Für eine weitere Aufwertung sieht die Stadt noch Potenzial – aber auch Grenzen Der Sennefriedhof als Lebensraum

Bielefeld-Senne (WB). Der Sennefriedhof zählt mit seinen 100 Hektar zu den vier größten Friedhöfen Deutschlands, ist fast dreimal so groß wie die Bielefelder Altstadt – und damit auch ein großer zusammenhängender naturnaher Raum. Friedhofsnutzung und Naturschutz sind allerdings nicht immer im Einklang.

Von Peter Bollig
Friederike Hennen (rechts) vom UWB führte die Mitglieder des Naturschutzbeirats über den Sennefriedhof.
Friederike Hennen (rechts) vom UWB führte die Mitglieder des Naturschutzbeirats über den Sennefriedhof. Foto: Thomas F. Starke

Als die städtischen Planer vor gut 100 Jahren den Sennefriedhof in einer Waldlandschaft platzierten, griffen sie den romantisch inspirierten Zeitgeist auf, der den Wald als eine Art Sehnsuchtsort sah. Dass auch Parks und andere städtische Grünflächen Biotope sein können, eine Rolle im Artenschutz und bei der Artenvielfalt spielen, ist eine Idee erst der vergangenen Jahrzehnte, beflügelt durch aktuelle Erkenntnisse zum Artenrückgang. Bei einem Rundgang über den Sennefriedhof informierten sich die Mitglieder des Naturschutzbeirates über die Möglichkeiten, aber auch Grenzen des Naturschutzes auf den Begräbnisstätten.

»Konzeptionsloser Vegetationsmix«

Hartmut Meichsner (CDU), langjähriges Ratsmitglied, Mitglied unter anderem der Bezirksvertretung Mitte, hatte die Diskussion angestoßen, beklagt einen konzeptionslosen Vegetationsmix auf dem Sennefriedhof. Ihm fehlen Schutzräume für sennetypische Pflanzen. Er verweist auf exotische Bäume und Gehölze wie Ginkgo und Kirschlorbeer mit teilweise geringem Nutzen für die heimische Fauna oder sogar der Eigenart, andere Pflanzen zu verdrängen. Gleichzeitig werde gedüngt, um Gewächse zu erhalten, die im Senneboden sonst kaum gedeihen würden.

Dass Bielefelds größter Friedhof ein wichtiger Naturraum ist, machte Friederike Hennen, Leiterin der Abteilung Friedhöfe im städtischen Umweltbetrieb, beim Rundgang deutlich. Der Friedhof sei durch seine vielen Strukturformen mit Hecken, Rasenflächen, Bäumen und Teichen ein Ort mit zahlreichen Lebensräumen. Mehr als 40 Pilzarten wachsen auf dem Sennefriedhof, Hennen zufolge sind darunter vom Aussterben bedrohte Arten.

Eine vielfältige Vogelpopulation, auch Molche haben dort ein Zuhause. Zudem befinden sich auf dem Friedhofsgelände geschützte Dünen – wenngleich diese darunter litten, dass Hundehalter ihre Vierbeiner dort vorschriftswidrig laufen ließen.

Bäume nur schwer zu untersuchen

Friederike Hennen betont aber auch: »Die Fläche ist in erster Linie ein Friedhof.« Dass das an vielen Stellen den ökologischen Aspekten Grenzen setzt, zeigt sie am Beispiel der Efeu-Bäume, von denen es auf dem Areal einige gibt: Efeu umrankt dabei viele Meter hoch die Bäume, wird damit zu einem Brutplatz für Vögel und durch die späte Blüte ein wichtiger Nahrungslieferant für Insekten.

Dieser Bewuchs macht es den Friedhofsmitarbeitern allerdings schwer, den Baum auf Schäden zu begutachten. Das sei aber wichtig im Zuge der Verkehrssicherungspflicht, um sicherzustellen, dass Besucher nicht durch herabfallende Äste oder umstürzende Bäume gefährdet werden. Efeu-Bäume in der Nähe von Wegen und Gräbern seien somit ein Problem.

Das Spannungsfeld zwischen Nutzung und einer ökologisch wünschenswerten Bepflanzung zeigt auch die Grabgestaltung durch die Kunden auf. Da Vorschriften zu machen, sei schwierig. Grundsätzlich regelt die Friedhofssatzung, was angepflanzt werden darf. Friederike Hennen zufolge war das früher eingeschränkter, als nur grünblättrige Gehölze erlaubt waren. Aber der Zeitgeist ändere sich, die Gestaltung wechselte zu weißen und gelben Pflanzen, »die Satzung wurde entsprechend liberalisiert«. Denn bei der Suche nach einer Grabstätte würden sich Kunden bei zu strengen Gestaltungsregeln eben andere Friedhöfe aussuchen.

Nicht belegte Fläche als Chance

Die Abteilungsleiterin zeigte aber auch auf, was im Sinne des Naturschutzes und der Artenvielfalt machbar ist. Eine Chance böten etwa die 17 Hektar Fläche, die nicht mehr mit Gräbern belegt werden. Sie würden sich selbst überlassen, nur noch im Zuge der Verkehrssicherungspflicht bearbeitet. Wege würden zurückgebaut, Flächen entsiegelt. Wo große Rasenflächen waren, gedeiht inzwischen auch die sennetypische Heide.

Friederike Hennen nahm auch den Hinweis aus dem Naturschutzbeirat auf, große Rasenflächen, in denen nur noch vereinzelt Gräber auf das Ende der Nutzungszeit warten, nicht mehr komplett zu mähen, sondern nur noch Wege hineinzuschneiden und den Rest als Wiese wachsen zu lassen. Aber auch da lauern Konflikte, wie Hennen erläutert, weil Wiesenpflanzen auf die Grabstätten aussäen könnten.

Kommentar von Peter Bollig

Es drängt sich auf, parkähnliche Friedhöfe, erst recht einen Waldfriedhof, als Naturraum wahrzunehmen. Er ist aber vor allem ein Kulturraum, den Menschen geformt haben und nach dem Zeitgeist gestalten. Da spielt vor allem die Ästhetik eine Rolle und weniger die Frage, ob Pflanzen der natürlichen Vegetation entsprechen. Ein ökologisch möglicherweise wertvoller, am Ende aber verwildert und ungepflegt wirkender Bestattungsort würde dieser Funktion nicht gerecht.

Gleichwohl ist der Sennefriedhof auch ein belebter Naturraum – und aufgrund seiner Größe ein wichtiger. Angesichts des Artenrückgangs und Insektensterbens ist inzwischen jeder Gartenbesitzer aufgerufen, im Kleinen einen Beitrag zu leisten, die Fauna zu unterstützen, ohne gleich die ganze Gartengestaltung auf den Kopf zu stellen. Das sollte im Großen auch für den Friedhof gelten. Zumindest ungenutzte Flächen bieten Potenzial, sie naturnah aufzuwerten. Und freie Areale zugunsten der Natur einfach mal weniger zu bearbeiten, spart auch Geld.

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