LWL will weite Teile des Sennefriedhofs unter Denkmalschutz stellen
Ein Beispiel für Architektur, Kunst und Gartengestaltung

Bielefeld (WB). Der in seinen ältesten Teilen 107 Jahre alte Sennefriedhof steckt voller Kunstwerke und Mahnmale, kann bemerkenswerte Gebäude vorweisen und ist aus Sicht von Experten auch landschaftsplanerisch gelungen. Mehr als ein Drittel von Deutschlands viertgrößtem Friedhof, einige Gebäude und etliche Grabmale sollen daher unter Denkmalschutz gestellt werden.

Sonntag, 06.10.2019, 10:00 Uhr
Als Beispiel gelungener Gartenkunst halten Experten die Wegachse zwischen Alter (vorne) und Neuer Kapelle für denkmalwürdig. Foto: Peter Bollig

Bislang sind nur einzelne Häuser auf dem weitläufigen Friedhofsgelände vom Denkmalschutz erfasst: Die prägnanten und inzwischen an einen Immobilienmakler verkauften Torhäuser im Eingangsbereich an der Brackweder Straße, das ehemalige Kutscherhaus – aus Zeiten, als Särge noch in der Kutsche transportiert wurden – an der Brackweder Straße/Ecke Friedhofstraße sowie die 1913 fertiggestellte Alte Kapelle.

Dass jetzt sehr viel mehr unter Schutz gestellt werden soll, geht auf eine Initiative des Bereichs Denkmalpflege des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) zurück. Weil in den vergangenen Jahren immer wieder nach Einzelobjekten gefragt worden sei, »wurde der LWL-Abteilung deutlich, dass eine Gesamtbetrachtung der Friedhofsanlage mit ihren einzelnen Bestandteilen notwendig ist«, sagt LWL-Sprecher Thorsten Fechtner. Entsprechend sei eine systematische Erfassung durchgeführt worden. Der Landschaftsverband hat nun seine Stellungnahme an die Untere Denkmalbehörde der Stadt Bielefeld geschickt mit der Bitte, die Unterschutzstellung voranzutreiben.

»Wir stehen dabei aber noch ganz am Anfang«, sagt Ascan von Neumann-Cosel, Leiter der Abteilung Denkmalschutz im Bielefelder Rathaus. Inwieweit Denkmalschutz sinnvoll sei, werde geprüft. Denn die Ideen des LWL sind sehr weitreichend.

Das Gelände

Für denkmalwürdig halten die Fachleute des LWL schon die Gestaltung des Friedhofs in seinem alten Teil. Das betrifft die Geländemodellierung des als Waldfriedhof angelegten Areals mit seinem geschwungenen Wegesystem, der Anordnung der Grabfelder mit einzelnen Grabnischen. Schützenswert seien in dieser Hinsicht die Abteilungen A bis I und L – mithin der gesamte nördliche Teil des Sennefriedhofs von der Brackweder Straße bis zum Betriebshof inmitten des Friedhofsgeländes.

Besonders augenfällig und ein Kontrast zu den geschwungenen Wegen ist die geradlinige, rund 700 Meter lange Achse, die die Alte und die Neue Kapelle verbindet. Auch sie soll unter Schutz gestellt werden, genauso wie die weitere Hauptverbindung zwischen der Neuen Kapelle und dem Ausgang an der Windelsbleicher Straße mit der Rasenfläche zwischen den asphaltierten Wegen und der Teichanlage vor der Kapelle.

Grabsteine und Brunnen

Rund 50 einzelne Grabsteine haben die Experten ausfindig gemacht, die sie schützen wollen und die somit davor bewahrt werden sollen, nach Ablauf der Nutzungszeit des jeweiligen Grabes geschreddert zu werden. Denn immerhin finden sich Werke unter anderem von Käthe Kollwitz oder Bruno Buschmann auf dem Gelände.

Ascan von Neumann-Cosel hat in dieser Hinsicht allerdings noch Beratungsbedarf, weil möglicherweise private Gräber betroffen seien: Was da eine Unterschutzstellung für die Nutzer bedeute, müsse geklärt werden.

Ähnlich der Grabmale sind auch etliche Wasserentnahmestellen schützenswerte Monumente, die mitunter mit Säulen und Skulpturen aufwendig gestaltet wurden.

Sondergrabstätten

Der Sennefriedhof ist auch Ort besonderer Grabfelder, die aus Sicht des LWL schutzwürdig sind. Dazu gehören das Grabfeld der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, die Gräber der ausländischen Kriegstoten, der Opfer der Fliegerbomben, die über Bielefeld abgeworfen wurden, sowie das Ehrenfeld der gefallenen Soldaten aus den beiden Weltkriegen. Ebenso geschützt werden soll die Kindergrabstätte von 1924 in der Abteilung D mit einer Figur des Bildhauers Emil Cauer.

Gebäude

Neben den bereits geschützten Häusern sieht der LWL den Bedarf, weitere Gebäude auf dem Sennefriedhof unter Denkmalschutz zu stellen. So etwa das Inspektorenhaus von 1924, einst Sitz des Verwaltungsleiters des Friedhofs und heute Standort der Krematoriumsverwaltung. Die Friedhofsverwaltung sitzt heute in einem Gebäude in der Nähe des Haupteingangs an der Brackweder Straße. Auch dieses Haus von 1937 soll geschützt werden. Direkt gegenüber steht ein weiteres Objekt, das die LWL-Fachleute in ihre Liste mit aufgenommen haben: das Toilettenhaus, gebaut 1936/1937.

Am anderen Ende des Friedhofsareals am Eingang Windelsbleicher Straße steht unterdessen das Gebäude mit dem Blumenladen der Friedhofsgärtnerei mit der Material- und Formensprache der 1960er Jahre. Auch die soll unter Schutz gestellt werden, ebenso wie zwei 1950 in Holzkonstruktion geschaffenen Wetterhäuser.

Größtes Gebäude auf der Wunschliste des LWL ist die Neue Kapelle, 1961 nach den Plänen von Willy Kirchner als Zweitplatzierter eines Ideenwettbewerb fertiggestellt. Prägend für das lang gestreckte Gebäude ist unter anderem ein Türmchen auf dem pfannengedeckten Satteldach über dem Eingang sowie im Inneren die Kupferwand hinter einem hängenden Kreuz und eine Glasfensterfront, die sich in Teilen absenken lässt, um den Raum bei Trauerfeiern mit vielen Teilnehmern nach außen zu öffnen.

Der Sennefriedhof mit den aufgelisteten Elementen ist aus Sicht der Denkmalschützer »bedeutend für die Geschichte der Menschen in Bielefeld«. Denn er belege einerseits den Anspruch an eine moderne, großflächige Friedhofsgestaltung und den Wandel der Bestattungskultur, andererseits dokumentiere er den Umgang der Stadtgesellschaft mit den Kriegstoten und etwa durch Verfolgung Verstorbenen. Bedeutsam seien auch die Gartenkunst sowie der kunsthistorische und architekturhistorische Zusammenhang.

Die Untere Denkmalbehörde sieht die Stellungnahme als »ersten Aufschlag«, wie Ascan von Neumann-Cosel sagt. Beim weiteren Verfahren wolle man den Umweltbetrieb (UWB), der den Friedhof unterhält, einbeziehen. Denn vor allem der UWB sei betroffen, weil der Denkmalschutz etwa eine Umgestaltung in den geschützten Bereichen verhindern soll. Letztlich bedeute Denkmalschutz, sagt Ascan von Neumann-Cosel, dass Veränderungen nur im Einvernehmen mit der Denkmalbehörde möglich seien.

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