Online-Spielsucht: Wenn das pausenlose Hantieren an Smartphone oder Computer krank macht
Flucht in die digitale Welt

Bielefeld (WB). Exzessives Computer- oder Video-Spielen steht aktuell wieder in der Diskussion, nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Online-Spielsucht in den neuen Katalog der Krankheiten (ICD-11) aufgenommen hat. »Eine einheitliche Definition von Computerspiel- und Onlinesucht ist schwierig, allerdings gibt es klare Alarmzeichen für eine Abhängigkeit«, sagt Michael Falkenstein, Experte für Suchtfragen bei der KKH Kaufmännische Krankenkasse.

Dienstag, 04.06.2019, 08:00 Uhr
Symbolfoto Foto: dpa

Dazu gehöre etwa, die Kontrolleüber Häufigkeit und Dauer des Spielens völlig zu verlieren, das Spielen vor andere Aktivitäten zu stellen und auch bei negativen Konsequenzen weiterzumachen. Die häufigsten Gründe für exzessives Online-Spiel seien Stressbewältigung und Ablenkung, sagt der KKH-Experte. Falkenstein: »Besonders Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl nutzen die Games, um sich von Frust und Unsicherheit zu befreien. Sie genießen die virtuelle Unbeschwertheit, auch wenn das reale Leben derweil zusammenbricht.«

Laut des jährlichen Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung, der bereits 2016 den Schwerpunkt auf Onlinesucht gelegt habe, hätten vor allem Online-Rollenspiele, Online-Shooter (Gewaltspiele) und Strategiespiele Suchtpotenzial. Diese Spiele könnten stark fesseln, denn die Übernahme einer Rolle sei meist mit einer starken Identifizierung verbunden. »Mit Erfolg im Rollenspiel werden zum Beispiel Misserfolge im Alltag kompensiert, da sie virtuell viel leichter als im echten Leben zu erzielen sind«, sagt der KKH-Experte. Die Betroffenen fühlten sich von der Rollenspiel-Gemeinde mehr geschätzt als von realen Personen und können sich leichter in virtuelle als in reale Gruppen integrieren.

»Es müssen viele Kriterien zutreffen, um von Abhängigkeit zu sprechen.«

Um exzessiv spielenden Patienten zu helfen, sei es vor allem wichtig, die Ursachen für die Sucht zu ermitteln, erläutert Michael Falkenstein. Das können etwa Depressionen oder soziale Angststörungen, aber auch eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sein. Solche Erkrankungen können eine Spielsucht auslösen, eine Spielsucht aber wiederum auch andere Erkrankungen wie Fettleibigkeit, verstärkter Alkohol- und Nikotinkonsum, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Schlafstörungen, Rückenschmerzen und Augenprobleme. Bei diversen Krankheitsbildern, die häufig mit einem Computerspielzwang einhergehen, stellte die KKH im Zehn-Jahres-Vergleich einen deutlichen Anstieg fest. So nahmen Depressionen um 43 Prozent zu. Bei den 13- bis 18-Jährigen, den Einsteigern in die Computerspiel- und Onlinesucht, waren es sogar 119 Prozent.

»Es müssen immer viele Kriterien zutreffen, um von einer Abhängigkeit zu sprechen«, sagt Falkenstein. Allerdings könne die Aufnahme der Online-Spielsucht in den WHO-Katalog der Krankheiten auch eine Chance sein, das Thema zu enttabuisieren: »Möglicherweise holen sich Betroffene dann eher Hilfe, denn die Scham ist oft groß und der Weg zur Einsicht lang.«

Ärzten steht eine eigenständige Diagnose für die Sucht zur Verfügung

Mit der Aufnahme des exzessiven Computer- und Video-Spielens in den neuen WHO-Katalog der Krankheiten steht Ärzten dann eine eigenständige Diagnose für die Sucht zur Verfügung. Andere Formen pathologischer PC- beziehungsweise Internet-Nutzung wie beispielsweise das Nutzen von sozialen Netzwerken oder Online-Pornografie gelten dagegen noch nicht als ausreichend erforscht, um als separate Krankheit in den Katalog aufgenommen zu werden, sagt der KKH-Experte.

Der Katalog werde von der Weltgesundheitsorganisation WHO verwaltet und sei das wichtigste weltweit anerkannte Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen. Falkenstein: »Das Verzeichnis wurde zuletzt vor 28 Jahren neu gefasst. Es enthält mehr als 55.000 Codes für Krankheiten, Verletzungen und Todesursachen und soll damit unter anderem das Erstellen von Gesundheitsstatistiken erleichtern.«

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