Einwohner kritisieren Vorschläge für neue Wohngebiete
Streit um Dornberg-Pläne geht weiter

Bielefeld (WB). Im Stadtbezirk Dornberg treffen die jüngst bekannt gewordenen Pläne für ein neues Quartier auf wenig Gegenliebe. 220 Einwohner waren Donnerstag zu einer Versammlung gekommen. Offen geäußerte Zustimmung: keine.

Samstag, 15.06.2019, 06:00 Uhr
Mehrgeschossige Bauweise und trotzdem grün. Das geht im Stadtbezirk Dornberg schon. Auch künftig? Foto: Hans-Heinrich Sellmann

Dabei machte Bezirksbürgermeister Paul John (Grüne) erneut seinem Unmut über die Vorgehensweise in den vergangenen Wochen Luft. Am 2. Mai sei den Bezirksvertretern in nichtöffentlicher Sitzung das Ergebnis des Gutachterbüros vorgestellt worden, wonach eine Fläche von 85 Hektar neu bebaut werden soll und Platz für bis zu 11.000 Menschen in 4811 Wohneinheiten entstehen könnte.

»Wir waren völlig überrascht. Dieses Ergebnis hatte niemand von uns erwartet«, sagte John im voll besetzten Foyer der Grundschule Babenhausen. An dem notwendigen Ortsteilentwicklungskonzept hätten Bezirkspolitiker, Gutachter und Bürger in den vergangenen drei Jahren gearbeitet. Die aktuellen Pläne entsprechen »allerdings nicht diesem Bürgerdialog«. Weil sie durchaus »in Dornberg zusätzlichen Wohnraum schaffen wollen«, sei in der Bezirksvertretung ein gemeinsamer politischer Beschluss einstimmig gefasst worden. Aber das, was jetzt auf dem Tisch liegt, »hatten wir nicht beauftragt«.

Das sagen die Politiker

Sprecher der Fraktionen in der Bezirksvertretung nutzten die Einwohnerversammlung, um nochmals zu erläutern, wo sie sich eine Ortsteilentwicklung Dornberg/Babenhausen vorstellen können: am Thomashof (CDU/SPD), entlang der Babenhauser Straße (CDU), durchaus auf einer kleineren Fläche des viel diskutierten Poggenpohls (CDU/SPD/Linke), zwischen Vulsiekshof und Höfeweg (Grüne) oder auch am Leihkamp in Nähe der Supermärkte (Grüne/BfB). Bernd Vollmer (Linke) mahnte an, erst diese von den Bezirksvertretern definierten Flächen zu entwickeln und dann zu schauen, wo man steht.

Der städtische Bau- und Planungsdezernent Gregor Moss warnte allerdings davor, auf Halten zu spielen. Er wiederholte die bereits in zahlreichen Veranstaltungen dieser Art aufgezählten Argumente: Lange Zeit sei man fälschlicherweise davon ausgegangen, Bielefeld werde nicht wachsen, sondern schrumpfen. Bis 2020 brauche die Stadt eigentlich 5000 neue Wohneinheiten, erreicht würden aber nur 3000. Danach bestehe jedes Jahr ein Bedarf von 1500 Einheiten. Dabei gehe es in erster Linie um bezahlbaren Wohnraum, und zwar nicht in Ein- und Mehrfamilienhäusern, sondern im Geschossbau. So würden die Menschen in der Zukunft wohnen wollen. »Lösen Sie sich von ihren Vorstellungen, wie Sie heute wohnen«, sagte Moss.

Das sagt der Dezernent

»Wenn wir nichts tun, ziehen die Leute aufs Land. Im Speckgürtel sind viele neue Wohnsiedlungen entstanden«, sagte Moss. Die Menschen würden aber weiterhin in Bielefeld arbeiten und damit für steigenden Pendlerverkehr sorgen. Er verwies außerdem darauf, dass alle jetzt in Rede stehenden Flächen im lange bestehenden Gebietsentwicklungsplan berücksichtigt sind. »Da ist nichts hinzugekommen.« Er appellierte an die Politik, diese Flächen nicht aufzugeben: »Wenn sie aus dem Regionalplan herausgenommen werden, sind die für immer weg. Und dann bekommt die Stadt ein Riesenproblem.«

Bei den vorliegenden Plänen handele es sich lediglich um den planungsrechtlichen Rahmen. Und: »Dornberg ist nicht der Nabel der Welt.« Die Stadt werde an vielen Stellen entwickelt. Das hatten einige Dornberger bezweifelt, fragten, ob das gesamtstädtische Wohnproblem in ihrem Bezirk gelöst werden müsse. Moss versicherte, dass überall nach Möglichkeiten gesucht werde. Auch in bestehenden Siedlungen die Bebauung zunächst nachzuverdichten und erst dann neue Gebiete zu entwickeln, habe die Stadt im Blick und vielfach bereits geprüft.

Das sagen die Einwohner

Nach Aussage von Landwirt Dr. Hans-Peter Grothaus wäre eine Ortsteilentwicklung in den zuletzt ins Spiel gebrachten Dimensionen existenzgefährdend: »Wenn diese Planung umgesetzt wird, müssen wir Insolvenz anmelden.« Es sei überzogen, in welchen Größenordnungen geplant werde. »Außerdem reden wir ständig über ›Fridays For Future‹, aber vor Ort lassen wir zu, dass Arten auf diesen Flächen keine Zukunft haben.«

Mechthild Adamek störte die »Begeisterung für Stadtplanung« bei Baudezernent Gregor Moss und fragte, warum ausgerechnet auf Dornberg zurückgegriffen werde. Auf ihre Frage nach einer Stadtbahnverlängerung nach Heepen musste der Beigeordnete sie an die diesbezüglich negativ ausgefallene Bürgerbefragung erinnern.

Carsten Müller vermisste mit Blick auf den zu erwartenden Zuzug in den Planungen Angaben zur Entwicklung von Schulen und Kitas: »Wir stoßen doch schon jetzt an die Grenzen.« Moss räumte ein, dass es ein Fehler war, angesichts anderer Bevölkerungsprognosen vor einiger Zeit Schul- und Kita-Flächen abzubauen.

Dem Verweis von Gregor Moss, dass andere Städte wie Freiburg oder Tübingen neue Stadtteile entstehen ließen, entgegnete ein Einwohner, der ebenfalls auf den Namen Carsten Müller hört: »Der Ostwestfale ist stur. Er muss es ja nicht machen wie alle anderen.« Er kenne sich aus, komme aus dem Rheinland.

Das Fazit des Bezirksbürgermeisters

Bezirksbürgermeister John warf der Verwaltung – bewusst polemisch – vor, Politikverdrossenheit zu erzeugen: »Wenn wir diesen Vortrag vor drei Jahren gehört hätten, hätten wir nicht suggeriert, dass es ein ergebnisoffener Prozess ist.« Er gehe davon aus, dass das Konzept nun obsolet ist. »Wir werden einen anderen Blick auf die Flächen haben müssen.« Bereits dann, wenn der Stadtrat noch vor der Sommerpause die neue Baulandstrategie verabschiedet hat.

Kommentar von Hans-Heinrich Sellmann

Es hatte so gut ausgesehen: Lange Zeit schien es, als könnte aus der Entwicklung der Ortsteile Dornberg und Babenhausen ein Musterbeispiel für die Zusammenarbeit von Planern, Verwaltung, Politik und Bürgern werden. Kontroversen Versammlungen und Kampagnen folgten ein konstruktiver Bürgerdialog und schließlich ein einstimmiger Beschluss der Bezirksvertretung. Nicht alle Bedenken der Einwohner konnten ausgeräumt werden, aber dennoch wuchs die Akzeptanz, auch in Dornberg der Wohnungsnot entgegenwirken zu müssen.

Möglicherweise wären sogar die jetzt in Rede stehenden voluminösen Pläne hier und da auf einen Funken Verständnis gestoßen. Weil aber die zuvor so hoch gelobte Transparenz irgendwo im Rathaus kurzer Hand über den Haufen geworfen wurde, darf sich Dezernent Gregor Moss nun nicht wundern, dass er mit seinen durchaus nachvollziehbaren Argumenten bei den Einwohnern kaum noch durchdringt. In Dornberg sind Politik und Bürger mehr als ein kleines bisschen beleidigt. Das ist in einem professionellen Verfahren nicht die bevorzugte Reaktion, aber hier nachvollziehbar. Nun bedarf es eines neuen Dialoges, um alle wieder in die Spur zu bringen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6690896?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
Gut gespielt, wieder verloren
Arminias Japaner RItsu Doan vergab in der achten Minute die Chance zur Führung.
Nachrichten-Ticker