»Der große Reibach«: Bielefelder Studenten entwickeln kapitalismuskritisches Brettspiel
Einmal Finanzhai sein

Bielefeld (WB). Die weltweite Wirtschaft feiert einen Geburtstag, auf den sie wohl gerne verzichtet hätte: Zehn Jahre Weltwirtschaftskrise. Das wäre Grund genug, eine Chronik aufzusetzen, oder mahnende Worte zu finden – oder ein Gesellschaftsspiel zu entwickeln.

Dienstag, 02.04.2019, 11:22 Uhr aktualisiert: 02.04.2019, 12:24 Uhr
Das Ergebnis aus fünf Jahren Arbeit: Zusammen mit ihren Freunden Nils Büteröwe und Thomas Middelanis haben Martin Middelanis (links) und Nils Brünger das Brettspiel »Der große Reibach« entwickelt. Jetzt geht es ans Geldsammeln. Foto: Bernhard Pierel

Das haben sich zumindest die vier Bielefelder Studenten, Martin (24) und Thomas Middelanis (22) sowie Nils Büteröwe (24) und Nils Brünger (24) gedacht. Ihr Spiel »Der große Reibach« soll allerdings nicht unbedingt Wissenslücken schließen, aber mindestens zum Nachdenken anregen. Wer das ganz große Spielgeld einsacken will, der steigt beim Spiel der einstigen Schulfreunde vom Bielefelder Ceciliengymnasium zunächst einmal zum CEO einer großen Bank auf.

Und damit entbrennt auch schon der Kampf um die Gunst der potenziellen Kunden und die Ungunst der Mitspieler, die mit am Tisch sitzen. »Ziel ist es eigentlich nicht, das Spiel zu gewinnen, sondern dem anderen möglichst großen Schaden zuzufügen«, erklärt Entwickler Nils Brünger. Das soll als Kritik am kapitalistischen System verstanden werden – wenn auch mit einem zwinkernden Auge. »Das Spiel ist eine Karikatur. Also durchaus überspitzt, aber immer mit einem wahren Kern. Teilweise geht es in echt sogar noch viel schlimmer zu als bei uns«, sagt Martin Middelanis.

Fünf Jahre Entwicklungszeit

Entstanden ist »Der große Reibach« allerdings nicht in Bielefeld, sondern in Berlin – nach einem Konzert der Band »Die Ärzte«. »Da saßen wir zusammen und sind irgendwie darauf gekommen, ein Spiel entwickeln zu wollen.« Eine Heimfahrt voller sprudelnder Ideen später war der Entschluss gefasst. Gut fünf Jahre ist das jetzt schon her. »Wir haben extrem viel ausprobiert und immer wieder gespielt, um zu schauen, ob alles funktioniert.« Immer wieder wurde das Regelwerk umgeworfen und überholt.

Auf folgende Variante haben sich die Bielefelder nach jahrelanger Detailarbeit geeinigt: »Der große Reibach« soll zwei bis fünf Spieler ans Spielbrett locken und für zwei bis drei Stunden an den großen Finanzmärkten arbeiten lassen. »Es ist ein Spiel für Erwachsene«, betont Middelanis, der ein Mindestalter von 16 Jahren empfiehlt. Mit Hilfe von Aktionspunkten können die Spieler neue Kunden oder Komplizen für eine Attacke auf die konkurrierenden Banken gewinnen. Parallel bieten die Spieler um die besten Bankberater, um beim regelmäßig ausgewürfelten Vertrauenstest nicht die Kundschaft und ihr allseits begehrtes Vermögen zu verlieren.

In Fahrt kommt die Partie, wenn die ersten Funktionskarten ausgespielt werden. Vom Banküberfall über Klagen bis zum Anhängen eines Sexskandals bleibt dann nichts unversucht, um die Konkurrenz zu schwächen. Wer als erstes 80.000 Euro erwirtschaftet hat, gewinnt das Spiel. Der Clou: Wie viel Geld gerade in der »eigenen Tasche« lagert, weiß nur der Spieler selbst. »Es kommt also sehr auf die Taktik an«, erklärt Nils Brünger. Damit wollen sich die Entwickler auch deutlich vom vermeintlich großen Spielebruder Monopoly abgrenzen. »Das hat viel mit Glück zu tun. Wer dort am Anfang führt, der führt meist auch am Ende. Aber bei uns kann jederzeit alles passieren«, sagt Martin Middelanis.

Nachhaltige Materialien

Um Abgrenzung geht es übrigens auch bei der Produktion. So sollen beinahe alle Komponenten des Spiels nachhaltig produziert werden. »Wer sich kapitalismuskritisch gibt, der sollte schließlich auch auf seine Produktion achten«, scherzt Middelanis. Den richtigen Hersteller haben die vier Bielefelder nach langer Suche in Bayern aufgetrieben. Und der wartet auf seinen ersten großen Auftrag. Seit Montag sammelt die für das Spiel gegründete Firma »Kasimir Hahn« auf der Crowdfunding-Plattform StartNext Geld für die Finanzierung der ersten Produktion. Wer mindestens 39 Euro spendet, bekommt eines der ersten Exemplare geliefert.

Ausschließen, dass »Der große Reibach« das einzige Projekt der Studenten sein wird, kann Martin Middelanis schon allein aufgrund der weltlichen Lage nicht. »Die Menschen haben nichts aus der Krise gelernt. Alles läuft wie vorher.« An Stoff und Ideen wird es also nicht scheitern.

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