Auftakt zum zweiten Prozess gegen das Bielefelder Drogenkartell
Vater und Söhne vor Gericht

Bielefeld (WB/hz). Je zwei Verteidiger für die vier Angeklagten, die Staatsanwaltschaft ist ebenfalls doppelt vertreten, die 3. Große Strafkammer hat zwei Ersatzschöffen neben dem Richtertisch platziert: Vor dem Bielefelder Landgericht hat am Donnerstag ein bis Mitte Februar nächsten Jahres terminierter Mammutprozess begonnen.

Samstag, 02.11.2019, 10:00 Uhr
Clanchef Adil M. (rechts) mit seinen Anwälten Sascha Haring (Mitte) und Christoph Rautenstengel. Als dann die Staatsanwaltschaft eine überarbeitete Anklage vorstellt, verzögern alle Verteidiger mit taktischen Maßnahmen den Prozess um mehr als zwei Stunden.

Ein halbes Dutzend Justizwachtmeister sichert im Gerichtssaal das Strafverfahren, an dem außerdem zwei Vertreter der Jugendgerichtshilfe und zwei Sachverständige teilnehmen. Es ist ein Prozess, den es in dieser Art so wohl noch nie in dieser Stadt gegeben hat. Verantworten wegen Drogenhandels im großen Stil mit mehr als 210 Kilo Rauschgift müssen sich ein Vater und drei seiner Söhne. Bei den Angeklagten handelt es sich um Adil M. (53), Chef des wegen seiner kriminellen Aktivitäten bekannten kurdischen Jesidenclans M. aus dem Bielefelder Westen, und seine Sprösslinge. Alle sitzen seit einer großen Drogenrazzia der Polizei am 16. März diesen Jahres in U-Haft und kündigten am Donnerstag zum Prozessauftakt über ihre Anwälte an, nichts sagen zu wollen.

Die Staatsanwälte Daniel Jobes und Madelein Zumkley werfen Adil M. und seinen Söhnen Diyar Jack (19), Özgür (32) und Cihan (33) vor, seit mindestens 2015 beim schwunghaften Handel mit Marihuana, Haschisch und Kokain mehr als eine dreiviertel Million Euro verdient zu haben. In Spenge soll der Jesidenclan ein Haus gekauft haben und wollte einen riesigen unterirdischen Bunker für eine Rauschgiftplantage anlegen.

»Ich liebe euch alle«

Dieses Bielefelder Drogenkartell, das mit seinen Lieferanten über verschlüsselte Mobiltelefone kommunizierte und in mehreren Wohnungen und Autos in der Bielefelder Innenstadt zentnerweise Rauschgift bunkerte, agierte ursprünglich zu fünft. Der einzig nicht zum Bielefelder Jesidenclan M. gehörende Mittäter Taylan C. (31) wurde bereits Anfang Oktober wegen der Rauschgifttaten, die ursprünglich bis zum Jahr 2013 zurück reichen sollen, von einer anderen Großen Strafkammer des Landgerichtes zu acht Jahren Haft verurteilt (diese Zeitung berichtete exklusiv). Der ebenfalls aus Bielefeld stammende Taylan C. war in seinem Strafverfahren als Kronzeuge gegen den Jesidenclan M. aufgetreten und hatte die ehemaligen Komplizen schwer belastet. Die Hoffnung des 31-Jährigen, im Gegenzug dafür eine milde Strafe zu bekommen, zerschlug sich.

Verteidiger Clemens Louis hat Revision gegen das Urteil von acht Jahren Haft eingelegt. Taylan C. soll beim zweiten Prozesstag am 11. November gegen seine Ex-Komplizen aussagen. Ob er das macht, wollte der Verteidiger nicht sagen.

Die in U-Haft sitzenden Angeklagten gaben sich derweil zum Prozessauftakt völlig unbeeindruckt von der Anklage. Clanchef Adil M. verteilte Handküsschen in Richtung Zuhörerbänke, wo zahlreiche Familienmitglieder saßen. »Ich liebe euch alle«, rief er. Seine drei Söhne lächelten dazu.

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