Brackweder Tourneetheater startet mit »Ein Käfig voller Narren« in die neue Saison
Herrlich überdrehtes Spektakel

Bielefeld (WB). Ein schöneres Stück hätte man sich eigentlich kaum aussuchen können für den Saisonstart des Brackweder Tourneetheaters. Jean Poirets »Ein Käfig voller Narren« ist eine viel gespielte und viel geliebte Komödie, ein Werk voller Wortwitz und Slapstick zugleich.

Dienstag, 01.10.2019, 10:00 Uhr
Im »Käfig voller Narren« landet früher oder später jede Figur im glitzernden Travestie-Kostüm. Foto: Kerstin Panhorst

Es ist ein Spiel mit Klischees und zugleich auch ein Aufruf zur Toleranz. Und in der Inszenierung der Komödie am Altstadtmarkt auch ein Stück mit einem Star als Hauptdarsteller: Travestie-Ikone Lilo Wanders.

Warum dennoch nur 450 Besucher am Wochenende den Weg in die Brackweder Realschulaula fanden, bleibt ein Rätsel. Zumal allen anderen eine herrlich schräge und schrille Komödie entging, die beste Unterhaltung und ein gut aufgelegtes Ensemble bot.

Lilo Wanders zieht alle Register

Lilo Wanders (»Wahre Liebe«) alias Ernst-Johann Reinhardt schlüpfte dafür in die Rolle des Albin, dem Travestie-Star eines Nachtclubs namens »Käfig voller Narren« oder, wie es im französischen Originaltitel viel progressiver heißt, dem »La cage aux folles«, also dem »Tuntenkäfig«.

In den Verfilmungen spielten bereits Michel Serrault und Nathan Lane die Figur des Albin, der zwischen hysterischer Diva und liebenswertem Familienmenschen schwankt. Auch Lilo Wanders zieht alle Register, schreit und heult und gibt den alternden Star knapp am Rande des Nervenzusammenbruchs, aber immer mit viel Herz. Mit Nachtclubbesitzer Georges (Gregor Eckert) führt Albin eine langjährige Beziehung.

Doch als Georges’ Sohn Laurent (Michael Jäger) überraschend nach Hause kommt und seine Verlobung bekannt gibt, gerät der Haussegen in Schieflage. Denn die zukünftigen Schwiegereltern kündigen sich zum Besuch an: ein erzkonservativer Politiker und seine intolerante Gattin. Also muss der Lebenswandel von Georges und Albin und auch ihre Homosexualität verheimlicht werden.

Das Thema bleibt aktuell

Dafür wird nicht nur die eindeutig homoerotische Kunst der beiden gegen Heiligenbildchen ausgetauscht, die beiden schulen sich zudem in hinreißend komischen Szenen gegenseitig in Maskulinität und lernen, männlich Butter aufs Brot zu schmieren. Auch der barfüßige und zumeist leicht bekleidete Hausangestellte Jakob (brillant als schillernde Fee: Gurmit Bhogal) wird eingenordet, der Durchgang zum Travestie-Club verbarrikadiert.

»Dann wird alles verstellt, die Türen und wir auch«, sagt Georges an einer Stelle, und Albin greift inmitten des klischeebeladenen, spaßig-überdrehten Spektakels diesen Gedanken auf: »Ihr wollt mich verstecken.« Denn auch darum geht es neben aller Travestie und hemmungsloser Witze im Narrenkäfig: um das Recht eines jeden Einzelnen, er selbst zu sein. Um die Freiheit, auch als Mann Kleider tragen zu dürfen, zu lieben, wen auch immer man liebt und sich nicht verstecken zu müssen aufgrund der antiquierten Moralvorstellungen anderer. Und deshalb ist dieses Stück, trotz aller Albernheiten und allen klaumaukhaften Umgangs mit Klischees noch immer so wichtig wie zu seiner Entstehung 1973.

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