Hälfte der Plätze ist mit umstrittenem Granulat ausgestattet – Warnung vor Panikmache
Debatte um Mikroplastik im Kunstrasen

Bielefeld (WB). Die Debatte um Mikroplastik auf Kunstrasenplätzen beschäftigt auch die Stadt Bielefeld und Sportplatzbauer. In der EU läuft eine Diskussion, das Plastik-Granulat auf Kunstrasenplätzen künftig zu verbieten. Es gibt in Bielefeld aktuell 19 Kunstrasenplätze. Knapp die Hälfte ist mit dem umstrittenen Recycling-Granulat ausgestattet.

Freitag, 02.08.2019, 09:00 Uhr aktualisiert: 02.08.2019, 10:22 Uhr
Das Material des Anstoßes: Links in Grün neu gefertigtes Gummigranulat aus der Industrie. Es wird zwischenzeitlich auch in anderen Farben hergestellt. Rechts das Recycling-Granulat, wie es aus alten Autoreifen geschreddert wird zur Einstreu. Foto: Bernhard Pierel

Auch Sportplatzbauer Michael Heiler warnt vor Panikmache. »In zehn Jahren reden wir gar nicht mehr darüber. Dann ist ohnehin die Einstreu auf allen Plätzen getauscht«, glaubt er.

Denn zumeist nach 15 Jahren werden die Plätze neu belegt und folglich auch mit neuem, anderem Material bestreut. So war der gerade vor drei Jahren erneuerte Platz der SV Heepen auf Kork umgestellt worden. Die Kosten stemmte der Verein damals größtenteils selbst. Aktuell wird in Ubbedissen und am Wellensiek Kork verbaut. Es sind die akutesten Anlagen. Weitere werden folgen müssen. Denn von den 19 Plätzen in Bielefeld hat die Stadt 12 gebaut, der Rest wurde von örtlichen Vereinen selbst getragen.

Bei der Kommune verfolgt Sportamtsleiter Joachim Middendorf die Diskussion auf EU-Ebene. Würden spontan Sperrungen verhängt, käme der Sportbetrieb in der Stadt wohl zum Erliegen.

Keine Sperrungen erwartet

Davon ist aber nach Expertenmeinung nicht auszugehen. Laut Landesregierung plant die EU-Kommission derzeit kein Verbot von Kunstrasenplätzen (ausführlicher Bericht auf der Seite OWL). Geht man von einjähriger Bedenkzeit in der EU aus und rechnet die von Innenminister Horst Seehofer angestrebte Übergangsfrist von sechs Jahren ein, bliebe nach Einschätzung Middendorfs nur noch das Osningstadion mit Gummigranulat. Middendorf: »Das ist der neueste Platz der Stadt, an dem das Material noch genutzt wurde.«

Bald mit Kork eingestreutem Kunstrasen und damit zukunftssicher: der Sportplatz am Wellensiek wird, wie der in Ubbedissen, saniert.

Bald mit Kork eingestreutem Kunstrasen und damit zukunftssicher: der Sportplatz am Wellensiek wird, wie der in Ubbedissen, saniert. Foto: Bernhard Pierel

Natürlich kennt Sportplatzbauer Udo Heiler das Thema Mikroplastik auf Kunstrasen-Sportplätzen. »Das Problem ist da. Und wir müssen es anpacken«, sagt der Sportplatzbauer aus Ummeln. Gründe zur Panik sieht der Unternehmer allerdings ebenso wenig wie die drohende Sperrung der Anlagen. Heilers Sofortprogramm: Ein Vier-Punkte-Papier für die Betreiber der Sportanlagen.

Die Mikroplastik-Thematik, eben noch vornehmlich auf die Meere fokussiert, auf Kosmetik oder Waschmittel, hat die Kunstrasenplätze in den Blick genommen. Immerhin sollen laut Fraunhofer-Institut diese Spielplätze eine der größten Quellen von Mikroplastik in der Umwelt sein – wenn sie mit Gummigranulat verfüllt sind. Viele Jahre ist dieses Granulat aus alten Autoreifen hergestellt worden. Udo Heiler bestätigt: »Es gibt das Verbot, Teilchen unter fünf Millimetern in die Umwelt zu bringen. Was auf den Plätzen eingestreut wird, ist maximal zwei Millimeter groß. Es ist total in Ordnung, dass es verboten wird.« Dabei ist die Kette des Mikroplastiks von den Plätzen durchaus nachvollziehbar. Die Spieler nehmen das feine Material mit ihrer Sportkleidung auf. Wenn es gewaschen wird, gelangt das Mikroplastik zwangsläufig ins Abwasser und damit in die Umwelt.

Kork als Alternative

Im Schauraum der Firma Heiler liegt die Lösung des Problems gleich im Materialkasten daneben, es ist das Naturprodukt Kork aus Portugal. »Im Neubaubereich ist Gummigranulat praktisch tot«, erklärt Michael Heiler. Dagegen baue man schon seit geraumer Zeit in den meisten Fällen eine Mischung aus feinem Sand und Kork ein. Heiler: »Das ist sogar doppelt nachhaltig.« Der Kork für das Granulat wird nicht eigens produziert, sondern ist Abfallprodukt aus den Stücken, die nach dem Ausstanzen von Weinkorken übrig bleiben.

Dass Kork grundsätzlich teurer sei als Gummi, möchte Heiler nicht gelten lassen: »Das Naturprodukt ist nur teurer als schwarzes Recycling-Gummi.« Allerdings sei es preiswerter als industriell hergestelltes grünes Neugummi. Kundenanfragen in den vergangenen Wochen verzeichnet der Anbieter aus Ummeln zu 100 Prozent zum Kork.

Übergangsfristen

Bei aller Notwendigkeit, das Mikroplastik zu entsorgen, sieht Michael Heiler kein akutes Zeitproblem. Kollegen der Branche in Frankreich bezeichnen es wohl insbesondere als ein deutsches Thema. Man habe in Frankreich deutlich mehr Plätze mit deutlich mehr Gummigranulat. Aber kaum jemand spreche davon. Zudem ist Heiler auch von längeren Übergangsfristen der EU überzeugt.

Der Fachmann hat für die Betreiber der Plätze deshalb ein Vier-Punkte-Papier parat. Danach sollten bei allen bestehenden gummiverfüllten Kunstrasenplätzen – immerhin fast 4000 in Deutschland – schnellstmöglich Sofortmaßnahmen ergriffen werden. Ältere Plätze, auf denen überschüssiges Granulat locker auf der Oberfläche liegt, können mit geeignetem Gerät wie einer Kehrmaschine abgesaugt werden, empfiehlt Heiler. Das könnten Kommunen für kleines Geld auch selbst erledigen.

Weil sich nach jahrelangem Bespielen das Granulat in der Regel im Randbereich auf den ersten fünf bis zehn Metern sammele, könnte man durch Absaugen hier weiteren Austrag in die Natur verhindern, erklärt Heiler, der auch zum Einbau von Filtern am Ende der Dränage für die Entwässerung rät. Für den Zugang zum Platz rät Heiler zum Bau einer Schleuse aus speziellen Rinnen und Gummimatten, damit Granulat nicht bis in die Kabine mitgetragen wird. »Ein einfaches Prinzip wie mit dem Fußbecken im Schwimmbad.« Mit diesen einfachen Maßnahmen, ist Heiler überzeugt, ließe sich die Austragung von Gummigranulaten in die Umwelt um 80 Prozent reduzieren: »Es ist also möglich, schnell etwas an der Lösung unseres Mikroplastik-Problems zu tun.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6821338?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
Gerhard Weber ist tot
Moderunternehmer Gerhard „Gerry“ Weber ist in der Nacht vom 23. auf den 24. September verstorben. Foto: Hans-Werner Buescher
Nachrichten-Ticker