Warum und wie man Bielefeld geldfrei »er-leben« kann
Wenn Verzicht zum Gewinn wird

Bielefeld (WB). Manche können nie genug bekommen, von Schuhen oder High-Tech-Geräten, von Blusen oder Herrendüften. Sie leben im Überfluss. Immer mehr, immer neu – ein Teufelskreis. Den es zu durchbrechen gilt, den man durchbrechen kann. Sogar ganz umsonst.

Freitag, 09.08.2019, 10:18 Uhr aktualisiert: 09.08.2019, 13:02 Uhr
Vier Beispiele für kostenlose Angebote in Bielefeld: ein Kühlschrank voll geretteter Lebensmittel (von oben links im Uhrzeigersinn), ein Bücherschrank, öffentliche Obstbäume, deren Früchte man ernten darf, oder die Repair-Cafés. Fotos: dpa, Borgmeier, Pierel

Und umsonst ist das Stichwort. Denn wo es Dinge kostenlos gibt, hört der Kaufrausch auf. »Wir haben gelernt, immer zu kaufen, immer mehr zu konsumieren. Dass dies zu großen Problemen führt, beim Klima, bei Arbeitsbedingungen, ist inzwischen vielen klar geworden,« erzählt Janina Sturm. Sie gehört zum Organisationsteam von »Bielefeld geldfrei-er-leben«, einer Initiative, die sich für kostenlose Angebote einsetzt, vom Foodsharing über Kleidertauschbörsen bis zu Schenkschränken. 2016 bei einem Festival kam sie mit der Umsonst-Bewegung in Kontakt, baute anschließend in Bielefeld eine solche mit auf. »Ich wollte immer schon politisch aktiv werden. Dies erschien mir dann der beste Weg, einerseits politisch Position zu beziehen, andererseits auch etwas für mich zu tun, neue Talente in mir zu entdecken und Freiräume zu schaffen,« erklärt Sturm.

Wenig später stieß Lea Herr zu der Bewegung, auch sie gehört inzwischen zum Orga-Team von »Bielefeld geldfrei-er-leben«. Und die Bewegung erfährt immer größere Unterstützung und Zulauf, nicht nur, aber auch durch die derzeitigen Klimadebatten oder die Aktion »Fridays for future«, erläutert sie. Konsumverzicht durch Tausch oder Reparatur defekter Dinge, gegenseitiges Helfen und Lernen, die »Rettung« von Lebensmitteln zweiter Wahl oder das Verschenken nicht mehr benötigter Dinge – die Zahl der Menschen, die diese Gedanken unterstützen, durch eigenes Zutun oder nur durch Zustimmung, wächst erheblich. Und die Menschen, die sich für derlei Ideen einsetzen, haben längst die Ecke der »Ökospinner« verlassen, sind zum Teil in der Mitte der Gesellschaft angekommen. »Immer, wenn ich Menschen mit diesen Ideen konfrontiere, erlebe ich viel Zustimmung. Die Leute haben Lust, mitzumachen,« erklärt Lea Herr. »Das sind Erlebnisse, die verbinden.«

Lea Herr, Sara Epskamp und Janina Sturm (von links) gehören zum Orga-Team von »Bielefeld geldfrei-er-leben«.

Lea Herr, Sara Epskamp und Janina Sturm (von links) gehören zum Orga-Team von »Bielefeld geldfrei-er-leben«. Foto: Markus Poch

Ein Beispiel: Viele Supermärkte würden ihre nicht mehr benötigten Lebensmittel inzwischen so auslagern, dass Mitglieder von »Foodsharing Bielefeld«, die »Lebensmittelretter«, sie problemlos abholen könnten. Herr: »Die werden dann zum Teil schon in Kisten vor die Märkte gestellt oder so in die Abfallcontainer gelegt, dass wir sie ohne Mühe abholen können.« Die meisten Verkäufer wollten ihre Produkte gar nicht wegwerfen, stünden der Sache sehr positiv gegenüber. »Gerade persönliche Kontakte sind da sehr zielführend.«

Sommerfest im Cafetopia

Wer sich einmal einen Überblick über die Geldfrei-Bewegung, ihre Ziele und ihre Arbeit machen will, kann dies beim Sommerfest des »Cafetopia« am Samstag im IBZ, Teutoburger Straße/Ecke Webereistraße, tun. Ab 13 Uhr wird dann dort das einjährige Bestehen des Cafés gefeiert. Es gibt einen Kleider-Schenkraum, zahlreiche Workshops (Poetry-Slam, Selbstbehauptung, Selbstverteidigung) oder Informationsveranstaltungen (Food­sharing, Extinction Rebellion Bielefeld), außerdem ein Mitbring-Kuchenbuffet oder eine Schnippelsause.

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Eines ist den Geldfrei-Aktivisten sehr wichtig: »Es geht bei der ganzen Sache nicht um Bereicherung,« erläutert Janina Sturm. Man wolle durch die Geldfrei-Bewegung Möglichkeiten aufzeigen, durch Konsumverzicht nachhaltiger und ökologischer produzieren zu können. Und durch die gegenseitige Unterstützung, durch das Weitergeben von Fähigkeiten, stehe die Persönlichkeitsentwicklung mit im Vordergrund. »Dadurch, dass ich zum Beispiel beim Repair-Café zuschaue, wie man Dinge reparieren kann, erlange ich unter Umständen die Fähigkeit, dies künftig selbst zu versuchen, und werfe eine defekte Sache nicht sofort weg,« so Sturm. Die Geldfrei-Bewegung sei so auch eine »Zeit für Talente«, eine »Möglichkeit, Dinge selbst in die Hand zu nehmen.«

Gratisaktionen und -angebote in Bielefeld – ein paar Beispiele

Es gibt in Bielefeld zahlreiche Gratisangebote, hier eine kleine Übersicht:

In öffentlichen Bücherschränken können Bücher kostenlos und anonym genutzt werden. In Bielefeld gibt es mehr als zehn, die meisten an öffentlichen Orten.

Live-Musik gibt es bei den Sessions im Bunker Ulmenwall an jedem 2. (Jazz-Session) und 4. Donnerstag (Groove Session) im Monat. Auch für die Konzerte mit der Band »Laksa« und bei allen Jazzkonzerten haben Jugendliche unter 20 Jahren im Bunker freien Eintritt.

Im IBZ, neben der Buchhandlung Mondo, in der Uni oder im Begegnungszentrum Bethel in Senne gibt es Schenkregale , aus denen man sich bedienen kann. Dort kann man auch Dinge hineintun, die nicht mehr benötigt werden.

Foodsharing, die Initiative gegen die Lebensmittelverschwendung, hat so genannte Fair-Teiler eingerichtet. Das sind Kisten mit Lebensmitteln. Aus diesen kann man sich kostenlos bedienen oder man kann dort nicht mehr benötigte, noch gute Lebensmittel abgeben. Einer steht im Welthaus, weitere sind in Planung.

Mehr als 1300 öffentlich zugängliche Obstbäume gibt es in Bielefeld, die die Bürger abernten dürfen. Auf der Homepage der Stadt gibt es eine Übersicht.

Bei den in sieben Stadtteilen stattfindenden Repair-Cafés von Transition Town werden kostenlos defekte Elektrogeräte und ähnliches von Experten repariert.

Auf Kleidertauschpartys kann man sich ohne Geld neu einkleiden – und so ganz nebenbei die ausrangierten Hosen oder Jacken loswerden.

 

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