Wie der Tierschutzverein die Population mit einem Wohnwagen regulieren will
Hier sind Bielefelds Tauben zu Hause

Bielefeld (WB). Ein Wohnwagen von zwei Metern Breite, fünf Metern Länge und drumherum eine schmale Terrasse unterhalb des Ostwestfalendamms. So sieht das Zuhause der Bielefelder Stadttauben aus. Und das nicht für eine Handvoll oder einige Dutzend, sondern für hunderte. Das wird allmählich zum Problem.

Montag, 01.04.2019, 18:45 Uhr aktualisiert: 01.04.2019, 18:54 Uhr
Einige von vielen hundert: Tierschützer kalkulieren, dass etwa 900 bis 1000 Tauben in der Bielefelder Innenstadt leben. Foto: Bernhard Pierel

Autofahrer begrüßt die lange Taubenreihe auf der OWD-Betonbalustrade zu jeder Tageszeit und auch die Bäume rund um den Wohnwagen sind dicht von unzähligen Tauben besetzt. Auch wenn an der Mindener Straße rein rechnerisch auf 108 Nistplätzen 216 Tauben Platz finden, reicht der laut Helmut Tiekötter vom Bielefelder Tierschutzverein schon seit längerer Zeit nicht mehr aus. »Sinn und Zweck des Wagens war es eigentlich, den Taubenbestand zu regulieren und zu reduzieren. Aber das klappt bisher nicht wirklich.« Rund um das Taubenhaus an der Mindener Straße halten sich seinen Angaben nach etwa 400 Tauben auf, in der gesamten Stadt kalkuliert Tiekötter mit bis zu 1000 Tieren, darunter auch einige Brief- und Hochzeitstauben.

»Es gibt mehr Taubenfreunde als viele denken«

Seit 15 Jahren kümmert sich eine kleine Gruppe aus sieben bis neun Menschen unter dem Namen »Stadttauben Bielefeld« um die Tiere und wird dabei von Ehrenamtlichen, der Stadt, dem Veterinäramt und dem Tierschutzverein unterstützt.

An der Mindener Straße informiert die Gruppe mit Flyern und bittet um personelle und finanzielle Unterstützung. Alle drei Monate muss der Wagen grundgereinigt werden. Die Ehrenamtlichen seien laut Tiekötter allerdings im ganzen Stadtgebiet im Einsatz. Verletzte oder kranke Tauben können der Gruppe auch via Facebook gemeldet werden. Bei Aussicht auf Heilung, werden die Tiere bei den Tierschützern gepflegt. Ein schlechter Ruf eilt den Tauben nach Helmut Tiekötters Erfahrungen übrigens nicht voraus. »Es gibt deutlich mehr Taubenfreunde als viele denken. Das merken wir an den vielen besorgten Anrufen.«

Hartnäckige Mythen

Ihr Taubenhaus nutzen die Tierschützer zudem, um mit hartnäckigen Mythen aufzuräumen. So sei Taubenkot, anders als häufig vermutet, nicht gesundheitsgefährdender als der von Hunden oder Katzen. Auch der Beiname »Ratte der Lüfte« passt laut Tiekötter nicht. »Der Unterschied ist, dass das Taubenproblem menschgemacht ist. In den Nachkriegsjahren wurden die Tiere als Brieftauben genutzt oder gezüchtet. Die Stadttaube ist jetzt das menschgemachte Abfallprodukt.«

Zuhause für etwa 200 Tauben: Seit drei Jahren steht der Taubenwagen an der Mindener Straße unter dem Ostwestfalendamm.

Zuhause für etwa 200 Tauben: Seit drei Jahren steht der Taubenwagen an der Mindener Straße unter dem Ostwestfalendamm. Foto: Bernhard Pierel

Um dessen Population im Rahmen zu halten, setzen die Tierschützer auf das so genannte Augsburger Modell. Anders als frühere Vergrämungsmethoden, die Tauben mit Nägeln auf Laternen oder Werbeschildern und mit gezielter Tötung aus Innenstädten vertreiben sollten, will man den Tieren das Leben dabei an einem ausgewählten Ort möglichst bequem und attraktiv machen. In Bielefeld ist das die Mindener Straße. Durch das Bereitstellen von artgerechtem Futter und Nistplätzen sollen die für gewöhnlich sehr standorttreuen Tauben an ihr neues Zuhause gewöhnt werden.

Und einmal im Taubenhaus sesshaft geworden, kann der Tierschutzverein die Population beeinflussen. Tauben brüten bis zu sechs Mal im Jahr auf jeweils zwei Eiern – im Wagen an der Mindener Straße sind die allerdings größtenteils aus Plastik. Nach dem Legen tauscht der Tierschutzverein die echten Eier gegen Attrappen aus, um eine unkontrollierte Vermehrung zu verhindern. Zwischen April 2018 und Januar 2019 wurden so fast 600 Eier ausgetauscht, zu Hochzeiten bis zu zwölf am Tag.

Tauben weichen unter Eisenbahnbrücke aus

Ein Modell, das laut Helmut Tiekötter allerdings an Grenzen stößt. So würden Tiere mangels Platz im Wohnwagen immer wieder in die nähere Umgebung des Taubenwagens ausweichen und beispielsweise unter der Bahnbrücke an der Arndtstraße brüten. Die war eine Zeit lang mit Netzen verhängt, um ein Niederlassen zu verhindern. Seit die Netze abgenommen wurden, sind auch die Tauben wieder zurück.

Und tatsächlich: Zu Dutzenden verkriechen sich die Tiere auf den Stahlträgern und bauen Nester. Die Hinterlassenschaften auf dem Gehweg und von Zeit zu Zeit auf den Köpfen der Fußgänger seien dabei aber das geringere Übel. Denn abseits des Taubenwagens können sich die Tiere unkontrolliert vermehren. »Der Taubenwagen muss dringend um mindestens die gleiche Größe ergänzt und die Eisenbahnbrücken wieder gegen das wilde Nisten geschützt werden.« Ohne die Fütterung im Wohnwagen würde der Bestand laut Tiekötter zwar nicht zwangsläufig wachsen. »Aber alle wären gezwungen, sich ihr ›täglich Brot‹ in der Stadt zu suchen«, erklärt Tiekötter.

Taubenhaus auf dem Loom?

Aus der Stadt und auf das Land zu vertreiben sind die Tiere übrigens nicht ohne Weiteres: Als so genannte Felsenbrüter sind Tauben auf die Gebäude einer Stadt als Lebensraum angewiesen. »In der freien Natur hätten sie kaum eine Chance zu überleben.« Der Taubenwagen an der Mindener Straße ist nicht der erste Versuch, die Tiere gezielt an einem bestimmten Ort anzusiedeln. Bis vor drei Jahren lag der auf dem Parkhaus an der Jöllenbecker Straße nur wenige Meter vom heutigen Standort entfernt, wurde im Laufe der Zeit allerdings deutlich zu klein.

Den Engpass soll jetzt ein neues Taubenhaus in der Innenstadt lösen – möglicherweise auf dem Dach des Loom-Einkaufzentrums. Auf Anfrage teilte Geschäftsführer Michael Latz mit, grundsätzlich gesprächsbereit zu sein. »Wir wissen um die Situation der Stadttauben in unserer Umgebung. Aber in solchen Gesprächen müsste auch geklärt werden, welche Rahmenbedingungen für die Tiere und unsere technischen Anlagen auf dem Dach geschaffen werden müssten.«

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