Der Bielefelder Klaus Reinhardt (59) fordert »mehr Zeit für ärztliches Handeln«
Reinhardt neuer Ärzte-Präsident

Bielefeld (dpa/WB). Der neue Präsident der Bundesärztekammer ist Klaus Reinhardt aus Bielefeld. Bei der Wahl in Münster lieferte sich der 59-Jährige ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit einer Kandidatin aus Niedersachsen. Am Ende hatte er drei Stimmen Vorsprung.

Samstag, 01.06.2019, 04:00 Uhr
Daumen hoch: Der Bielefelder Klaus Reinhardt (59) nimmt die Wahl zum neuen Präsidenten der Bundesärztekammer beim 122. Deutschen Ärztetag in Münster an. Foto: Guido Kirchner/dpa

Die Amtszeit des Allgemeinmediziners mit Praxis in Bielefeld beträgt vier Jahre. Der Vorsitzende des Hartmannbundes und Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe folgt auf Frank Ulrich Montgomery, der acht Jahre lang an der Spitze der obersten Ärzte-Vertretung auf Bundesebene stand. Montgomery, der am Freitag seinen 67. Geburtstag feierte, hatte sich für eine weitere Amtszeit nicht mehr zur Verfügung gestellt. Der Radiologe aus Hamburg ist per Akklamation zum Ehrenpräsidenten der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärztetages ernannt worden.

Sieg im dritten Wahlgang

Klaus Reinhardt setzte sich am Donnerstag im dritten Wahlgang beim 122. Deutschen Ärztetag mit 124 zu 121 Stimmen gegen Martina Wenker aus Niedersachsen durch. Seine Kontrahentin wäre die erste Frau an der Spitze der Bundesärztekammer gewesen. Die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen unterlag jedoch knapp. Im abschließenden dritten Wahlgang hatten die 250 Delegierten 249 Stimmen abgegeben. Darunter waren drei Enthaltungen und eine ungültige Stimme.

Der neue Ärztepräsident ist seit 2005 Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe und seit 2011 Vorsitzender des Hartmannbundes, einem Berufsverband, der die beruflichen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen von etwa 70.000 Ärzten, Zahnärzten und Medizinstudenten in Deutschland vertritt. Seit 2015 ist der vierfache Vater im Vorstand der Bundesärztekammer – der Spitzenorganisation der ärztlichen Selbstverwaltung. Diese vertritt die Interessen von 500.000 Medizinern in Deutschland.

Patientenbehandlung wie bisher nicht möglich

Der neue Präsident wurde 1960 in Bonn in eine Medizinerfamilie geboren. Ende 1993 übernahm er die Praxis der Eltern in Bielefeld und führt diese heute zusammen mit einem Partner. Nach eigener Angabe behandelt er vor seiner Wahl noch zwei bis drei Mal in der Woche Patienten. »Das wird so nicht mehr möglich sein«, sagte Reinhardt.

Im Vorfeld hatte der Bielefelder Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kritisiert. Er warf dem CDU-Politiker überhastete Gesetzesvorhaben vor. »Wir brauchen mehr Zeit für ärztliches Handeln. Ärztliche Zuwendung und Empathie sind die Basis für das Vertrauen der Patienten in uns. Die Sicherstellung der dafür notwendigen Freiräume muss wieder Maßstab des gesetzgeberischen, aber auch des selbstverwaltenden Handelns werden«, sagte Reinhardt in seiner Vorstellungsrede.

Treffen mit dem Bundesgesundheitsminister

Auf die Treffen mit dem Bundesgesundheitsminister freue er sich. »Er ist ja dafür, dass man sich auseinandersetzt. Er will Debatten führen, dann wird er es auch aushalten, dass wir ihn für bestimmte Dinge kritisieren«, sagte Reinhardt nach der Wahl. An seinem Vorwurf, dass die Politik zu viele Dinge anschiebt, die nur kurzfristig oder oberflächlich wirken, hält Reinhardt fest. »Es geht darum, sich um langfristige Entwicklungen Gedanken zu machen.«

»Erstmals seit 41 Jahren steht mit Klaus Reinhardt ein niedergelassener Arzt und zudem ein Hausarzt an der Spitze der deutschen Ärzteschaft. Dies ist ein historischer Moment und eine große Chance für einen Neuanfang der Bundesärztekammer«, sagte Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Verbandes der niedergelassenen Ärzte Deutschlands. Die Delegierten wählten Heidrun Gitter (58) zu einer von zwei Vize-Präsidentinnen. Die Kinderchirurgin ist leitende Oberärztin in Bremen. Das Team komplett macht Ellen Lundershausen (68), die als Hals-Nasen-Ohren-Fachärztin aus Erfurt auch als Präsidentin der Landesärztekammer Thüringen fungiert.

Was Ärzte wollen

Der 122. Deutsche Ärztetag in Münster hat zum Abschluss am Freitag die Rückverlegung der Antibiotikaproduktion nach Europa gefordert. »Kommt es zu einem hygienischen oder technischen Problem, steht die Versorgungssicherheit auf dem Spiel«, warnten die Abgeordneten. In Europa sei eine hochwertige Produktion unter Einhaltung aller notwendigen Qualitäts- und Umweltaspekte möglich.

Außerdem sprachen sich die 250 Delegierten für die von der Bundesregierung ab März 2020 geplante Impfpflicht gegen Masern aus. Auch sollten die gesetzlichen Krankenkassen künftig generell die Kosten für einen vorgeburtlichen Bluttest auf das Down-Syndrom übernehmen. Die finanzielle Situation der Eltern dürfe bei der Entscheidung, ein behindertes Kind zu bekommen und zu pflegen, nicht entscheidend sein.

In einem weiteren Beschluss wurde die Bundesregierung aufgefordert, einen Sicherstellungsauftrag für die Medikamentenversorgung zu vergeben. Hintergrund sind häufige Lieferengpässe bei Arzneimitteln. Besonders gravierend seien Engpässe bei Krebsarzneimitteln.

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6656849?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198387%2F2513179%2F
Klinik Bethel verteidigt interne Untersuchung
Im Klinikum Bethel wurden Frauen vergewaltigt. Foto: Thomas F. Starke
Nachrichten-Ticker