Prozessauftakt vorm Landgericht gegen zwei mutmaßliche Kriminelle
Falsche Polizisten betrügen Rentner um 630.000 Euro

Bielefeld (WB). Sie agieren anonym vom Ausland aus, setzen ihre betagten Opfer unter größtmöglichen Druck, um Bargeld und Wertsachen zu bekommen, und verschwinden dann mit der Beute unerkannt. Trickbetrüger am Telefon werden fast nie gefasst. Umso ungewöhnlicher ist ein Prozess am Landgericht : Seit Dienstag müssen sich zwei Angeklagte (27/28) verantworten, die im Auftrag einer Bande von falschen Polizisten etwa 630.000 Euro erbeutet haben sollen.

Mittwoch, 05.06.2019, 04:00 Uhr aktualisiert: 05.06.2019, 06:36 Uhr
Prozessauftakt: Die Verteidiger Alexander Strato (links) und Tim Gruner (2. von rechts) mit den beiden Angeklagten. Foto: Thomas F. Starke

Der seltene Fahndungserfolg der Bielefelder Kripo ist ausgerechnet einem Rentner-Ehepaar (76/83) aus dem Stadtbezirk Stieghorst zu verdanken. Nachdem die Senioren zweimal von den falschen Polizisten abgezockt worden waren und bereits 76.000 Euro gezahlt hatten, las das Paar in der Zeitung von der Betrugsmasche und schaltete die echte Polizei ein. Die Kriminellen wurden am 21. Januar diesen Jahres zu einer dritten Geldübergabe im Bereich des Lipper Hellweges gelockt. Als die Geldabholer – eine Deutsch-Kasachin (27) aus Elmshorn und ihr deutsch-kosovarischer Freund (28) aus Hannover – im Bielefelder Osten auftauchten, nahmen Kripofahnder das Paar fest. Es sitzt seitdem in Untersuchungshaft und muss sich jetzt vorm Landgericht verantworten.

Einblick in die Welt der Trickbetrüger

Die Anklage der Staatsanwaltschaft gibt einen tiefen Einblick in die Welt der sonst streng abgeschottet agierenden Trickbetrüger. So soll sich die einschlägig vorbestrafte Deutsch-Kasachin im türkischen Izmir ausbilden haben lassen. Dort betrieben Hintermänner ein Telefon-Callcenter. Falsche Polizisten bombardierten von der Türkei aus Senioren in Deutschland so lange mit zum Teil stundenlangen Schockanrufen von angeblich kurz bevor stehenden Einbrüchen mit Mordversuchen oder kriminellen Bankmitarbeitern, die ans Vermögen wollten, bis die Opfer Bargeld und Wertsachen heraus gaben. Ihre Rücklagen fürs Alter hatten die Rentner in Taschen verpackt vors Haus zu legen, damit Polizisten das Ersparte in Sicherheit bringen konnten, so die Lüge der Täter.

Zwei Wochen lang Geldabholer

Dem kasachisch-kosovarischen Betrügerpaar wirft die Anklage vor, zwei Wochen lang im Januar als Geldabholer für die Trickbetrügerbande unterwegs gewesen zu sein. Es soll in Bielefeld und Hannover neun Taten gegeben haben. Bei den insgesamt erbeuteten etwa 630.000 Euro soll der 28-Jährige die Beute meist eingesammelt haben, die 27-Jährige soll ihn dabei gedeckt haben. Als Polizisten nach der Festnahme des Paares die Wohnungen in Hannover und Elmshorn durchsuchten, wurde nur noch ein Bruchteil der Beute von 52.400 Euro gefunden.

Wegen der aus Sicht des Gerichtes »teilweise dünnen Beweislage« einigten sich die Prozessbeteiligten am Dienstag auf einen Strafrahmen. Wenn die Angeklagten am Freitag Geständnisse ablegen und Namen von Mittätern nennen, sollen Haftstrafen zwischen drei Jahren und neun Monaten beziehungsweise vier Jahren und neun Monaten verhängt werden.

Tipps der Polizei

Die Polizei rät, vermeintlichen Polizeibeamten am Telefon gegenüber keine Angaben zu Vermögensverhältnissen zu machen. Polizeisprecherin Sarah Siedschlag: »Händigen sie keine Wertgegenstände sowie Bargeld aus. Sollten sie einen Anruf bekommen, bei dem sie dazu aufgefordert werden, legen sie den Hörer auf und wählen selbst den Notruf 110. Lassen Sie sich nicht vom Anrufer mit der Polizei verbinden.«

Vor allem das Beenden des Gesprächs mit dem Auflegen des Hörers ist besonders wichtig, heißt es von der Polizei. Wenn die Verbindung zu den Betrügern nicht getrennt wird, gaukeln die Kriminellen mit einem technischen Trick am Telefon vor, dass das Opfer mit einem weiteren Polizisten verbunden wird.

 

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