Reihe »Klassik um 3«: Musiker klagt gegen die Stadt Bielefeld – Gütetermin vor Gericht gescheitert
Streit um eine Orchesterprobe

Bielefeld (WB). Dass ein städtischer Musiker gegen die Kommune wegen mutmaßlicher Arbeitszeitverstöße vorgeht, das hat es nach Auskunft der hiesigen Justiz in Bielefeld noch nicht gegeben. Nun ist der Premierenfall eingetreten.

Mittwoch, 03.07.2019, 10:00 Uhr
Die Bielefelder Philharmoniker bei einem Konzert in der Oetkerhalle unter Alexander Kalajdzic. Archiv- Foto: Thomas F. Starke

Jörg Engelhardt, seit 26 Jahren Mitglied der Bielefelder Philharmoniker und Vorspieler der Bratschen, wirft seinem Arbeitgeber, der Stadt Bielefeld, am hiesigen Arbeitsgericht einen Verstoß gegen das Arbeitsschutzgesetz vor. Konkret geht es um die Anspielprobe der Musiker zum Eingewöhnen an die akustischen Verhältnisse des Veranstaltungsortes vor dem Konzert »Klassik um 3« am Sonntag, 14. April, im Assapheum in Bethel. Das Gesetz verbiete das Ansetzen von Proben an Sonn- und Feiertagen, sagt der von der Musiker-Gewerkschaft Deutsche Orchestervereinigung und Teilen der Bielefelder Philharmoniker unterstützte Kläger.

Anspielprobe angeordnet

Wirft man einen zweiten, tieferen Blick auf die juristische Ausein­andersetzung vor Arbeitsgerichtsdirektor Joachim Klevemann und seiner 1. Kammer, geht es um Grundsätzliches. Zum einen habe sich wohl noch nie ein deutsches Arbeitsgericht mit der Frage befasst, ob eine Anspielprobe an dem besonders geschützten Sonntag mit dem Tarifvertrag für Musiker in Kulturorchestern in Einklang stehe, stellte Gerichtsdirektor Klevemann beim Gütetermin am Dienstag fest.

Um Grundsätzliches – und zwar einerseits um Anweisungen des Generalmusikdirektors Alexander Kalajdzic und andererseits um offenbar planerisches Unvermögen der Stadt Bielefeld – geht es wohl auch bei den Musikern der Bielefelder Philharmoniker. Aus dem Orchester heißt es, der Generalmusikdirektor habe beim »Klassik um 3«-Konzert am 14. April unnötig und gegen die Auffassung des damaligen Dirigenten Gregor Rot (1. Kapellmeister) eine Anspielprobe angeordnet. Die Orchesterprobe sei nicht – wie für die Akustik notwendig – unter Ausschluss der Öffentlichkeit, sondern inmitten der Geräuschkulisse des eintreffenden Publikums und des Kaffeetrinkens vor Konzertbeginn durchgeführt worden. »Da war nicht mehr viel vom Anspielen zu hören«, sagen Teilnehmer des klassischen Konzertes vom 14. April mit Werken von Carl Maria von Weber (Fagottkonzert F-Dur op. 75) und von Felix Mendelssohn Bartholdy (Symphonie Nr. 3).

Zudem sei das Assapheum in Bethel für die Bielefelder Philharmoniker bekanntes Terrain, sagen Musiker. Anspielproben seien unnötig, weil es seit Beginn der »Klassik um 3«-Reihe vor zwölf Jahren inzwischen 60 Konzerte gegeben habe. Die Vor- und Nachteile der Akustik in Bethels Veranstaltungshalle seien bekannt.

Den Aufwand einer Generalprobe gescheut

Der Vorwurf an die Stadt: Die Kommune hätte auch im April, wie damals beim »Klassik um 3«-Konzert im Februar geschehen, eine Generalprobe ohne Publikum für die Bielefelder Philharmoniker im Assapheum ansetzen müssen. Dies sei aber nicht geschehen. Die Rede ist davon, dass die Kommune den Aufwand scheue, Technik und (Groß-)Instrumente für eine Generalprobe nach Bethel zu schaffen.

Ilona Hannemann, Verwaltungsdirektorin des Theaters Bielefeld, und ihr Rechtsanwalt Robert Kuth vom Deutschen Bühnenverein äußerten sich dazu nicht vor dem Arbeitsgericht. Sie beharrten auf ihrer Position, dass eine Anspielprobe »Teil der Aufführung« sei. Zumal die Philharmoniker nicht in ihrem »Stammsitz«, der Oetker-Halle, sondern mit dem Assapheum an »einer vom Sitzort abweichenden Spielstätte« aufgetreten seien.

Angesichts der weit auseinander liegenden Positionen zwischen dem Kläger Jörg Engelhardt und der beklagten Stadt Bielefeld erklärte Arbeitsgerichtsdirektor Joachim Klevemann den Gütetermin am Dienstag für gescheitert und setzte einen Termin für die 1. Kammer an. Der Termin soll, weil die Rechtsanwälte der beiden Parteien vorher keine Zeit haben, Mitte November stattfinden.

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