielefelder Straße (Peter auf’m Berge) und Dornberger Straße/Johannistal lebten, sind es derzeit je nach Jahreszeit nur noch 12 bis 16 Exemplare.

Mit Blick auf den Genpool hat die Wildschafherde nach Ansicht des Muffelwildrings durch gezieltes Bejagen ihre kleinstmögliche Stückzahl erreicht. Doch diese wenigen Tiere richten laut Einschätzung der Stiftung Klasing noch immer einen erheblichen Schaden an – einmal durch Verbiss an jüngeren Bäumen, einmal durch das Wetzen ihrer Hörner an der Rinde. Nach WESTFALEN-BLATT-Informationen beziffert die Stiftung den dadurch entstehenden Wertverlust an ihrem Baumbestand auf jährlich 5000 Euro.

»Natürlich richtet Wild Schaden an.«

Diese Zahl halten die Queller Waldbauern und leidenschaftlichen Jäger Mark Meyer zu Bentrup (46) und Henrich König (50) für überzogen. Beide sind Mitglieder im Muffelwildring, besitzen selbst ausgedehnte Waldstücke südlich der Hünenburg und stellen auch an eigenen Bäumen solche Schäden fest. »Allerdings sind die Schäden auf der Nordseite des Waldes bei Klasing höher als bei uns«, gesteht Henrich König. Dort halte sich die Herde häufiger auf als im Süden, weil sie weniger durch Spaziergänger und Mountainbiker gestört werde.

»Natürlich richtet Wild Schaden an. Es gibt keine Wildart, die nur von Luft und Liebe lebt«, sagt Ringvorsitzender Mark Meyer zu Bentrup. Aber der Schaden stehe in keinem Verhältnis zum immensen Wert der Mufflons für den Teutoburger Wald. »Denn es geht doch um die Artenvielfalt«, betont er. »Ob es der Uhu ist, das Reh oder eben das Mufflon. Unser Wald ist nicht nur ein Lieferant für Sauerstoff und Holz, sondern auch eine wichtige Schutzzone für die Tierwelt.«

»Mufflon nach mehr als 50 Jahren in Bielefeld angekommen.«

Die beiden Queller wissen: Ursprünglich gehören die Wildschafe in die Türkei, nach Iran und Irak oder auf einige wenige Mittelmeerinseln. »Aber wie lange muss eine Tierart irgendwo ansässig sein, um dort heimisch zu sein?«, fragt Henrich König. »Für uns ist das Mufflon nach mehr als 50 Jahren in Bielefeld angekommen.«

Darüber hinaus sind die Waldbauern sich einig: Die großen Lücken in ihren Baumbeständen gehen nicht aufs Konto der Mufflons. Die neueren Lichtungen vor allem im Fichtenbestand und bei den Buchen sind eine Folge der Stürme Kyrill (2007), Friederike (2018) sowie der extremen Dürresommer 2018 und 2019 mit der jeweiligen Borkenkäferinvasion. Wenn der Klimatrend sich fortsetze, »dann finden die Mufflons in wenigen Jahren in unserem Wald sowieso nichts mehr zu fressen«, prognostiziert König. Aber auf dieses Szenario würde es der Muffelwildring gerne ankommen lassen – und die Herde nicht schon vorher beseitigt wissen.

»Im Alter von sechs Jahren habe ich die Mufflons zum ersten mal durch den Wald ziehen sehen. Für mich gehören sie zu Bielefeld wie die Sparrenburg«, erzählt Mark Meyer zu Bentrup. »Ein Buch zuzuschlagen, was mehr als 50 Jahre lang offen lag, fände ich sehr traurig.« Sollte der Abschuss tatsächlich beschlossen werden, würde er sich daran nicht beteiligen. Henrich König winkt ebenfalls ab: »Nein, da würde auch ich jägerisch nicht tätig werden.«

Kommentare

Klaus Kramer  wrote: 07.11.2019 21:31
Das Mufflon ist ein Tier trockener Bergregionen
Das Mufflon wurde 1903 wegen seines imposanten Gehörns und weil es nicht allzu flink ist und deshalb einfach geschossen werden kann, in Deutschland zu Jagdzwecken ausgewildert. Seine ursprüngliche Heimat sind die trockenen Gebirgslandschaften Korsikas und Sardiniens. Die Tiere hatten bei unseren weichen und feuchten Böden stets mit Klauenproblemen zu kämpfen. , Das Mufflon war nie ein Tier des Waldes, es braucht offene, steinige Gebirgsregionen. Im Flachland ist es schlicht und einfach fehl am Platz. Dies hat sich auch nach mehr als 100 Jahren in Deutschland nicht geändert.
Auch das instinktive Fluchtverhalten der Mufflons ist noch immer auf die Gebirgsregionen seiner ursprünglichen Heimat abgestimmt. Im Gebirge können die Tiere nicht kopflos flüchten, wie im Flachland. In den Felsregionen würden sie sich den Hals brechen. Gebirgstiere machen einen kurzen Spurt, um erst einmal aus der engsten Gefahrenzone herauszukommen, dann schauen sie sich nach einem sicheren Pfad um, auf dem sie in die Felswand flüchten können, wo sie ihre Fressfeinde nicht erreichen. Dies instinktive Innehalten zeigen Mufflons auch im Flachland, nur dass es hier keine sicheren Felswände gibt.
Das Mufflon ist in unseren Regionen fehl am Platz. Es wäre sinnvoll die hiesigen Tiere in ihre ursprünglichen Heimatländer umzusiedeln um die dortigen Bestände zu ergänzen und aufzufrischen.

Klaus Kramer  wrote: 07.11.2019 21:14
Nicht das Wild, sondern der Mensch schadet der Natur
Was ist das für eine seltsame Aussage: "Wild richtet Schaden an." Hat der Mensch die Welt ganz alleine für sich gepachtet? Das Wild ist ein fester und notwendiger Teil unserer Wälder und es nimmt sich das, was es zum Leben braucht. Nicht mehr und nicht weniger. Und das ist sein gutes Recht.
Schäden richtet allein der Mensch in seiner unglaublichen Arroganz an. Wir zerstören die Natur in einem bisher nie dagewesenen Ausmaß, wir verändern das Klima zu unserem eigenen Schaden und zum Nachteil unserer tierischen Mitbewohner, wir vermüllen die Meere, zerstören aus Habgier unsere Umwelt, wir verwandeln ganze Länder in Agrarwüsten, und nehmen Insekten, Vögeln und Bodenlebewesen jede Lebensmöglichkeit, als ob es nach uns keine weiteren Generationen mehr gäbe. Wann begreifen wir endlich, dass wir mit unserer gigantischen Umweltzerstörung auch unsere eigenen Lebensgrundlagen vernichten?
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