Im fünften Jahr seit der Flüchtlingskrise ist es Zeit für eine Zwischenbilanz
Haben wir das geschafft?

Bielefeld (WB). Auf den ersten Blick ist es eine gewaltige Zahl: Etwa 400 Millionen Euro sind seit 2015 in Bielefeld für Geflüchtete ausgegeben worden. Teilt man sie durch die Zahl der 6100 Menschen, die in dieser Zeit nach Bielefeld gekommen sind, relativiert sie sich schon wieder. Rechnerisch entfielen 65.573 Euro auf jeden Flüchtling. Das sind 13.114 Euro jedes Jahr – einschließlich 2019.

Dienstag, 30.07.2019, 08:00 Uhr
Seit 2015 wurden der Stadt Bielefeld rund 4700 Menschen zugewiesen. Foto: dpa

Solche Zahlenspiele mag Bielefelds Sozialdezernent Ingo Nürnberger eigentlich nicht. »Damit wird man den Menschen nicht gerecht«, sagt er. Und diese Summe schließe alles ein. Kita-Ausbau, den Ausbau des offenen Ganztags an Grundschulen, Schulsozialarbeit, Personalkosten. »Da kann man nicht nur von Transferleistungen reden«, meint Nürnberger. Vieles von dem, was da seit 2015 entstanden sei, bleibe der Stadt erhalten. Auf der anderen Seite war und ist es ein Kraftakt, die Menschen, die nach Bielefeld gekommen sind, in die Stadtgesellschaft zu integrieren. »Wir schaffen das«, versprach Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015. Haben wir das geschafft? Fakten zur Integration:

Wie viele Geflüchtete gibt es in Bielefeld?

Seit 2015 wurden der Stadt Bielefeld rund 4700 Menschen zugewiesen. Wobei das Gros, nämlich 3397, auch bereits 2015 kam. Im ganzen Jahr 2018 waren es noch 205. In diesem Jahr steigen die Zahlen offenbar wieder leicht an. Von Januar bis Juni waren es ebenfalls 205 Menschen. Hinzu kommt der Familiennachzug. Rund 1400 Angehörige sind nach Bielefeld gekommen. Macht zusammen rund 6100 Menschen.

 

Wie alt sind die Geflüchteten und welches Geschlecht haben sie?

Von den zugewiesenen Flüchtlingen seit 2015 sind zwölf Prozent im Alter bis fünf Jahre, 19 Prozent zwischen sechs und 14 Jahre alt. Ein Viertel macht die Altersspanne von 15 bis 25 Jahre aus. Zwischen 26 und 60 Jahre sind 43 Prozent alt. Älter als 60 sind nur ein Prozent der Geflüchteten. Das Geschlechterverhältnis: 3050 männliche Geflüchtete stehen 1650 weiblichen gegenüber. Exakte Angaben zu Alter und Geschlecht bei denjenigen, die im Zuge des Familiennachzuges nach Bielefeld gekommen sind, lassen sich nicht machen.

Syrien das häufigste Herkunftsland

Woher kommen die Geflüchteten?

Bei den Herkunftsländern liegen Syrien (30 Prozent) und der Irak (21 Prozent) vorn. »Auf den Plätzen« folgen Afghanistan (sieben Prozent), Albanien (fünf Prozent), Iran (drei Prozent). Jeweils rund zwei Prozent stammen aus Kosovo, Nigeria, Armenien, Serbien, Bangladesch, Marokko oder Algerien.

 

Was haben die Geflüchteten seit dem Jahr 2015 gekostet?

Aus eigenen Mitteln, also nach Abzug der Bundes- und Landeszuweisungen, hat die Stadt nach Auskunft von Sozialdezernent Nürnberger rund 100 Millionen aufgewendet. Bund und Land haben zusammen rund 300 Millionen Euro nach Bielefeld überwiesen. Bei den städtischen Ausgaben gibt es für 2015 keine exakten Zahlen, aber für die Folgejahre: 2016: 28 Millionen, 2017: 18 Millionen, 2018: rund 15 Millionen, 2019: rund 13 Millionen Euro. Auch Bielefeld profitiert davon, dass die Landesregierung die Integrationspauschale des Bundes ungekürzt an die Kommunen weiterreicht. Das sind noch einmal elf Millionen für 2018 und 2019.

 

Wie viele Geflüchtete haben einen Job?

Etwa 2000 Menschen aus nicht europäischen Asylherkunftsländern gehen einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Diese Zahl beinhaltet auch Menschen, die vor 2015 nach Deutschland gekommen sind.

 

In welchen Jobs arbeiten die Flüchtlinge?

Sie verteilen sich vor allem auf vier Bereiche: In der Verkehrs- und Logistikbranche sind 630 beschäftigt, in Handel und Vertrieb haben 310 eine Anstellung gefunden. Im Bereich der Lebensmittelherstellung und -verarbeitung sind 260 tätig, im großen Bereich Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung sind es 230.

Zahl der Ausbildungen hat sich verdoppelt

Wie viele Geflüchtete machen eine Ausbildung

Aktuell sind mehr Geflüchtete aus dem Bestand an Leistungsberechtigten des Jobcenters in der Lage, eine Ausbildung aufzunehmen als im Jahr 2018. Die Zahl der Ausbildungsaufnahmen hat sich auf 59 nahezu verdoppelt. Bis zum Start des neuen Ausbildungsjahres am 1. Oktober wird eine deutliche Steigerung beim Abschluss von Ausbildungsverträgen für Geflüchtete erwartet.

 

Wie viele Geflüchtete gehen zur Schule?

Grundsätzlich besteht für alle in Deutschland lebenden Kinder und Jugendlichen eine Schulpflicht. Da die Daten bezogen auf den Status »Neuzugewanderte« erhoben werden – das schließt auch Zugewanderte aus der EU ein – , liegen zu Geflüchteten nur eingeschränkt belastbare Daten vor. Aber es gibt eine aufschlussreiche Zahl: nämlich die von Kindern und Jugendlichen, die sich in einer deutschsprachigen Erstförderung befinden. Das sind Schüler, die dem Unterricht in deutscher Sprache noch nicht folgen können. In diesen Klassen befinden sich rund 900 geflüchtete Kinder und Jugendliche. Diese Zahl bezieht sich auf Grundschulen, weiterführende Schulen sowie die Internationalen Förderklassen an den Berufskollegs.

 

Wie viele Geflüchtete beziehen Hartz IV?

7600 Leistungsberechtigte aus nicht-europäischen Asylherkunftsländern beziehen Hartz IV. Diese Zahl beinhaltet auch Menschen, die vor 2015 nach Deutschland gekommen sind.

 

Wo wohnen die Geflüchteten?

Heute leben noch rund 1700 Flüchtlinge in städtischen Unterkünften. In Bielefeld gibt es noch drei zentrale städtische Unterkünfte: Rütli, Eisenbahnstraße, und das Quartier Zedernstraße. Daneben hat die Stadt Bielefeld 340 Wohnungen angemietet, in denen unter anderem auch geflüchtete Menschen untergebracht sind. Die Zahl ist rückläufig, lag schon einmal bei über 400. Immer mehr Geflüchtete mieten eine eigene Wohnung an.

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