SPD und CDU stürzen bei Europawahl ab – mit Kommentar Grüne werden in Bielefeld zur Nummer 1

Bielefeld (WB). Die Grünen haben die Sensation perfekt gemacht: Mit 28,1 Prozent sind sie bei der Europawahl erstmals stärkste politische Kraft in Bielefeld geworden.

Von Michael Schläger und Burgit Hörttrich
18 Uhr: Als die erste Hochrechnung veröffentlicht wird, gibt es bei den Grünen im Lokal »L’Arabesque« kein Halten mehr: Jubel und fast schon ungläubiges Staunen.
18 Uhr: Als die erste Hochrechnung veröffentlicht wird, gibt es bei den Grünen im Lokal »L’Arabesque« kein Halten mehr: Jubel und fast schon ungläubiges Staunen. Foto: Thomas F. Starke

SPD: Wiebke Esdar (links) und Sally Lisa Starken Foto: Thomas F. Starke

Die SPD fällt in Bielefeld, früher stets eine ihrer Hochburgen, ins Bodenlose, kommt nur auf 18,8 Prozent der Stimmen. Das sind 14,8 Prozentpunkte weniger als bei der Europawahl 2014. Dramatisch auch die Einbrüche bei der CDU. Mit 21,7 Prozent kommen sie zwar auf Platz zwei. Gegenüber der Wahl 2014 müssen aber auch die Christdemokraten ein Minus von 8,9 Prozentpunkten wegstecken

Die Europawahl war damit wohl noch mehr als in anderen deutschen Städten eine Klimawahl. Den Klimawandel hatten die Grüne ganz nach vorn in ihrem Wahlkampf gestellt. Schützenhilfe haben sie womöglich noch am vergangenen Freitag von 3000 »Fridays for Future«-Demonstranten erhalten.

Clausen: »Deutliche Klatsche«

Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) sprach von einer deutlichen Klatsche für seine Partei. Gleichwohl wollte er die Rückschlüsse auf die Kommunalpolitik nicht überbewerten. »Man kann nicht sagen, dass die SPD in Bielefeld eine rückständige Klimapolitik macht.« Die Kommunalwahl im kommenden Jahr, bei der er erneut antreten will, werde unter anderen Vorzeichen stehen. Ein Selbstläufer werde sie für ihn aber nicht, räumte Clausen ein.

Schlechte Stimmung auch bei der CDU. Foto: Thomas F. Starke

Die AfD blieb in Bielefeld mit 7,65 Prozent deutlich unter dem Bundesergebnis. Im Wahlbezirk Baumheide kam sie mit 19,2 Prozent auf ihr bestes Ergebnis im Stadtgebiet.

Die Linke musste leichte Verluste hinnehmen, kam auf 6,5 Prozent in Bielefeld. Die

FDP-Chef Jan-Maik Schlifter erklärt das Ergebnis. Foto: Thomas F. Starke

FDP erzielte 5,4 Prozent, ein deutliches Plus gegenüber der Europawahl 2014. Einen Achtungserfolg konnte in Bielefeld die Satirepartei »Die Partei« erzielen, kam auf 3,2 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Schnelle Wahlhelfer

Am schnellsten waren die Wahlhelfer im Stimmbezirk 23.6 (Gemeinschaftshaus Brönninghausen). Sie meldeten ihr Ergebnis bereits um 18.35 Uhr ans Rathaus.

Die Wahlbeteiligung stieg um fast zehn Prozentpunkte auf 63,8 Prozent. Erstes Indiz für eine deutlich höhere Wahlbeteiligung war schon die hohe Zahl der Briefwähler, die mit mehr als 46.000 einen Rekord bei Europawahlen darstellte. Am Wahlsonntag um 16 Uhr war schon die Wahlbeteiligung der Europawahl 2014 erreicht. Die Wahl in Bielefeld lief insgesamt reibungslos ab. Das städtische Wahlteam meldete keine größeren Störungen

Kommentar von Hans-Heinrich Sellmann

Grüne Politiker und grüne Politik waren in Bielefeld stets sichtbar, häufig sichtbarer als die anderer Parteien. Engagierte Akteure und ebensolche Wahlkämpfe sorgten regelmäßig für starke Ergebnisse. Aber der ganz große Wurf blieb aus. Bis Sonntag Abend.

Doch nur dank des Bundestrends gleich stärkste Kraft? Politik ist wieder Thema. Gerade auf der Straße. Tausende kommen zu den »Fridays For Future«-Demos, noch mehr standen im November gegen Rechts auf. Immer dabei: die Grünen. Nicht immer ausweislich des Parteibuches. Aber immer in der ersten Reihe. Dass Bürger zudem in Sachen Schadstoffbelastung und Jahnplatz-Verkehrsversuch eher grüne Ansichten teilen, hätte dem ein oder anderen längst dämmern können.

Für die CDU reichte es wieder nur zu Platz zwei. Ob »Mister Europa« Elmar Brok mehr herausgeholt hätte? Immerhin ist es gelungen, die taumelnde SPD zu überholen, die in Bielefeld zuletzt immun schien gegen den Bundestrend. Sie wird sich schon jetzt Gedanken machen, was der für die Kommunalwahl und ihren OB-Kandidaten Pit Clausen im nächsten Jahr bedeutet.

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