Bielefelder Allgemeinmediziner Dr. Klaus Reinhardt will Präsident der Bundesärztekammer werden »Wir brauchen wieder mehr Zeit fürunsere Patienten«

Bielefeld (WB). Der Bielefelder Hausarzt Dr. Klaus Reinhardt (59) will Präsident der Bundesärztekammer werden. Der Nachfolger des amtierenden Frank Ulrich Montgomery wird an diesem Donnerstag beim Deutschen Ärztetag in Münster gewählt. Das Besondere an Reinhardts Kandidatur: Mit ihm käme zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten ein Mediziner an die Spitze der deutschen Ärzteschaft, der nicht Krankenhausarzt ist. Andreas Schnadwinkel hat mit Dr. Klaus Reinhardt über das Gesundheitswesen und seine Chancen gesprochen.

Dr. Klaus Reinhardt (59) arbeitet als Allgemeinmediziner in Bielefeld. Auf Funktionärsebene ist er als Präsident des Hartmannbundes und als Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe aktiv.
Dr. Klaus Reinhardt (59) arbeitet als Allgemeinmediziner in Bielefeld. Auf Funktionärsebene ist er als Präsident des Hartmannbundes und als Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe aktiv. Foto: Schnadwinkel

Normalerweise stellen Krankenhausärzte den Präsidenten der Bundesärztekammer. Warum wollen Sie als niedergelassener Allgemeinmediziner diese Tradition durchbrechen?

Dr. Klaus Reinhardt : »Normalerweise« ist schon der falsche Begriff. »Traditionell« trifft es vielleicht eher. Nur weil das über Jahrzehnte so gewesen ist, muss das nicht normal sein. Ein gelegentlicher Wechsel auf der Position tut ganz gut, weil die Blickwinkel auf das Gesundheitswesen verschieden sind und auch davon abhängen, ob man es als angestellter Arzt oder als freiberuflicher Arzt betrachtet. Aus welchem Blickwinkel aber auch immer: Entscheidend ist, dass eine Präsidentin oder ein Präsident authentisch für alle Ärzte sprechen kann.

Warum wollen Sie Präsident der Bundesärztekammer werden?

Reinhardt : Ich bin ein politisch leidenschaftlicher Mensch und setze mich schon seit langem in Ärzteverbänden für die Interessen der Kolleginnen und Kollegen ein. Begonnen habe ich bei der Kassenärztlichen Vereinigung, seit 2005 bin ich Vizepräsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe und seit 2011 Vorsitzender des Hartmannbundes. Insofern ist es für mich eine folgerichtige Entscheidung, diese Präsidentschaft anzustreben. Ebenso folgerichtig ist das für die anderen drei Kandidaten.

Wer sind die Gegenkandidaten? Und wie stehen Ihre Chancen?

Reinhardt : Meine Mitbewerber sind Dr. Martina Wenker, die Landesärztekammerpräsidentin aus Niedersachsen, sowie die Landeskammerpräsidenten Bayerns und Berlins, die Kollegen Dr. Gerald Quitterer und Dr. Günther Jonitz. Ohne dass ich mir realistische Chancen ausgerechnet hätte, wäre ich nicht angetreten, und die Resonanz auf meine Kandidatur ist gut. Aber niemand weiß, wie beim Deutschen Ärztetag abgestimmt wird.

Gibt es eine Art Machtkampf zwischen dem Marburger Bund und dem Hartmannbund?

Reinhardt : Nein. Der Marburger Bund hat mit Jörg-Dietrich Hoppe, Karsten Vilmar und Frank Ulrich Montgomery die vergangenen drei Präsidenten der Bundesärztekammer gestellt. Insofern gibt es da natürlich Ansprüche. Ich trete mit den Kolleginnen Dr. Heidrun Gitter und Dr. Ellen Lundershausen an, die Präsidentinnen der Landesärztekammern von Bremen und Thüringen sind und sich als Vizepräsidentinnen zur Wahl stellen – im Übrigen ausschließlich mit mir im Team für den Fall, dass ich gewählt werden sollte.

Sollten Sie es schaffen: Was steht auf Ihrer Agenda ganz oben?

Reinhardt : Wir brauchen unbedingt wieder mehr Zeit für unsere Patienten. Es gibt unterschiedliche Ursachen dafür, dass das derzeit nicht so ist. Das hat unter anderem mit dem Dokumentationsaufwand und dem Honorarsystem zu tun. Und auch damit, dass die Medizin neue Aufgaben hinzubekommen hat, die man vielleicht trennen und delegieren könnte. Manche haben die Sorge, dass Nicht-Ärzte medizinische Tätigkeiten übernehmen und die Politik auf die Idee einer »Medizin Light« kommen könnte. Dem würde ich mich ebenso entgegenstellen wie neuen Playern im System, die neue Versorgungsebenen schaffen. Im Gesundheitswesen gibt es schon genug Brüche, da müssen wir also keine weiteren einziehen.

Was stimmt nicht mit dem Honorarsystem?

Reinhardt : Als niedergelassene Ärzte erhalten wir Honorar pro Patient – und zwar quartalsweise. Das bedeutet, dass wir den Patienten einmal im Quartal sehen müssen. Eine Praxis braucht einen Grundumsatz, um die gesamte Struktur aufrechterhalten zu können. Wenn das mit ganz vielen kleinen Beträgen erwirtschaftet werden muss, dann kommt das dem ärztlichen Handeln und damit auch dem Patienten nicht zugute. Die Drehgeschwindigkeit im Hamsterrad wird immer weiter erhöht. In vielen Fällen reicht es mit Blick auf eine gute Versorgung auch aus, wenn der Arzt den Patienten halbjährlich sieht und ganz schnell, wenn der Patient akut krank wird.

Was wollen Sie dagegen tun?

Reinhardt : Wir müssen das vorurteilsfrei diskutieren. Ich halte die Krankenkassen und Kostenträger – bei allem Respekt – für die phantasielosesten Beteiligten in dieser Sache. Wenn ich Bundesgesundheitsminister wäre, würde ich denen Beine machen. Denn denen geht es offensichtlich im Wesentlichen darum, Kosten zu senken. Dabei wird vergessen, dass sich Ärzte in Praxen und Kliniken den kranken Menschen auch zuwenden können müssen.

Wohin geht der Trend beim Arztberuf?

Reinhard t: Wir erleben in der Medizin, dass die Ärzteschaft nicht mehr in dem Maße bereit ist, sich selbstständig zu machen, wie früher. Auch in den niedergelassenen Praxen arbeiten zunehmend angestellte Ärztinnen und Ärzte. Das hat auch mit der steigenden Zahl der Ärztinnen zu tun, die nicht gleichzeitig eine Familie gründen und eine Praxis eröffnen wollen. Und damit, dass die junge Medizinergeneration das wirtschaftliche Risiko scheut, das ich für eher klein halte. Ich denke, dass die wirtschaftliche Selbstständigkeit eine gute Basis für das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist, denn der Arzt hat ein eigenes Interesse daran, seine Patienten zufriedenzustellen.

Wie finden Sie Jens Spahn als Bundesgesundheitsminister?

Reinhardt : Jens Spahn macht den Job sehr engagiert. Das kann man ihm nicht absprechen. Dabei profitiert er auch von seiner langjährigen Erfahrung im Gesundheitsausschuss des Bundestags. Manches an seiner Politik finde ich allerdings kritikwürdig. Das Tempo, mit dem er Gesetzesvorhaben auf den Weg bringt, ist viel zu hoch. Das verunsichert die Beschäftigten im Gesundheitsbereich genauso wie die Patienten. Formal halte ich es für problematisch, wenn ein Minister in ein Gesetz schreibt, dass sein Ministerium 51 Prozent an der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte übernehmen will. Und aufgrund der ohnehin schon hohen Behandlungsdichte in den Praxen halte ich das Terminservice- und Versorgungsgesetz für schwierig. Generell fehlt mir in der Gesundheitspolitik der perspektivische Blick, auch im Hinblick auf eine demographische Entwicklung bei den Ärzten, die nicht anders ist als in anderen Berufsgruppen.

Ist ein Gesundheitsminister nur dann ein guter Gesundheitsminister, wenn er von Ärzten und Apothekern kritisiert wird?

Reinhardt : Im Gegenteil. Man kann nicht gegen drei Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen regieren. Das sind mehr Arbeitnehmer als in der Autoindustrie. Und volkswirtschaftlich sollte man das nicht immer nur unter den Aspekten Beitragszahler und Lohnnebenkosten sehen. Im Bereich der Therapien und der Medizintechnik werden Innovationen entwickelt, da findet Wertschöpfung statt.

Die SPD bringt immer wieder die Bürgerversicherung ins Spiel. Was halten Sie davon?

Reinhardt : Wenig. Um nicht zu sagen: nichts. Wenn man heute auf dem Reißbrett ein Gesundheitssystem entwickeln würde, dann hätte man wahrscheinlich eine einheitliche Versicherung. Wenn man mit dem Begriff »Bürgerversicherung« meint, dass Bürger eine Wahl haben und der Wettbewerb zwischen den Anbietern dem Gemeinwohl dient, dann hätte ich nichts gegen ein einheitliches System. Aber das meint die SPD nicht. Das System unserer Gesetzlichen Krankenversicherung ist ein Pseudowettbewerb. Daher ist es gut, dass wir auch private Krankenversicherungen haben. Dabei spielt es für mich als Arzt keine Rolle, wie ein Patient versichert ist. Da sehe ich nur den Menschen, der vor mir sitzt und nicht gesund ist. Das ist für einen Arzt sehr befreiend.

Welches Gesundheitssystem schwebt Ihnen vor?

Reinhardt : Ich könnte mir ein System von freien privaten Krankenversicherungen vorstellen, die allen Menschen einen Grundleistungskatalog ohne Gesundheitsprüfung anbieten müssen. Gleichzeitig müsste man eine Versicherungspflicht einführen. Menschen mit mittleren und kleineren Einkommen müssten in diesem System auch nicht in Vorkasse treten. Wenn jeder Patient eine Rechnung erhält, kommt mehr Transparenz in das gesamte System. Und die Menschen lernen, mit dem Gut der Gesundheit bewusster umzugehen. Das Gesundheitswesen wird häufig – sicherlich meist unbewusst – auch willkürlich in Anspruch genommen und nicht immer besonders solidarisch. Da gibt es viele Menschen, vor allem alleinlebende ältere Frauen, die sich sehr zusammennehmen. Auch darüber muss diskutiert werden.

Wenn von jetzt auf gleich keine Beiträge mehr gezahlt würden, hielte die Gesetzliche Krankenversicherung finanziell zwei Monate durch, die privaten Krankenversicherungen aber neun Jahre. Liegt das nur an den Rückstellungen?

Reinhardt : Ja, diese Rückstellungen sind so hoch. Das habe ich herausgestellt, weil der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach behauptet hat, dass die privaten Krankenversicherungen ein totes Pferd seien, das weiter geritten würde. Lauterbach hat sich darauf bezogen, dass die Verzinsung der Rückstellungen wegen der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank zu höheren Beiträgen im Alter führe. Das ist richtig, heißt aber nicht, dass das System der privaten Krankenversicherungen ein höheres Maß an demographischer Unabhängigkeit entwickelt hat als die Gesetzliche Krankenversicherung, in der immer weniger Beitragszahler immer mehr Leistungsempfänger finanzieren müssen.

Ist das Terminservice- und Versorgungsgesetz für Sie schon Staatsmedizin?

Reinhardt : Das ist insofern Staatsmedizin, als der Gesetzgeber in unglaublicher Detailtiefe in den Versorgungsalltag eingreift. Die Terminregelungen gehören in den meisten Praxen längst dazu. Und ich frage mich, was ein »dringlicher Fall« sein soll? Wer schätzt das ein und legt das fest? Solche Überlegungen sind zu kleinteilig, da entfernen wir uns weit von der freien Berufsausübung und vom Ermessen des Arztes und der Ärztin. Seitens der Gesundheitspolitik besteht nach wie vor eine Misstrauenskultur. Und dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn sich Ärztinnen und Ärzte von der kurativen Tätigkeit abwenden.

Finanzinvestoren drängen in den Gesundheitsbereich. Droht die medizinische Versorgung noch weiter ökonomisiert zu werden?

Reinhardt : Ja, ganz klar. Ich unterscheide aber zwischen Ökonomisierung und Kommerzialisierung. Ökonomisches Denken ist im Gesundheitsbereich nicht unangemessen. Wirtschaftliche Aspekte können in Praxis, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen nicht ausgeblendet werden. Wenn aber zum Beispiel das primäre Ziel medizinischer Versorgungszentren Gewinnmaximierung ist, getrieben von schnellen und hohen Renditevorstellungen, dann halte ich das für fragwürdig. Gesundheit ist nun einmal kein Wirtschaftsgut.

Martin Litsch, der Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes, hält jede vierte Klinik für überflüssig. Sie auch?

Reinhardt : Wir haben zu viele Klinikstandorte und vielleicht auch zu viele Träger, die zu wenig kooperieren. Es gibt in der klinischen Versorgung sicher viele Möglichkeiten, effektiver zu arbeiten. Aber die Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger in den Kliniken sind mit Sicherheit nicht überflüssig. Kein einziger und keine einzige. Ich denke, dass wir aufgrund der Leistungsdichte noch zu wenig Pflegepersonal haben und auch zu wenige Ärzte. Wir müssen sehen, dass es Regionen gibt, die ohne ausländische Ärzte gar keine medizinische Versorgung hätten. Das gilt übrigens auch für Ostwestfalen-Lippe.

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