Konjunkturumfrage der IHK Ostwestfalen: Firmen bauen erste Jobs ab
Delle oder Rezession?

Bielefeld (WB). Kleine Konjunkturdelle auf hohem Niveau oder doch eine Rezession? Bei dieser Frage herrscht große Unsicherheit in der ostwestfälischen Wirtschaft – ganz besonders in der Industrie. Deren aktuelle Lage ist noch ganz passabel – die Aussichten aber verdüstern sich zusehends. Viele Firmen planen weniger Investitionen und bauen erste Jobs ab. Das geht aus der Herbstumfrage der IHK Ostwestfalen hervor.

Freitag, 06.09.2019, 05:29 Uhr aktualisiert: 07.09.2019, 13:16 Uhr
Seit den Nachwirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 im darauffolgenden Jahr haben die großen ostwestfälischen Industriebetriebe mit mindestens 50 Mitarbeitern stetig Personal aufgebaut. Im laufenden Jahr ist die Entwicklung seit dem Hoch im März rückläufig.

»Die derzeitige Geschäftssituation in der ostwestfälischen Industrie hat nicht nur an Dynamik verloren, sondern mittlerweile den Sinkflug eingeleitet«, konstatiert Wolf D. Meier-Scheuven, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK). »Das jahrelange Wachstum kommt offensichtlich nach und nach zum Stillstand. Die im Frühjahr schon absehbare Abkühlung der Konjunktur ist leider Realität geworden«, erklärt er.

Im ersten Halbjahr mussten die 791 hiesigen Industriebetriebe mit mehr als 50 Beschäftigten im Vergleich zum Vorjahr einen leichten Umsatzrückgang um 0,3 Prozent oder 62 Millionen auf 22,08 Milliarden Euro hinnehmen. Das Inlandsgeschäft schrumpfte um 0,7 Prozent auf 13,48 Milliarden, die Auslandserlöse wuchsen nur noch um 0,4 Prozent auf 8,6 Milliarden.

Personal bis Frühjahr aufgebaut

Bis zum Frühjahr bauten die Großunternehmen noch Personal auf. Doch vom Rekordhoch im März mit 172.294 Beschäftigten ging die Zahl bis Ende Juni auf 170.993 bereits merklich zurück. Auch bei den 1839 Industriebetrieben, die sich an der von Juli bis Mitte August durchgeführten IHK-Umfrage beteiligten, gibt es erstmals seit Jahren einen Überhang von Firmen, die Personal abbauen wollen. So planen 29 Prozent der Betriebe mit sinkendem Personalstand, nur 22 Prozent wollen ihre Belegschaft weiter aufstocken. Der Bestand an Leiharbeitern in Ostwestfalen ist bereits im zweiten Halbjahr 2018 von 27.757 auf knapp 25.000 gesunken.

Dabei bezeichnen 90 Prozent der Firmen ihre momentane Geschäftslage als gut (28) oder befriedigend (62) – nur zehn Prozent als »schlecht«. Doch schon das ist eine deutliche Eintrübung gegenüber früheren Umfragen. Bei der Erwartung für die kommenden zwölf Monate überwiegen die Pessimisten. Fast jeder dritte Betrieb (31 Prozent) rechnet mit einer Verschlechterung der Lage, nur zwölf Prozent erwarten eine Verbesserung. Damit ist das Stimmungsbild so mies wie zuletzt 2009 – inmitten der Finanz- und Wirtschaftskrise. Danach folgte der fast zehn Jahre währende Aufschwung. Bis jetzt.

Wind hat sich gedreht

Im laufenden Jahr hat der Wind gedreht. Das geht nicht nur aus der Umsatzentwicklung, sondern auch aus weiteren Kennziffern hervor. So hat die Auslastung der Betriebe spürbar abgenommen. Der Anteil der zu mehr als 95 Prozent ausgelasteten Betriebe hat sich binnen zwei Jahren mehr als halbiert auf knapp ein Viertel. Als »besorgniserregend« bezeichnet Meier-Scheuven den Rückgang der Investitionen. Nur jeder fünfte Industriebetrieb erklärte nun, mehr investiert zu haben als im Vorjahr. Das ist auch in der Langzeitbetrachtung ein schwacher Wert. 44 Prozent der Firmen reduzierten ihre Investitionen. Und ähnlich sieht es auch bei den Planungen für die kommenden zwölf Monate aus. »Die Unsicherheit hemmt Investitionen«, sagt Meier-Scheuven. Das gilt im Besonderen für Pläne im Ausland.

Die Ertragslage bezeichnen nur noch 22 Prozent der Firmen als »gut« – vor einem Jahr war es noch mehr als jede zweite. Und 44 Prozent der Unternehmen erwarten eine Verschlechterung. Das dürfte auch mit dem lahmenden Export als Wachstumsfaktor zusammenhängen. Nur noch jeder zweite Betrieb erwartet steigende Auslandsumsätze – jeder fünfte aber sinkende. Auch das ist der schwächste Saldo seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09.

Wenig Einfluss

Auf die Gründe für den Abschwung haben die Firmen nach eigener Einschätzung wenig Einfluss. Sie nennen als Hauptfaktoren die globalen Handelsstreitigkeiten, den Brexit und die schwächere Entwicklung des inzwischen für viele wichtigen Schlüsselmarktes China. Und in der Folge wachsen auch die Sorgen um die Inlandsnachfrage. Das hat den lange dominierenden Fachkräftemangel als Risiko für die weitere wirtschaftliche Entwicklung etwas in den Hintergrund gedrängt. Dieses Problem nennt noch ein Drittel der Betriebe.

Impulse und Unterstützung in der schwierigen Lage erhofft sich Meier-Scheuven von der Politik. Für die steuerliche Wettbewerbsfähigkeit sei der komplette Wegfall des Solidarzuschlags wichtig. Zudem fordert der IHK-Präsident weiteren Bürokratieabbau und auch Regelungen, die die Nutzung von Kurzarbeit erleichterten, um »solche Instrumente zu nutzen, um nicht bei konjunkturellen Dellen Personal abbauen zu müssen«.

IHK-Hauptgeschäftsführer Thomas Niehoff sagt derweil, dass es »nicht so schlimm kommen wird wie in der Finanz- und Wirtschaftskrise vor zehn Jahren«.

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