Telefonbetrug: Komplizen der falschen Polizisten legen aus Angst vor Rache unvollständige Geständnisse ab
Angeklagte fürchten um ihr Leben

Bielefeld (WB). Im Landgerichtsprozess um die Betrügereien falscher Polizisten am Telefon (diese Zeitung berichtete) blieben am Freitag umfangreiche Beichten der zwei Angeklagten im Gegenzug für vorab festgelegte Haftstrafen aus. Die 27-Jährige und der 28-Jährige, die als Geldabholer der Telefonbetrüger im Januar neun Mal Senioren in Bielefeld und Niedersachsen um Hunderttausende Euro erleichtert hatten, nannten in ihren Geständnissen keine Details, sondern räumten nur ihre Delikte ein. Das Urteil wird für Mittwoch erwartet.

Samstag, 08.06.2019, 08:00 Uhr
Die Verteidiger Alexander Strato (links) und Tim Gruner (2. von rechts) mit den beiden Angeklagten.

Es fielen vor der 21. Großen Strafkammer weder die Namen der Hintermänner noch wurden die kriminellen Strukturen der von der Türkei aus operierenden Bande offen gelegt. Sowohl die 27-jährige Deutsch-Kasachin als auch der 28-jährige Deutsch-Kosovare fürchten offenbar um ihr Leben und das ihrer Angehörigen. Die Frau ließ über ihren Verteidiger Tim Gruner mitteilen, dass sie in der Untersuchungshaft im Bielefelder Gefängnis bereits bedroht worden sei. Man habe ihr »beste Grüße aus der Türkei« bestellt und geraten, zu schweigen. Laut der 27-Jährigen sollen hinter den Telefonbetrügereien arabische Clans stecken.

Beute im Gesamtwert von etwa 630.000 Euro

Verteidiger Alexander Strato, der den mitangeklagten 28-jährigen Freund der Deutsch-Kasachin vertritt, berichtete, dass der Kontakt seines Mandanten zur Betrügerbande über einen Mann lief, »dem man keine Fragen stellt«. Während der nur zwei Wochen währenden Arbeit des Angeklagten für einen Ermittlerangaben zufolge libanesischen Kurden in Izmir habe der 28-Jährige dem Kontaktmann sein Mobiltelefon überlassen und auf Anforderung Leihwagen anmieten müssen.

Für das Einsammeln der von den Senioren mit kriminellen Schauermärchen erpressten Beute im Gesamtwert von etwa 630.000 Euro habe der Deutsch-Kosovare pro Kurierfahrt 1000 bis 1200 Euro bekommen. Die Beute sei auf Anweisung aus der Türkei fotografiert und dann in Depots in Bremen und Hannover hinterlegt worden.

Der Telefonterror falscher Polizisten gegen Senioren ist inzwischen so groß, dass er den NRW-Landtag beschäftigt. Den Angaben von NRW-Innenminister Herbert Reul zufolge seien seit dem Jahr 2017 bei 638 Taten in etwa 23 Millionen Euro erbeutet worden. Reul: »Die Opfer werden aus Callcentern in der Türkei angerufen und gegebenenfalls über Stunden am Telefon instruiert und drangsaliert, um schließlich den Tätern Geld und Wertsachen im üblicherweise vier- bis sechsstelligen Euro-Bereich auszuhändigen oder außerhalb der Wohnung zu hinterlegen.«

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