Wie die Bielefelder Ermittlungskommission »Eichwald« auf den Fall Lügde zurückblickt
»Wir haben die Sache gut gemacht«

Bielefeld/Lügde (WB). Wahrsagerinnen haben der Kripo diesmal nicht ihre Hilfe angeboten, aber ein Wünschelrutengänger. »Er glaubte zu wissen, wo die 155 verschwundenen CDs und DVDs geblieben sind«, sagt Norbert Freier (58).

Dienstag, 03.09.2019, 04:19 Uhr aktualisiert: 03.09.2019, 08:46 Uhr
Thorsten Stiffel kommt aus der Behausung von Andreas V: Alle Tatorte wurden so akribisch untersucht wie Tatorte in Mordfällen. Foto: Christian Althoff

Wenige Tage vor dem Urteil im Missbrauchsprozess Lügde haben die Verantwortlichen der Ermittlungskommission »Eichwald« zum ersten Mal öffentlich über ihre Arbeit gesprochen. »Wir haben die Sache gut gemacht«, sagt Thorsten Stiffel (50), der die Ermittlungskommission leitet. 79 Polizisten gehörten in Spitzenzeiten dazu, aktuell sind es noch 14. »Die Unterstützung kam aus ganz Nordrhein-Westfalen. Alleine hätten wir das nie geschafft«, sagt der Kriminalbeamte.

Halbes Jahr im Hotel

Dass er seinen Urlaub wegen des Missbrauchsfalls verschoben hat, erwähnt er nur beiläufig. Wichtiger ist ihm, auf die Belastung seiner Kollegen hinzuweisen. »Einige aus dem Rheinland haben ein halbes Jahr in Bielefeld im Hotel gelebt, um uns zu unterstützen. Man muss sich mal vorstellen, was das für deren Familien bedeutet hat.« Andere hätten ihre Halbtagsstelle auf Vollzeit umgestellt, um mitzuhelfen. »Da mussten einige die Betreuung ihrer Kinder neu organisieren.«

Man habe in Zweier-Büros weitere Schreibtische gestellt und anfangs an Wochenenden und Feiertagen durchgearbeitet. Die gesamte Ermittlungskommission sei von einem Riesen-Engagement und einem großen Wir-Gefühl getragen gewesen, sagt Stiffel. »Anders hätten wir das auch nicht hingekriegt.« Wie in keinem Fall zuvor habe er als EK-Leiter auch Wünsche zur Besetzung der Kommission äußern können. »Ich konnte zum Beispiel eine Kollegin dazuholen, mit der ich früher 18 Jahre lang Sexualstraftaten bearbeitet habe.«

25 Regalmeter

Norbert Freier ist Stiffels Stellvertreter als Kommissionsleiter, und er ist der sogenannte Aktenführer. Hinweise, Vernehmungsprotokolle, die Ergebnisse ausgewerteter Datenträger – bei ihm läuft alles zusammen, und er muss (unterstützt von zwei Kollegen) den Überblick behalten, ob Ermittlungsaufträge an die einzelnen Polizisten entsprechend erledigt werden.

»Die Leitz-Ordner im Fall Lügde füllen inzwischen 25 Regalmeter«, sagt Freier. Der Fall habe ihn an seine Grenzen geführt. »Ich habe es gesundheitlich gemerkt. Und es gab Kollegen, die die Brocken hinschmeißen wollten, weil sie völlig fertig waren. Wir konnten sie zum Glück aber wieder einfangen.«

Unter Zeitdruck

Norbert Freier (links) und Thorsten Stiffel: Die Kriminalbeamten hatten schon im »Horror-Haus«-Fall zusammengearbeitet.

Norbert Freier (links) und Thorsten Stiffel: Die Kriminalbeamten hatten schon im »Horror-Haus«-Fall zusammengearbeitet. Foto: Christian Althoff

Der große Gegenspieler, erklärt der Beamte, sei der Zeitdruck gewesen. Als die Bielefelder den Fall Anfang Februar von der Polizei Lippe übernahmen, hätten die drei Hauptbeschuldigten schon seit Wochen in Untersuchungshaft gesessen. »Sechs Monate nach der Inhaftierung muss ein Prozess losgehen, so will es die Strafprozessordnung. Uns blieb also nicht viel Zeit.«

Nebenstränge des Verfahrens, etwa die Rolle der Jugendämter oder der Polizei Lippe, habe man erst einmal beiseite geschoben. Thorsten Stiffel: »Wir haben eine zentrale Frage formuliert, die im Zentrum unserer Ermittlungen stand: Wer hat welches Kind wann und wie missbraucht?«

Das zu ermitteln sei sehr schwierig gewesen, sagt Norbert Freier. »Sie können nicht einfach die Eltern anrufen und mit dem Kind zur Vernehmung bestellen.« Es habe Vorgespräche gegeben, Kennenlernbesuche, und manches Kind habe erst stabilisiert werden müssen, bevor ein Kinderpsychologe sein Okay für die Befragung gab.

»Das dauerte manchmal vier, fünf Wochen. Wir mussten Geduld haben, auch wenn uns das wegen des Zeitdrucks schwer fiel«, sagt Freier. »Jedes Kind bekam eine eigene Fallakte, und sobald wir die abgeschlossen hatten, ging sie an die Staatsanwaltschaft Detmold.« So konnten die Staatsanwältinnen dort bereits an der Anklageschrift arbeiten, während in Bielefeld weiterermittelt wurde.

Stundenlange Vernehmungen

Die Vernehmungen der bislang bekannten 41 Opfer, die auf Video aufgenommen worden seien, hätten oft Stunden gedauert, sagt Thorsten Stiffel. »Das war zum Teil fachlich schwierig, denn Vierjährige haben noch kein Zeit- oder Zahlenverständnis.« Aber auch psychisch seien die Schilderungen der Kinder belastend gewesen. »Nicht nur für die Vernehmungsbeamten, sondern auch für die Schreibkräfte, die das alles abtippen mussten.

Auch ihnen haben wir Gespräche angeboten, um das zu verarbeiten.« Und nach mancher Vernehmung eines Kindes habe man sich gefragt, was denn die Eltern gewusst hätten, ergänzt Norbert Freier.

»Wir galten als die Chaos-Polizei«

Es waren aber nicht nur diese bedrückenden Aussagen und der Zeitdruck, die auf der EK »Eichwald« lasteten. Es war auch der öffentliche Druck, ja, auch der politische. Dass bei der Polizei Lippe 155 Datenträger des Hauptbeschuldigten mutmaßlich beiseite geschafft worden waren, dass man dort Kinder mit Suggestivfragen konfrontiert hatte – diese und andere Pannen schwebten über dem Verfahren und wurden auch den Bielefelder Ermittlern zur Last gelegt, so haben sie es zumindest empfunden.

»Wir galten als die Chaos-Polizei«, sagt Norbert Freier. Täglich musste die Ermittlungskommission ans Innenministerium berichten, einige Male war Torsten Stiffel persönlich in Düsseldorf. Knut Packmohr, Sprecher im Polizeipräsidium Bielefeld, kann sich nur an einen weiteren Fall erinnern, in dem so intensiv ans Ministerium berichtet wurde: »Das war 2009 nach dem Sexualmord an der achtjährigen Kardelen in Paderborn.«

Wenn übermorgen in Detmold die Urteile gesprochen werden, werden auch Beamte der EK »Eichwald« im Zuschauerraum sitzen. Sie sind stolz auf ihre Arbeit. »Die Beweise, die wir zusammengetragen haben, haben den Angeklagten keinen Millimeter Platz gelassen«, sagt Thorsten Stiffel. Er ist überzeugt: »Die Beweise würden auch ohne Geständnisse für ein Urteil reichen.« Nur der Verbleib der 155 Datenträger – der bleibt vorerst ungeklärt. Norbert Freier: »Wir sind sogar dem Hinweis des Wünschelrutengängers nachgegangen. Aber da war nichts.«

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