Mit 60 Fallen verschafft sich NRW einen Überblick über die Bedrohung der Wälder – mit Video Der Käfer war’s

Bielefeld (WB). Vor 16 Monaten, sagt Dr. Mathias Niesar vom Landesbetrieb Wald und Holz, hätten Waldbauern für einen Festmeter Fichtenholz bis zu 90 Euro bekommen. »Jetzt sind es nur noch zwischen einem und zehn Euro.«

Von Christian Althoff
Die in der Falle (rechts) gefangenen Borkenkäfer hat Michael Schulz in eine Mensur gekippt, um ihre Menge zu bestimmen.
Die in der Falle (rechts) gefangenen Borkenkäfer hat Michael Schulz in eine Mensur gekippt, um ihre Menge zu bestimmen. Foto: Christian Althoff

Der Grund ist nur wenige Millimeter groß und allgemein als Borkenkäfer bekannt. Zwei Arten zerstören die Fichten: Der Kupferstecher und der etwas größere Buchdrucker. Weil befallene Bäume möglichst schnell gefällt werden müssen, um die Käfer nicht auf gesunde Bäume fliegen zu lassen, ist das Holzangebot im Moment riesig – und der Preis im Keller.

Freitagmorgen auf dem Kamm des Teutoburger Waldes in Bielefeld. Forstwissenschaftler Michael Schulz (35) vom Landesbetrieb Wald und Holz verlässt den Hermannsweg und kämpft sich mit Wanderschuhen durch flaches Brombeergestrüpp und über dicke, abgebrochene Äste. Wo einst Fichten standen ragen nur noch Stümpfe aus der Erde. Ein Teil der Bäume ist Opfer von Stürmen geworden, andere wurden wegen Borkenkäferbefalls gefällt. Auf der Freifläche stehen zwei schwarze Borkenkäferfallen, die Schulz einmal in der Woche kontrolliert – eine für jede Käferart.

Borkenkäfer gehen als Team vor

Ein einzelner Borkenkäfer hätte gegen eine Fichte keine Chance. Sie würde sich mit Harz zur Wehr setzen und den Eindringling, der sich in die Rinde bohrt, um sich dort zu vermehren, einfach ersticken. Der Angriff muss deshalb konzertiert erfolgen. Dazu verbreiten Borkenkäfer, die einen Baum angreifen, einen Duftstoff. Er lockt weitere Artgenossen an, und so ist es irgendwann ein Heer ungezählter Käfer, das die Lebensadern des Baumes zerstört.

Ein kleiner Behälter mit diesem Duftstoff hängt in der Borkenkäferfalle. Michael Schulz zieht eine Schublade aus dem Boden des schwarzen Kunststoffkastens. Darin wimmelt es vor Kupferstechern. Der Forstexperte schüttet sie durch einen Trichter in eine Mensur und blickt auf die Skala:  »21 Milliliter«, sagt er. Eine Exel-Tabelle auf seinem Handy rechnet das Volumen um: »Das sind etwa 10.500 Exemplare. Das ist nicht so viel.«

Schulz lässt die Käfer aus der Mensur in eine Tupperdose rieseln und hilft mit einem Stöckchen dem ein oder anderen ungefährlichen Käfer, der sich in die Falle verirrt hat, in die Freiheit. Dann verschließt er die Dose, die er später in eine Kühltruhe stellen wird. Die toten Käfer streut er dann wieder in die Natur. »Als Vogelfutter.«

Borkenkäfer-Monitoring

Die Fallen, die landesweit an 60 Stellen in Wäldern stehen, sollen nicht den Forst von Borkenkäfern befreien. Das wäre angesichts von Abermilliarden Insekten gar nicht möglich. Das sogenannte Borkenkäfer-Monitoring erlaubt den Experten vielmehr zu erkennen, wann die Käfer nach dem Winter ausschwärmen (dann heißt es, frisch befallene Bäume möglichst schnell zu fällen), und besonders gefährdete Fichtenbestände auszumachen.

Die Aussagekraft der Käferzahl in den Fallen lässt allerdings im Laufe des Jahres nach: Sind erst einmal viele Bäume in der Gegend befallen, umweht sie soviel natürlicher Lockstoff, dass der Stoff in der Falle nur noch eine geringe Anziehungskraft hat.

In diesem Jahr wurde der landesweit erste Flug der Borkenkäfer in der zweiten

Blickrichtung Norden: Auf dem Kamm des Teutoburger Waldes in Bielefeld überragt eine tote Fichte ihre Artgenossen. Foto: Christian Althoff

Aprilwoche im Raum Minden und im Weserbergland festgestellt. Jeweils mehr als 3000 Tiere wurden damals in den Fallen festgestellt – der Schwellenwert, ab dem Alarm ausgelöst wird. Dann gehen die Förster mindestens einmal pro Woche durch die Bestände und markieren Bäume mit typischen Anzeichen eines Befalls. Braunes Bohrmehl an der Rinde oder am Fuße eines Fichte gehören etwa zu den Indikatoren. Solche Bäume müssen schnell gefällt werden. Sie sollten sofort aus dem Wald geschafft und mindestens 500 Meter entfernt gelagert werden. »Man nimmt an, dass Borkenkäfer nicht so weit fliegen«, sagt Michael Schulz. Fehlen Kapazitäten, um die gefällten Bäume aus dem Forst zu schaffen, sollte zumindest die Rinde entfernt werden. Sie wird dann mit Planen abdeckt, unter denen die Käfer bei Temperaturen ab 30 Grad sterben. In einem Modellversuch lagert der Landesbetrieb Wald und Holz seit einiger Zeit auch ganze Stämme unter Folien. So sollen nicht nur die Käfer getötet werden, auch der Holzpreis soll weniger unter Druck geraten, weil nicht jeder gefällte Baum sofort auf den Markt kommt.

Erst in einer Vielzahl werden Käfer zur Plage

Borkenkäfer dienen eigentlich dazu, kranke Bäume zu zerstören, um Platz für neue zu schaffen. Erst in großer Zahl werden sie zur Gefahr für ganze Wälder. Dass jetzt so viele unterwegs sind, liegt zum einen am heißen Sommer des vergangenen Jahres – da konnten die Fichten nicht so viel Harz zur Abwehr bilden. Und der milde Winter tat ein Übriges. Dr. Mathias Niesar: »Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass in NRW 90 Prozent der Buchdrucker den Winter überstanden haben.«

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