Ausstellung in der VHS zeigt Aufstieg und Ende des Arbeiterfußballs
Den Torrichter erfunden

Bielefeld (WB). Wer an Arbeiterfußball denkt, bringt das fast unweigerlich mit dem FC Schalke 04, Borussia Dortmund oder einer kampfbetonten Spielweise in Verbindung. »Aber das ist eigentlich komplett falsch«, sagt Dr. Eike Stiller vom Verein Arbeiterfußball Kreis Paderborn.

Freitag, 08.03.2019, 11:00 Uhr
Auf den Spuren des Arbeiterfußballs: Die Ausstellung »Der andere Fußball« ist eine Aktion des Bielefelder Fan-Projekts (links mit Jörg Hansmeier), der Volkshochschule (Mitte mit Gerd Kurbjuhn) und Dr. Eike Stiller (Arbeiterfußball Kreis Paderborn). Foto: Oliver Schwabe

Die in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule und dem Fan-Projekt Bielefeld organisierte Ausstellung »Der andere Fußball – 100 Jahre Arbeiterfußball« soll das Bild gerade rücken.

Denn zur Klasse der Arbeitervereine hätten S04 und BVB zu keinem Zeitpunkt gehört. »Das waren durch und durch bürgerliche Klubs«, erklärt Stiller. Dementsprechend groß seien die Unterschiede zu dem gewesen, was man vor 100 Jahren noch unter Arbeiterfußball verstand. Schon die Spielweise hatte mit Kampf wenig zu tun. »Es wurde offensiv und attraktiv gespielt.«

Hand in Hand im dem Kriegsfeind auf das Spielfeld

Und auch in Sachen Werte habe sich der Fußball der Arbeiterklasse abgehoben. »Es ging nicht ums Gewinnen, sondern um einen fairen Wettkampf.« Während es in den Vereinen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), das bürgerliche Pendant des Arbeiter-Turn-und-Sportbundes (ATSB), gerade bei Torhütern immer wieder schwere Kopfverletzungen gegeben habe, galt unter den Arbeitern das Gebot der Rücksichtnahme. »Der Gegner war ja häufig ein Kollege, mit dem es am nächsten Tag schon wieder runter in den Schacht ging«, erklärt Stiller.

Neben Exponaten und Infotafeln sind in der Volkshochschule auch Fußball-Magazinen aus der Zeit des Arbeiterfußballs zu sehen.

Neben Exponaten und Infotafeln sind in der Volkshochschule auch Fußball-Magazinen aus der Zeit des Arbeiterfußballs zu sehen. Foto: Oliver Schwabe

Und auch bei Regelfragen hätten die Arbeiter eine Art Vorreiterrolle eingenommen. Schon in den 1920er Jahren habe es bei ATSB-Partien eine Art Torrichter gegeben, der beruhigend auf das Spiel einwirkte und kontrollierte, ob ein Ball die Torlinie vollständig überschritten hatte. »Der europäische Fußballverband hat dafür bis 2009 gebraucht«, scherzt Stiller.

Und sportliche Fairness sei nicht nur eine Plattitüde gewesen. »Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges ist die Nationalmannschaft der Arbeiter Hand in Hand mit den Engländern, also dem Kriegsfeind, ins Stadion eingelaufen«, hat Stiller rekonstruiert. Die spielerische Klasse der Arbeiter-Fußballer blieb auch den im DFB organisierten bürgerlichen Vereinen nicht verborgen. So wurden Ausnahmekönner wie Erwin Seeler, Vater von Uwe Seeler und Alfons Beckenbauer, Onkel von Franz Beckenbauer, mit ​der Zeit abgeworben und ließen den Fußball des Proletariats hinter sich.

Tradition ist verloren gegangen, Namen sind geblieben

Der fand mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 ein jähes Ende. Nach dem zweiten Weltkrieg gründeten sich viele der Arbeitervereine zwar neu. »Die Traditionen wurden aber nicht so sehr weitergegeben«, sagt Gerd Kurbjuhn von der Volkshochschule Bielefeld. Was blieb: vor allem namentliche Relikte. So firmiert der TuS Ost nach wie vor mit dem Zusatz Freie Turn- und Sportvereinigung (FTSV).

Und die trägt ihre Spiele bis heute auf dem Sportplatz aus, den die Arbeiter einst pachteten und in Eigenarbeit für den Spielbetrieb hergerichtet hatten. Auch der VfB Fichte Bielefeld hat seinen Namen dem Arbeiterfußball zu verdanken. Der Zusatz Fichte galt nämlich dem Philosophen Johann Gottlieb Fichte mit seinem Leitspruch »Gleich sei alles, was Menschenantlitz trägt«.

Die Ausstellung im kleinen Saal der Volkshochschule ist noch bis zum 17. April wochentags von 10 bis 18 Uhr und an Wochenenden von 11 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist kostenlos. Zuvor machte sie schon Station im Deutschen Fußball-Museum in Dortmund und geht in den kommenden Monaten auf Deutschland-Tour.

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