Heißer April: Milliarden Borkenkäfer überfallen die Fichten im Teutoburger Wald Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

Bielefeld (WB). Der fatale Dreiklang aus Orkan Friederike, Dürre 2018 und massivem Befall mit Borkenkäfern zeichnet im Teutoburger Wald dramatische Bilder: riesige Polder mit Fichtenstämmen, ruinierte Waldstücke. Auf der sommerlich warmen Lichtung schwirren tausende Borkenkäfer. Revierförster Erhard Oehle ist Realist: »Vergleicht man die Käfer-Katastrophe mit einer Sinfonie, sind wir im April gerade erst bei der Ouvertüre. Große Teile des Waldes wird man Ende 2019 nicht wieder erkennen.«

Von Michael Diekmann
Punktgenau: Per GPS sind Schadbäume auf der Karte markiert. Erhard Oehle (links) mit Harvesterfahrer Johannes Kraak.
Punktgenau: Per GPS sind Schadbäume auf der Karte markiert. Erhard Oehle (links) mit Harvesterfahrer Johannes Kraak. Foto: Oliver Schwabe

Die Szenerie östlich des Eisernen Antons macht betroffen. Es ist weit über 20 Grad warm, staubtrocken, die Luft flimmert. Laubbäume sind schon voll im Grün. Am Rand des Hermannsweges liegen Stämme aufgereiht, Polder um Polder zum Abtransport. Häufig sind auf der Nordseite der Kuppe Waldstücke gerodet. Nur noch die Reste ehemals vertrockneter Fichtenkronen liegen herum. Hier hat Johannes Kraak mit seiner Großmaschine schon ganze Arbeit geleistet. Was Revierassistent Michael Schulz (35) in stundenlanger Laufarbeit im Teuto registriert, online notiert und mit der Sprühdose markiert, fällt und entastet Kraak zeitnah.

Der Wald hat Stress, weiß Erhard Oehle. Die Forstbranche auch. Aber im Frühjahr 2019 ist einiges anders. Der Generalangriff des Landesbetriebs Wald und Holz und der allein 239 privaten Waldbesitzer in Bielefeld auf das desaströse Käferproblem hat neue professionelle Unterstützung bis zur konsequenten Vermarktung des Schadholzes bis nach Asien.

Der Fahnder im Wald

Michael Schulz nennt sich offiziell Kalamitätshelfer. Zunächst auf ein Jahr ist er vom Landesbetrieb an Oehle in Bielefeld delegiert, um wie Sherlock Holmes die Detailrecherche zu betreiben. Schulz, gebürtig aus Lemgo, ist seit Februar täglich im Teutoburger Wald unterwegs, von Peter auf´m Berge bis zum Schopketal immer entlang des Hermannsweges.

Gegen Milliarden Borkenkäfer setzt der Mensch auf modernste Technik in einem funktionierenden Netzwerk vom Landesbetrieb als zentraler Koordinationsstelle bis zum Förster und Forstdienstleister als Fäller. »Ich werde mich nicht mehr rechtfertigen für den Einsatz von Großmaschinen, es geht nicht ohne, aus Effizienz und Sicherheit«, sagt Oehle fast trotzig. Die Großmaschine zieht die schadhaften Stämme zweifach durch die Rindenfräse, um noch mehr Käferrinde abzutrennen vom Holz. Und dann, so Oehle, muss es in kürzester Zeit raus aus dem Wald zur Vermarktung.

Das Käferproblem im Bielefelder Fichtenwald ist auch ein Zeitproblem. Es geht um jeden Tag. Für Christian Wulf (43) auch. Der Chef eines Sägewerks im sauerländischen Schmallenberg ist Oehles zweite »Geheimwaffe« gegen die Käferkalamität. Wulf sägt nicht nur für den heimischen Markt. Seit Orkan Friederike im Winter 2018 baut Oehle bei der Vermarktung der Riesenmengen Fichte aus Bielefelds Wäldern auf Wulf und sein Exportkonzept. So begrenzt man Wertverlust für Waldbesitzer, findet Abnehmer.

Fertig zum Abtransport

In der Haarnadelkurve liegen die Stämme aufgereiht. Zwei 40-Fuß-Container werden damit beladen, verschifft nach Asien. Der asiatische Markt von Vietnam bis China ist wohl das einzige Mittel, heimischen Waldbesitzern noch einigermaßen verträgliche Preise zahlen zu können und Mengen abzunehmen, wo heimische Sägewerke allesamt abwinken. Manche Säger in der Region, weiß Oehle, begrenzen ihre Abnahmemenge auf 100 Festmeter in einem Quartal. Aber: Der Harvester fällt diese Menge locker an einem Vormittag.

Etwa 5000 Festmeter Fichte hat Christian Wulf seit Herbst allein in Bielefeld abgenommen, mehr als 2000 Stämme. »Asien ist ein wichtiger Handelspartner«, sagt Oehle. Was nicht auf 11,80 Meter Länge in Übersee-Container passt, wird zu Spanplatte oder Energieholz. Die Frage nach Brennholz für heimische Ofenbetreiber stellt sich nicht. Berge von Fichtenabschnitten liegen herum. Aber der Kunde im Reihenhaus will eben Buche im Designerofen, agiert eher kurzsichtig statt nachhaltig.

Angriff geht unter die Rinde

Die Aussichten für Bielefelds Wald schätzt Förster Oehle dramatisch ein. Die Fichten sind im Dauerstress, trockene tragen noch die Zapfen des Vorjahres. Buchen haben ein Schimmelproblem. Das Eschentriebsterben ist bekannt. Die aktuelle Trockenheit wird die Probleme weiter verschärfen. Wie das aussieht, zeigt Michael Schulz an einer der vier Käferfallen, die er aufgestellt hat. Durch einen Botenstoff angelockt, fliegen die kleinen »Buchdrucker« vor Lamellen, fallen in einen Auffangbehälter. Einmal wöchentlich wird kontrolliert, die Zahl der Käfer registriert und ans Kataster gemeldet: 50 Käfer sind ein Milliliter im Messröhrchen. Es wimmelt. Jedes Weibchen legt 100.000 Eier ab unter der Rinde. Dort entsteht auch das Labyrinth der Gänge, das den Nahrungsfluss des Baumes unterbricht. Pro Baum rechnet man mit bis zu 1,5 Milliarden Nachkommen. Irre Zahlen.

Nach Ostern wird man gezielt Köderbäume auslegen und mit Pflanzenschutzmitteln behandeln. Oehle: »Im vergangenen Jahr gab es drei Käferpopulationen. Gerade fliegt erst die erste Auflage 2019.« Was Profis auch besorgt: Seit den letzten Großschäden hat die Gesellschaft keine Daseinsvorsorge getroffen. Es kann kaum Holz auf der Eisenbahn transportiert werden, es fehlt an Fachlogistik, Holzdienstleistern oder großen Nasslagerstätten. Sägewerke wurden marktbereinigt und geschlossen. Gut 40 Prozent Ausfall bei den Fichten im Teuto sind schon amtlich. In manchen Lagen droht Totalausfall.

Kommentare

Am Problem vorbei geschrieben..

Das ist jetzt schon der zweite Artikel, indem die schlechte Situation des Waldes besprochen wird, ohne auch nur einmal das wahre Problem anzusprechen.
Die Fichte ist ein Gebirgsbaum, der feuchtes und kaltes Klima benötigt. Die Fichten hatten hier im Teutoburger Wald also noch nie ideale Bedingungen und durch den Klimawandel scheinen wir gerade die Grenze zum Überleben zu überschreiten.
Da braucht man sich dann auch nicht wundern, das geschwächte Fichten Monokulturen von Borkenkäfern befallen werden!

Natürlich ist das wirtschaftlich gesehen ein Schaden und die Fehler wurden wohl eher von vorherigen Generationen gemacht. Aber jetzt die Probleme bei den Käfern/Sägewerken/Klima/Brennholzkunden zu suchen, ist ja schlichtweg falsch.
Außerdem scheint der Schaden wohl eher zukünftige Generationen zu betreffen, da jetzt ja viel Holz geschlagen und verkauft wird.
Es wäre also an der Zeit umzudenken und keine Fichten mehr zu Pflanzen! Ansonsten werden kommende Generationen wohl die Suppe auslöffeln dürfen!

Aus Gesellschaftlicher und Naturschutzsicht, ist es auch wirklich nicht schade um die Fichten. Denn so ein dunkler Monokultur Fichtenwald hat kaum Erholungswert und bietet auch keinen besonderen Lebensraum für Tiere.

Es handelt sich hier also um ein Hausgemachtes Problem der Holzwirtschaft, dass ein Umdenken erfordert bzw. erzwingt! Wirtschaftlich gesehen lohnt dies auch, denn ein Buchen-Mischwald erbringt aufgrund der höheren Holzqualität auch höhere Preise.

1 Kommentare

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