Tierschützer schauen bei »Abwehrsystem« an der Mindener Straße genau hin
Bahn sagt Tauben den Kampf an

Bielefeld (WB). Dass seit Montagmorgen unter der Bahnbrücke an der Mindener Straße ein so genanntes »Taubenabwehrsystem« installiert wird, davon erfuhren Helmut Tiekötter und der Tierschutzverein Bielefeld eher zufällig. »Aber bei uns sind sofort alle Alarmglocken angegangen.« Denn was harmlos klingt, ist für die Tierschützer eine heikle Angelegenheit.

Dienstag, 02.07.2019, 04:00 Uhr aktualisiert: 02.07.2019, 09:50 Uhr
»Passieren der Verkehrsflächen nicht mehr zumutbar«: Die Tauben, die auf den Trägern der Eisenbahnbrücke an der Mindener Straße nisten, verursachen eine Menge Dreck. Foto: Bernhard Pierel

Eher beiläufig registrierte Tiekötter in der vergangenen Woche die Nachricht der Stadt, dass es in der Innenstadt voraussichtlich bis zum 10. Juli zu Verkehrsbehinderungen zwischen der Arndtstraße und der Elsa-Brändström-Straße kommen werde. Kurz danach waren er und seine Mitstreiter, die sich seit Jahren um die Bielefelder Stadttauben kümmern, dann schon in Alarmbereitschaft. »Wir werden genau beobachten, was dort in den nächsten Tagen passiert«, sagt Tiekötter.

Tauben verenden in Netzen

Denn so ganz ohne sei das nicht, was die Deutsche Bahn als Betreiber der Bahnbrücke dort plane. Nach 2015 soll die Konstruktion in den nächsten Tagen wieder so präpariert werden, dass sich Tauben dort nicht mehr niederlassen können. Auf Anfrage teilte die Bahn mit, dass das »Passieren der Verkehrsflächen unterhalb der Eisenbahnüberführung nicht mehr zumutbar« gewesen sei.

Vor vier Jahren sollten deshalb an den Stahlträgern befestigte Netze die Brücke für Tauben unzugänglich machen – funktioniert habe das laut Tiekötter allerdings nur in der Theorie. Tatsächlich hätten sich viele Tauben in den zu weichen Netzen verfangen und seien daraufhin – unfähig sich ohne fremde Hilfe zu befreien – über der vierspurigen Straße verendet. Später wurden die Netze dann wieder entfernt.

Tiekötter hofft, dass die Deutsche Bahn daraus gelernt hat. »Ein steiferer Draht wäre das deutlich bessere Material. Darin können die Tiere nicht hängen bleiben.« Zudem seien die Netze vor vier Jahren lückenhaft angebracht worden. Viele Tauben fanden trotzdem den Weg auf die Stahlträger und nisteten dort weiter. Die Bahn teilte mit, dass die Vergrämung jetzt tierschutzgerechter und somit zielführender gestaltet werden solle.

Dass sich die Tauben unter der Bahnbrücke offenbar besonders wohlfühlen, hat auch mit dem nahegelegenen Taubenhaus zu tun. Nur wenige hundert Meter weiter leben hunderte Tiere im vom Tierschutzverein aufgestellten und betreuten Taubenwagen an der Mindener Straße. Dieser sei in den vergangenen Jahren an seine Kapazitätsgrenze gestoßen, woraufhin sich viele der als standorttreu bekannten Tiere in unmittelbarer Nähe niederließen.

Tiere müssen von Menschen aufgezogen werden

Auch aktuell nisten wieder mehrere Taubenfamilien unter der Brücke. Tiekötter warnt davor, die Tiere im Zuge der Installation des Abwehrsystems gedankenlos von dort zu entfernen. »Wenn das Nest einmal versetzt wurde oder ein Jungtier entnommen wurde, dann kümmert sich das Weibchen nicht mehr darum. Ohne Hilfe wären sie dann dem Hungertod ausgeliefert.« Dementsprechend müssten die Tiere danach von Menschenhand weiter versorgt und aufgezogen werden. »Bis sie dann ausgewildert werden können, kann das schon mal sechs Wochen dauern«, sagt Tiekötter. 2015 mussten so 85 Tauben vom Tierschutzverein gerettet werden. »Ganz so viele sollten es jetzt nicht sein.«

Was ihn irritiert: Die Deutsche Bahn habe den Tierschutzverein weder über die Maßnahme informiert, noch um Hilfe gebeten. »Die Firma, die von der Bahn beauftragt wurde, hätte uns gerne kontaktieren können.« Zudem sei es bereits ein schwieriges Unterfangen gewesen, nähere Informationen über die geplanten Arbeiten zu bekommen.

Er und die Ehrenamtlichen der Stadttauben-Gruppe werden das Treiben in der Mindener Straße in den kommenden Tagen also genau beobachten. »Tauben fallen schließlich unter das Naturschutzgesetz«, warnt Tiekötter.

Kommentar von Henrik Wittenborn

Dass Helmut Tiekötter und die Ehrenamtlichen aus der Stadttauben-Gruppe nach den Erfahrungen von 2015 genau hinschauen wollen und werden, was in den kommenden Tagen unter der Bahnbrücke an der Mindener Straße passiert, ist nur allzu verständlich. Dass sich die Tierschützer gewünscht hätte, in die Planung und Durchführung mit eingebunden zu werden, ebenfalls. Denn ohne ihre Unterstützung wird die von der Bahn versprochene »tierschutzgerechtere« Vergrämung der Vögel kaum möglich sein. Immerhin: Ein erstes Zwischenziel haben die Taubenfreunde dank ihres Engagements in Sichtweite. Ob es erreicht wird? Die Tierschützer werden ein wachsames Auge darauf haben.

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